Das Problem, vor dem die Autoren Reviel Netz (Professor für antike Wissenschaften, Stanford) und William Noel (Handschriftenkurator beim Walters Art Museum, Baltimore) standen, ist schnell geschildert. Sie sollten einen Text lesbar machen, der etwa im Jahr 970 auf Pergament geschrieben, im April 1229 wieder ausradiert, neu überschrieben (ein solches Dokument nennt man Palimpsest) und im Zuge einer Fälschung - mit Bildern übermalt worden war. Das als Gebetbuch erhaltene Kleinod war aus Pergamentseiten zusammengebunden, auf denen ursprünglich mathematische Abhandlungen geschrieben worden waren. Es ist die älteste Quelle der Gedankenwelt des Archimedes von Syrakus; von ihm persönlich ist nichts mehr erhalten. Seine Werke überlebten nur deshalb, weil sie häufiger abgeschrieben als zerstört wurden. Und einige Blätter fehlen bis heute. Vermutlich wurden sie von einem Fälscher übermalt und einzeln billig verscherbelt. Clever: Die Autoren benützen ihr Buch sozusagen als Suchmaschine, indem sie die Leser zum Mitsuchen auffordern.
*Archimedes von Syrakus*
Zu Zeiten, da Gold täglich neue Höchststände erreicht, erinnert man sich vielleicht an Archimedes. Er soll, so die Überlieferung, 'Heureka' gerufen haben, als das Wasser aus seiner Badewanne spritzte, in die er sich hineinplumpsen ließ. Er habe in diesem Augenblick die Idee gehabt, wie man prüfen könnte, ob eine Krone aus echtem Gold besteht oder nicht (die Lösung steht in Schulbüchern im Kapitel über das spezifischen Gewicht). Nette Geschichte, aber wahrscheinlich nicht wahr. Richtig ist, dass er sich ausführlich mit schwimmenden Körpern beschäftigte. Dass man aus dem Volumen des übergelaufenen Wassers das Volumen des eintauchenden Körpers messen kann ist so trivial, dass er es in seiner Abhandlung "Über schwimmende Körper" nicht einmal erwähnt hat. Die Leistung Archimedes' bestand darin, dass er die Mathematik des Unendlichen begründete und die Mathematik auf die physikalische Welt anwendete. Archimedes benutzte keine Gleichungen. Er dachte visuell, in Form von schematischen Zeichnungen. Wir können mit Hilfe des Palimpsests sozusagen Archimedes' Verstand bei der Arbeit zusehen.
*Das Palimpsest*
war in einem miserablen Zustand. Nicht nur wurde das ursprüngliche Buch mit den Abschriften von Archimedes' Werken auseinander genommen, die Schrift vom Pergament abgekratzt, neu zusammengebunden und mit Gebeten überschrieben, sondern darüber hinaus wurde es Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts von einem Fälscher mit Abbildungen versehen, die byzantinische Kunst imitierten (vermutlich, um es besser verkaufen zu können). Forschergruppen setzten raffinierte Methoden ein, um die unter dem Gebetstext liegenden ursprünglichen Texte und Zeichnungen deutlich zu machen. Unter anderem benutzten sie ein Verfahren der "Multispektralen Bildgebung". Durch Bestrahlung mit elektromagnetischen Wellen verschiedener Längen werden vom Pergament, nicht jedoch von der Tinte, Photonen verschiedener Wellenlängen emittiert. So konnte der Ursprungstext durch computergestützte Bildauswertung lesbar gemacht werden. Grundlagen dieser Methode sind Infinitesimalrechnung und Wahrscheinlichkeitstheorie. Es gibt Hinweise, dass sich Archimedes bereits mit beidem beschäftigt hat. Er hat damit wohl selbst die Grundlagen dafür gelegt, dass seine Texte zweieinhalbtausend Jahre später entschlüsseln werden konnten. Grandios!
Einige Blätter aus dem Palimpsest fehlen. Auf den diesen Blättern gegenüberliegenden Seiten finden sich Spuren des Farbstoffs, den der Fälscher verwendet hat um Bilder aufzumalen. Es könnte also sein, dass diese Blätter als byzantinische Folios verkauft wurden. Und hier kommt ein Gag: Die Autoren rufen die Leser auf, falls sie ein solches Blatt in ihrer Wohnung hängen haben, auf die Rückseite zu schauen. "Wenn Sie dort zwei Texte erkennen können, einer etwas schwächer als der andere, dann lassen Sie es mich wissen". Das Buch als Suchmaschine, sozusagen.
*Ein bemerkenswertes Buch*
über Ursprünge der Mathematik (ich sage nur Pisa!) und die Bedeutung des Archimedes. Eine spannende Geschichte um das Schicksal einer spektakulären antiken Handschrift, um Wissenschaftler, Fälscher und Mäzene - und von außerordentlich engagierten Autoren mit Herzblut geschrieben.