Aus der Amazon.de-Redaktion
In Richard Powers grandiosem Roman Der Klang der Zeit ist das legendäre Konzert eine wichtige Schlüsselszene. Nicht nur treffen sich hier die Eltern der Hauptfiguren zum ersten Mal und finden über ihre Liebe zur Musik zueinander, der Gegensatz zwischen trennendem Rassismus und versöhnender Kunst, unter der Marian Anderson zu leiden hatte, wirft von Beginn an auch einen bedrohlichen Schatten auf die Beziehung zwischen dem deutsch-jüdischen Emigranten David Strom und der Afroamerikanerin Delia Daley. Auch wenn David und Delia alles tun, um ihre drei Kinder vor dieser Bedrohung zu schützen, erweist sich die destruktive Kraft rassistischer Vorurteile letztlich stärker als die Kraft der Musik, aus unterschiedlichen Stimmen harmonische Kompositionen zu formen. Am Ende zerbricht die Familie und die Musik, die durch die Geschichte weht, wird zum Abgesang auf eine Utopie: die Überwindung des Rassismus durch den Einklang von Schwarz und Weiß.
Der Klang der Zeit ist selbst durch den Versuch bestimmt, aus Gegensätzen Harmonie zu erzeugen, wenn auch eine fragile. Der Roman verwebt die Geschichte der Musikerfamilie Strom mit der Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft zwischen den 20er-Jahren und den Rassenunruhen im Los Angeles der 90er, zugleich aber verbindet der Roman auch die Denkwelten der Physik mit den Kunstwelten der Musik. Wie auch in seinen anderen Romanen, z.B. Schattenflucht und Galathea 2.2 betrachtet Powers Kunst und Wissenschaft nicht als Widersprüche, sondern als gegenseitig erhellende Versuche des Menschen, sich selbst und seine Welt zu verstehen und zu verändern. Die Melancholie des Abgesangs, die deutlich im Roman zu spüren ist, mag gerade darin liegen, dass weder Wissenschaft noch Kunst den Rassismus aus der Welt schaffen konnten. Das kann natürlich auch Powers nicht, und doch ist Der Klang der Zeit gerade deshalb ein sehr mutiges Buch, das ein Ideal zu verteidigen versucht, ohne die Realität leugnen zu wollen. --Peter Schneck -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Hörbuch-Rezension
Alles beginnt, als Delia Daley, eine afroamerikanische Musikstudentin, und David Strom, ein aus Deutschland stammender, emigrierter jüdischer Physiker, sich 1939 in Washington bei einem denkwürdigen Open-Air-Auftritt von Marian Anderson -- einer zwar berühmten, aber unter der amerikanischen Rassendiskriminierung leidenden Altistin -- kennen lernen. Sie heiraten, trotz des Verbots, das in vielen Staaten Amerikas noch existiert, und ziehen in New York drei Kinder auf. Die Liebe zur klassischen Musik gibt ihnen für dieses äußerst schwierige Unterfangen die Kraft. Musik wird für die Familie zum Lebenselixier, Musik lernen die Kinder wie das Atmen. Sie leben in einer Idylle, in einer Art innerer Emigration bis die Mutter durch eine Gasexplosion in der Wohnung zu Tode kommt.
Eine Glanzleistung vollbringt Ulrich Matthes, ohne Zweifel einer der besten Hörbuchsprecher, der für seine Arbeit als Schauspieler (zuletzt in den Filmen Der Untergang und Der neunte Tag) und Sprecher mehrfach ausgezeichnet wurde. Wie kaum ein anderer beherrscht er die Kunst, Texte voller Tiefe und Schönheit mit seiner Stimme intensiv und unvergesslich nachklingen zu lassen! Die Liebe zur Musik, das Eintauchen in sie, die Sicherheit, die sie vermittelt -- füllt er hier mit Leben. Er zeichnet die Entwicklung des hochbegabten Jonah in seiner Karriere als weltberühmter Tenor nach und lässt gleichzeitig die Bürde des Ich-Erzählers, des jüngern, als unbegabt gebrandmarkten Bruders Joseph, deutlich fühlen. Aber auch für die essayistischen Schilderungen der Massenunruhen, für die Beschreibung der gesellschaftlichen Realität, mit der die beiden Musikerbrüder, in den 60er Jahren konfrontiert werden, und die die jüngere Schwester zu den Black Panthers treibt, findet er die passende Tonlage. Man spürt in seiner Interpretation die Vision von der Musik, die alle Gegensätze aufheben, die Rassenwahn und Intoleranz in einer freien, liberalen Gesellschaft aufheben soll. Gleichzeitig arbeitet der Sprecher aber eindringlich das erbarmungslose Bestimmtsein durch die Hautfarbe, den Alltag des Rassismus, unter dem alle drei Kinder der Familie Strom leiden, heraus.
Fazit: Wieder einmal lässt Matthes hören, was er kann. Mit seiner empathischen, zurückhaltenden Stimme hält er dieses Gesamtkunstwerk regelrecht zusammen. Das Ergebnis: eine Sensation für die Sinne. Absolut empfehlenswert!
