Autor John Connolly lässt es in seinem mittlerweile sechsten Charlie Parker-Roman recht ruhig angehen. Man bemerke dabei, ruhig, aber nicht uninteressant. Das ist der Unterschied.
Eine junge Frau, die von einem Fremden belästigt wird. Nichts Aufregendes und wirklich Bedrohliches und genau so wie der Leser, denkt wohl auch Connollys Figur Charlie Parker und fast ein Drittel des Buches "plätschert" förmlich so dahin. Nicht das es keinen Spass macht, das zu lesen.
Connolly beobachtet durch die Augen seiner Romanfiguren Landschaften, Städte, Gebäude und die Menschen, die darin Leben. Häuser sind nicht irgendwelche Gebäude, die mit einem Satz als Solche abgetan werden. Sie haben eine Vergangenheit, haben Besitzer, haben eine Geschichte, die so manches Mal erzählt werden muss. Connolly schafft eine fast greifbare Atmosphäre, die typisch für ihn und seine Figuren, oft mit Melancholie durchtränkt ist, die als Bindeglied zur fortschreitenden Handlung und deren agierenden Figuren wirkt.
Bei seinen weiteren Ermittlungen um den Fremden, der Antworten von jener Frau haben will, deren Vater vor Jahren verschwunden ist, gräbt Parker dann unbeirrt und suchend immer tiefer im Sumpf von Lügen und Geheimnissen und stösst alsbald auf Ungeheuerlichkeiten. Und dem Leser wie auch seinen Antihelden (mit dabei auch wieder das unverzichtbare Duo Angel und Louis) offenbart sich eine ganz andere, dunklere und bedrückendere Geschichte als zu anfangs. Das Schicksal von missbrauchten Kindern, mit einer langen und traurigen Vergangenheit und unsagbar viel Leid in jungen Leben, die gebrochen heranwachsen...
Wie schon in seinem Romanerstling DAS SCHWARZE HERZ, greift der Autor hier wieder den Kindesmissbrauch auf. War es damals nur ein zweiter Erzählstrang, denn die eigentliche Aufmerksamkeit galt in jenem Buch der Jagd auf den fahrenden Mann und seinen monströsen Taten, so widmet sich Connolly nun intensiv diesem Thema. Schonungslos, aber auch mitfühlend und sensibel geht er die Geschichte an, zeigt dem Leser Abscheulichkeiten, die hinter jedem Alltag und jeder Tür stattfinden KÖNNTEN.
Connolly verzichtet in THE UNIQUET, so der Originaltitel, weitestgehend auf mystifizierte Bösewichte, wie den Prediger Faulkner oder Brightwell, die scheinbar nicht von dieser Welt und nur eine Hülle für das absolut Böse waren. Seine aktuellen (Trieb)Täter sind Familienväter und nicht selten nach aussen hin wirkende Wohltäter, in einer kranken Gesellschaft, für die das Thema Kindesmissbrauch noch immer fast ein Tabu ist. Unberedt, hinter verschlossenen Türen und dem Ausschluss der Öffentlichkeit.
Die übersinnliche, mystische Komponente der gesamten Parkergeschichte bleibt diesmal, im Gegensatz zum fast schon biblischen Vorgänger DER SCHWARZE ENGEL, seltsam bedeckt. Parker selbst kann die Geister der Vergangenheit und in seinem Herzen nicht ruhen lassen, auch die Gäste in seinem Haus bemerken dies, aber letztlich macht der Sammler, der in dem nach ihm betitelten Roman zwar nur eine Nebenrolle einnimmt und die Fäden mehr im Hintergrund zieht und sein Gefolge, mehr sei hier nicht verraten, den Löwenanteil an jener (über)sinnlichen Komponente aus.
Bereits in DAS SCHWARZE HERZ tauchte er kurz auf und man wird wohl noch öfters von ihm lesen, denn nicht umsonst eröffnet er Parker so manche Wahrheiten, auch dass die Dunkelheit kommen wird.
Connolly lässt viele offene Fäden in der Geschichte zurück. Nicht zum aktuellen Fall, denn der wird abgeschlossen. Schuld wird gesühnt und begangenes Unrecht bestraft, Menschen sterben und werden getötet, doch es bringt letztlich niemanden Frieden, den manche Dinge können weder bereinigt noch wieder gutgemacht werden. Offen bleibt das weitere Leben und Wirken der Figur Charlie Parker, privat wie auch beruflich. Man darf und kann gespannt sein.
Mit DER KOLLEKTOR ist Connolly wieder ein unheimlich guter Thriller gelungen, der langsam anfängt, aber den Leser schon bald mitnimmt auf eine Reise, wie sie bedrückender kaum sein kann. Der einzige Autor, bei dem ich mir den Luxus einer Hardcover-Ausgabe leiste und jederzeit blind kaufen würde. Für mich selbst, heisst das schon etwas.