'Mein liebes Tagebuch! Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. So viele tolle Sachen sind in den letzten Tagen passiert. Es fing am Freitag an, als das erste Westpaket in diesem Jahr kam. Wie immer von Elisabeth, der Freundin von Oma Elfriede, die als Rentnerin vor zwei Jahren nach Köln übergesiedelt ist und die mich seit meiner Geburt kennt. Dieses Mal hat sie mir einen tollen Badeanzug, einen Pelikan-Füller und einen Tintenkiller geschickt! Und dann noch zwei Ausgaben der 'Bravo'.'
15. April 1984. Ramona Montag ist gerade 16 Jahre alt und schreibt Tagebuch. Sie ist eine normale 16jährige mit allen Ängsten, Nöten und pubertären Problemchen, die das Leben mit 16 so mit sich bringt. Streit mit Freundinnen, den Eltern, Liebesflüstereien, Probleme in der Schule und mit dem System, einfach alles, was sie bewegt und beschäftigt, schreibt sie hier nieder. Und Probleme hat sie reichlich. Allein in ihrer Familie kommt es immer wieder zu Reibereien, weil ihr Vater überzeugter SED-Anhänger ist und ihre Mutter die ganze Politik eher pragmatisch sieht. Ramona glaubt schon lange nicht mehr an die Versprechen, dass im Kommunismus alles besser wird, ihr kleiner Bruder Ralf jedoch glaubt noch daran und verhält sich oft entsprechend eklig.
Als sie im Urlaub in Ungarn Jürgen kennenlernt, schwebt sie auf Wolke sieben, noch nichtahnend, was diese Liebe für ihr Leben bedeutet. War ihr anfangs das Leben hinter dem Eisernen Vorhang eher egal, hasst sie nun die DDR mit ihren strengen Regeln, sie bemerkt erst jetzt, wie die Mauer die Menschen reglementiert und ihre Liebe zu Jürgen boykottiert. Auch ihr Vater ist entsetzt, dass sie sich mit dem 'Klassenfeind' abgibt, doch auch er kann den Kontakt nicht unterbinden. Jürgens Mutter hingegen tut alles, um den Kontakt der zwei zu verbieten, doch sie scheitert kläglich. Und dann, als Ramona ihr Studium gerade hinter sich gebracht hat, öffnet sich die Grenze ' beginnen nun doch paradiesische Zeiten?
'Aber Papi flippt aus, wenn ich Westjeans tragen will. Vom Klassenfeind, wie er sagt. Wie bekloppt! Manchmal werden Westjeans in normalen Geschäften verkauft. Das ist dann wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen und natürlich sind die dann sofort ausverkauft. Egal.'
Verspricht der Klappentext lediglich eine Liebesgeschichte zwischen Ost und West, ist dieses Buch doch viel viel mehr. Es ist ein Buch über das Leben in der DDR, über den Alltag dort, die Wünsche und Träume und Probleme der Bewohner und der Politk 'drüben'. Authentisch durch eigene Tagebuchaufzeichnungen, erzählt die Autorin Barbara Bollwahn flüssig und bietet so eine wichtige Lektüre für das, viel zu oft noch fehlende, Verständnis zwischen Ost und West. Gerade Jugendliche, aber auch Erwachsene, können hieraus, mit viel Vergnügen, lernen, wie das Leben 'drüben' wirklich war. Und ganz nebenbei erfährt man auch, was ein Intershop, der Fünfjahresplan, die Puhdys, der Konsum-Markt und vieles mehr waren und bedeuteten, was an sich schon sehr interessant ist - auch wenn ich der Autorin in einem Fall widersprechen möchte: Nudossi schmeckt wesentlich besser als Nutella.
'Der Klassenfeind und ich' - die literarische Fortsetzung von 'Goodbye Lenin' und 'Sonnenallee' - ein detailreiches Buch über das Leben in der DDR und eine Liebe zwischen Ost und West, die alles auf den Kopf stellt. Feinstes Lesevergnügen für Jung und Alt, für Ost und West!