Neue Zürcher Zeitung
Elisabeth Plessens Krankengeschichte
Früh geernteter Ruhm bringt auf Dauer nicht immer Segen: Elisabeth Plessen debütierte 1976, als Zweiunddreissigjährige, mit dem Roman «Mitteilung an den Adel». Neuere Literaturgeschichten haben diese seinerzeit vielbeachtete Vater-Tochter-Auseinandersetzung längst in die Beschreibungsraster der siebziger Jahre integriert: als frühes Zeugnis der stark autobiographischen «neu-subjektiven» Literatur und der emanzipatorisch angelegten Frauenliteratur (was immer unter diesem Terminus auch zu verstehen sei). Danach indes kam nicht mehr viel: «Kohlhaas» (1979) machte noch, auf Grund seiner Kleist-Adaption, manchen neugierig, ohne letztlich verhindern zu können, dass Elisabeth Plessen mehr und mehr in die Kategorie der One-book-Autoren abrutschte.
Daran ändert, um es ohne Umschweife zu sagen, auch ihr neuer Roman «Der Knick» nichts. Diese Geschichte einer Krankheit erweckt in vielem den Eindruck, als sei seit den Siebzigern alles beim alten geblieben, als regiere der vor Empfindlichkeit strotzende Betroffenheitskult ungebrochen. Vera, die Protagonistin, ist eine gefeierte Bühnenschaupielerin, die zusehends von psychischen und physischen Krisen geschüttelt wird. Allein mit Tablettenmixturen und den Ratschlägen wahllos konsultierter Ärzte vermag sie sich über Wasser zu halten. Trotzdem verschlechtert sich ihr Zustand zusehends, und ihre Beziehung zu Nicolas, einem politisch engagierten Hörfunkmann, ist damit auch nicht gedient.
«Der Knick» Roman eines Karriereeinschnitts leidet vor allem unter den ungezügelten Ambitionen seiner Verfasserin. Unentwegt geht es in diesem poetisch so glanzlosen Text darum, üble Missstände zu brandmarken und rechtschaffene Gesinnung zu zeigen: Im Krankenhaus herrscht (wir hören dergleichen nicht zum erstenmal) «die als Effizienz getarnte Lieblosigkeit», unter den Ärzten die ungebremste Eitelkeit und in der Welt der «globale Raubbau». Dazu kommt, dass alle Figuren aus dem Holzfigurenkabinett stammen und ihre Dialoge und Reflexionen diesem Eindruck an Schwerfälligkeit nicht nachstehen wollen. Ein Beispiel für viele: «Sie ging herum, als suchte sie ihr Selbst, das ihr durch den Griff einer gummibehandschuhten Hand abhanden gekommen war» dreimal «Hand» in einem Relativsatz: das ist zum Händeringen!
Über all diesen Mängeln gerät leider völlig aus dem Blick, dass sich «Der Knick» von seinem Ansatz her an ein interessantes Sujet heranwagt: Ein zerrüttetes Paar versucht, sich selbst zu therapieren, gegen die alles besser wissenden Mediziner und gegen die Querelen des Medien- und Theaterbetriebs. Wenn freilich sprachlich und erzählerisch am Ende nur Konfektionsware steht, ist der thematische Bonus rasch verspielt. Und dann nützt es auch nichts mehr, dass das Ganze (warum nur?) «nach den Regeln der neuen Rechtschreibung gesetzt» wurde.
Rainer Moritz