Zufällig stieß ich auf die Romane von Laura Joh Rowland und las gespannt die positiven sowie negativen Rezensionen, wobei dann meine Neugierde überwog und ich mir dachte, dass eine Romanreihe von der es so viele Bände gibt eigentlich nicht so schlecht sein kann, weshalb ich mir dieses Buch dann auch bestellte. Was mich jedoch dann verwundete war, dass die Autorin eine Amerikanerin mit koreanischen und chinesischen Wurzeln ist. Was bewog sie wohl, ausgerechnet über Japan zu schreiben? Fast befürchtete ich schon, die negativen Stimmen hätten Recht bei dem Roman, was ich dann aber tatsächlich fand war ein netter Unterhaltungsroman den man zwar nicht zu ernst nehmen darf, der aber auch seine Stärken hat. Er liest sich über die erste Hälfte hinweg wie eine Bilderreihe, jedes Kapitel ein Einzelbild und doch zusammengehörig, das ist recht simpel gemacht, aber tut dem Unterhaltungsfaktor keinen Abbruch. Doch kommen wir endlich zur Geschichte:
Sano Ichiro (oder besser Ichiro Sano, wen das verwirrt sei verraten, dass man in Japan den Nachnamen (Sano) vor dem Vornamen (Ichiro) nennt) wird Yoriki, Bezirksvorsteher der Polizei von Edo. Er ist nicht grade beliebt bei seinen Kollegen, da er doch eigentlich Lehrer war und nur in das Amt kam, weil sein Vater noch einen Gefallen bei einem höher gestellten Samurai offen hatte und nicht wie die anderen Yoriki durch Erbschaft auf seinen Posten gelangte. Schon bald bekommt er einen ersten Fall, ein Doppelselbstmord einer höher gestellten jungen Frau und eines Künstlers. Durchaus nichts ungewöhnliches in Japan, erlauben die Konventionen doch keine Liebesheirat von so unterschiedlich gestellten Menschen. Ichiros Vorgesetzter drängt auf schnelle Erledigung, aber Ichiro ist gewissenhaft bei seiner Arbeit. Da sein Vorgesetzter schon selbst die Leiche der Frau zu ihrer Familie zurückgeschickt hatte, bleibt Ichiro nur noch der Künstler als Anhaltspunkt. Er geht also in das Gefängnis, welches auch die Leichenhalle beherbergt und bald stellt sich heraus, dass der Künstler ermordet wurde.
Die nächsten "Einzelbilder" werde ich mal kurz anreißen: "Gefängnis und Leichenhalle, dazu ein nach der verbotenen holländischen Lehre ausgebildeter Arzt der eine verbotene Leichenöffnung vornimmt", "Ergebnisloser Besuch bei der Familie der Toten", "Ichiros Suche im Künstlerviertel", "Yoshiwara, das Vergnügungsviertel (wobei bei Frau Rowland leider wieder alle auftauchenden Frauen Prostituierte sind), es stellt sich heraus, dass der Künstler mehr Jungen als Frauen zugetan war und nicht selten sein Geld mit Erpressungen verdiente", "Verdächtige: Ein berühmter Kabuki Schauspieler der Frauenrollen spielt (Onnagata) und ein Straßen-Sumo Kämpfer der geistig zurückgeblieben ist aber zu unkontrollierten Gewaltausbrüchen neigt".
Da alle Nachforschungen nicht so recht was bringen, muss Sano sich doch wieder an Familie Niu halten, die hochgestellte Familie der Ermordeten, die eigentlich die Sache unter den Tisch kehren möchte, jedoch weiss die kleine Schwester der Ermordeten wohl doch mehr, wie sie Ichiro andeuten konnte, aber sie wurde geschickt aus dem Weg geschafft - in ein Kloster. Hier beginnt die eigentliche Geschichte, während der Ichiro alles verliert, Amt und Würden und so manches Mal fast sein Leben, weil er sich von seiner Rechtschaffenheit geleitet mit zu hoch gestellten Leuten anlegt um am Ende nichts geringeres als die Ermordung des Shoguns zu vereiteln.
Das Buch ist nicht wirklich Glaubhaft, da Ichiro wirklich nur in "Tabuthemen" herumschnüffelt, die Frau Rowland recht ausgeschmückt präsentiert, was dadurch wiederum zu konstruiert wirkt. Trotzdem ist es recht Unterhaltsam zu lesen, denn in jedem der angehäuften Tabuthemen steckt tatsächlich auch ein Fünkchen Wahrheit. Wirklich gut dargestellt ist der Zwiespalt in dem sich Ichiro befindet und der sich aus dem "Bushido" dem Ehrenkodex der Samurai ergibt. (Bushido: Rechtschaffenheit, Respekt, Mut, Ehre, Mitleid, Ehrlichkeit und Pflicht.) Einerseits ist er seinem Vorgesetzten verpflichtet und darf sich nicht über seine Anweisungen den Mord als Selbstmord abzutun hinwegsetzen, zumal seine Entlassung seinem Vater Schande bereiten würde, der sich so für ihn eingesetzt hat, und Ichiro somit als respekt- und ehrlos gelten würde, aber er darf auch nicht den Mord unter den Tisch kehren, das liefe zuwider der Rechtschaffenheit und Ehrlichkeit. Wie soll er es also schaffen, dem Bushido gerecht zu werden? Nur mit dem Mut der Verzweiflung, bei dem er alles aufs Spiel setzt und auch alles verliert um die Wahrheit ans Licht zu bringen, schafft er es dann doch den Fall zu lösen. Das Ende ist schon ab der Hälfte des Buches abzusehen, das stört die unterhaltsame Geschichte aber nicht zu sehr. Das Glossar am Ende des Buches erklärt die japanischen Begriffe die im Buch auftauchen zwar zweckdienlich, aber teilweise nicht genau genug, was für das Buch selbst allerdings nicht schlimm ist.
Zusammenfassend ist es ein gutes Buch, trotz der offensichtlich übertriebenen Anhäufung von Tabuthemen, der man eine gewisse Klischeehaftigkeit nicht absprechen kann, ist es unterhaltsam und gut recherchiert. Der Schreibstil ist noch ausbaufähig, aber trotzdem packend und zum Ende hin deutlich besser als am Anfang. Wer also gerne in ein farbenprächtiges Japan des auslaufenden 17. Jahrhunderts eintauchen möchte ist hier durchaus gut und vor allem unterhaltsam bedient. Für Leute die ein historisch exaktes Bild von der Zeit erwarten, ist er allerdings nur halbwegs geeignet.