Gekürzte Lesung mit Musik, Spieldauer: ca. 460 Minuten, 6 CDs. -- culture.text -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Audio CD .
Pressestimmen
"Fast achthundert Seiten hat dieses Buch, und keine Seite ist zu viel." (Thomas Steinfeld, Süddeutsche Zeitung)
"Wir wüssten in der gegenwärtigen jungen europäischen Literatur schon Franzen und Eugenides nur wenige an die Seite zu stellen. Aber Powers geht über beide noch ein gutes Stück hinaus." (Andreas Isenschmid, Sonntagszeitung)
"Der größte lebende Romanautor Amerikas." (Boston Review)
"Er ähnelt den Großen des 19. Jahrhunderts, Balzac, Zola oder Tolstoj." (New York Times)
"Unter den heute schreibenden Romanciers ist er vielleicht der klügste." (The Village Voice)
"Der Teilchenbeschleuniger unter den Romanciers." (New York Times)
"Ein Wunder von einem Buch. Jeder Absatz ein Geistesblitz." (Stephan Draf, Stern)
"Der große amerikanische Romanautor Richard Powers erzählt in "Klang der Zeit" eine Geschichte voll Armut und Schönheit über eine Familie mit zwei Hautfarben und einer Leidenschaft: der Musik. Entstanden ist ein cinematographischer Roman über Amerikas jüngste Vergangenheit, über die Lüge, auf der seine Gegenwart baut, und eine einzigartige Liebeserklärung an die Musik. Zeitkritik, Gesellschaftsporträt, Sehnsucht nach einer Schönheit, die den alltäglichen Rassismus besiegt. Richard Powers verknüpft dies zu einem großen Roman." (Susanne Weingarten, Der Spiegel)
Kurzbeschreibung
Susanne Weingarten, Der Spiegel
Über den Autor
Auszug aus Der Klang der Zeit von Richard Powers, Manfred Allie, Gabriele Kempf-Allie. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Irgendwo in einem leeren Saal singt mein Bruder noch immer. Seine Stimme ist noch nicht verhallt. Nicht ganz. Wo immer er sang ist etwas zurückgeblieben, etwas wie Vertiefungen, wie Rillen in den Wänden, die nur darauf warten, daß ein künftiger Phonograph sie wieder zum Leben erweckt.
Mein Bruder Jonah steht reglos an den Flügel gelehnt. Er ist gerade einmal zwanzig. Die sechziger Jahre haben eben erst begonnen. Noch liegt das Land im letzten Schlaf seiner trügerischen Unschuld. Niemand hat von Jonah Strom gehört, niemand außer unserer Familie. Dem was von ihr übrig ist. Wir sind nach Durham in North Carolina gekommen, in den alten Konzertsaal der Duke-Universität. Er hat die Endrunde eines landesweiten Gesangswettbewerbs erreicht, von dem er später behaupten wird, er habe nie daran teilgenommen. Jonah ist allein auf der Bühne, ein wenig rechts von der Mitte. Zur Seite geneigt, als suche er Rückhalt in der geschwungenen Flanke des Konzertflügels, seiner einzigen Zuflucht. Er beugt sich nach vorn, schweigend, gekrümmt wie die Schnecke eines Cellos. Die linke Hand stützt sich auf die Kante des Flügels, in der rechten hält er einen Brief, den es längst nicht mehr gibt. Er grinst, kann selbst kaum glauben, daß er hier ist, dann holt er Luft und singt.
Eben noch hockt der Erlkönig auf meines Bruders Schulter und flüstert verführerisch vom Tod. Im nächsten Augenblick tut sich eine Falltür auf, und mein Bruder ist anderswo; ausgerechnet Dowland zaubert er hervor, eine hinreißende kleine Frechheit für die Ohren dieses verblüfften Liederpublikums, das gar nicht merkt, wie es ihm ins Netz geht:
Time stands still with gazing on her face,
Stand still and gaze for minutes, hours, and years to give her place.
All other things shall change, but she remains the same,
Till heavens changéd have their course and time hath lost his name.
Zeit steht still, schau ich in ihr Gesicht,
Steh still und schau, Minute, Stund und Jahr, sie schwindet nicht.
Wenn alles auch vergeht, bleibt sie doch ewiglich,
Bis der Planenten Lauf sich kehrt und Zeit heißt nicht mehr Zeit.
Zwei Strophen, und das Lied ist zu Ende. Stille liegt über dem Saal. Sie schwebt über den Reihen wie ein Ballon am Horizont. Zwei Taktschläge, in denen selbst Atmen ein Verbrechen wäre. Dann gibt es nur eins, was diesen Bann bricht: Applaus. Dankbare Hände setzen die Zeit wieder in Gang, der Pfeil nimmt seinen Flug wieder auf und bringt meinen Bruder auf den Weg zu seiner Bestimmung.
So sehe ich ihn, auch wenn er danach noch ein Dritteljahrhundert zu leben hat. Das ist der Augenblick, in dem die Welt ihn entdeckt, der Abend, an dem ich höre, wohin seine Stimme unterwegs ist. Ich selbst bin auch auf der Bühne, sitze an dem zerkratzten Steinway mit den abgegriffenen Tasten. Ich begleite ihn, versuche mit ihm Schritt zu halten und nicht der Sirenenstimme zu lauschen, die mir zuflüstert Laß die Finger ruhen, dein Boot zerschellen an der Tasten Riff, und stirb in Frieden.
Zwar mache ich keine schlimmen Patzer, aber der Abend zählt nicht zu den Höhepunkten meiner musikalischen Laufbahn. Nach dem Konzert bitte ich meinen Bruder noch einmal, er soll mich gehen lassen und sich einen ebenbürtigen Begleiter suchen. Wieder lehnt er ab. >>Ich habe schon einen Begleiter, Joey.>Joey. Bruder. Es muß doch eine anständigere Art geben, sein Geld zu verdienen.>Hören Sie niemals auf mit Singen>Was seid ihr Jungs eigentlich?>Fremd bin ich eingezogen>I am my mammy's ae bairn,
Wi' onco folk I weary, Sir . . . >Meiner Mutter Sohn bin ich,
Fremde Menschen mag ich nicht . . . >Wenn man dein Deutsch hört, könnte man meinen, du wärst ein Polacke. Von wem hast du deine Aussprache gelernt? Eine Schande!>Psst, Pa. Um Himmels willen. Erinnere mich dran, daß ich mich nie wieder mit dir in der Öffentlichkeit blicken lasse. >Polacke< ist ein Schimpfwort.> >Polacke Du spinnst. Wie sollen sie denn sonst heißen, Bub.>Ja, Bub.>Wie sollen sie denn sonst heißen, die Leute aus der Polackei?>Glaub mir>Ich habe im Leben schon ziemlich viele Polacken kennengelernt. Beinahe hätte ich ein Mädchen aus der Polackei geheiratet.>Dann wäre ich ein Polacke geworden?>Ein Beinahe-Polacke. Ein kontrafaktischer Polacke.>Ein Polacke in einem Paralleluniversum?>Du warst auch gut, Joey>Ehrlich. Wirklich klasse.<< Ich umarme sie zum Dank für ihre Lüge, und sie strahlt, ein Juwel. Wir schlendern zurück zu Pa und Jonah. Wieder vereint, die überlebenden vier Fünftel des Stromschen Familienchors.
Aber Pa und Jonah brauchen niemanden. Pa hat sich den Erlkönig vorgenommen und Jonah übernimmt die Begleitung, geht in die Tiefen seiner Dreieinhalb-Oktaven-Stimme und versucht sich an etwas, das die linke Hand auf nicht vorhandenen Klaviertasten spielt. Er summt die Begleitung, die er gern von mir gehört hätte. Wie es gespielt werden sollte, in einem himmlischen Traum-Ensemble. Ruth und ich treten hinzu, wir können nicht anders, und übernehmen die Zwischenstimmen. Leute lächeln im Vorübergehen, aus Mitleid oder Scham, nur scheinbar zwei verschiedene Dinge. Doch Jonah ist der aufgehende Stern dieses Abends, für den Augenblick über jede Kritik erhaben.
Die Konzertgäste werden behaupten, sie hätten ihn gehört. Sie werden ihren Kindern von dem Abgrund erzählen, der sich auftat, davon daß der alte Konzertsaal auf einmal keinen Boden mehr hatte und sie in einem luftleeren Raum hingen, von dem sie gedacht hatten, die Musik sei dazu da, ihn zu füllen. Aber die Person in ihrer Erinnerung wird nicht mein Bruder sein. Sie werden erzählen, wie sie beim ersten Ton dieser magischen Stimme die Köpfe hoben. Doch die Stimme in ihrer Erinnerung wird nicht die seine sein.
Die wachsende Gemeinde seiner Zuhörer wird zu Jonahs Konzerten pilgern, sie werden die Eintrittskarten teuer handeln und seine Karriere verfolgen, auch noch in den letzten Jahren nach unserer Trennung. Kenner werden seine Platten aufspüren und die Stimme auf der Scheibe fälschlich für die seine halten. Die Stimme meines Bruders ließ sich nicht aufzeichnen. Er hatte etwas gegen alles Dauerhafte, wollte sich nie festlegen lassen, eine Abneigung, die aus jeder Note klingt, die er je aufgenommen hat. Er war ein umgekehrter Orpheus: Blickst Du voraus, wird alles was du liebst vergehen.
Es ist 1961. Jonah Strom, Amerikas neue Stimme, ist zwanzig. So sehe ich ihn, vierzig Jahre später, acht Jahre älter als mein älterer Bruder je werden wird. Der Saal hat sich geleert, doch mein Bruder singt noch immer. Er singt bis zum letzten Takt, bis alle Bewegung zum Stillstand kommt, bis er in die Finsternis der Fermate eintaucht, ein Junge, der für eine Mutter singt, die ihn längst nicht mehr hören kann. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .