Räume entdecken, Stile erkennen, Symbole und Bilder verstehen. Das klingt gut. Und der erste Eindruck überzeugte mich denn auch. Vor allem weil es mir die über 550 Nachzeichnungen von Margarete Luise Goecke-Seischab angetan haben. Wieso mir die Bewertung am Schluss trotzdem nicht leicht fiel, hat vor allem zwei Gründe. Die Beschränkung auf Kirchen in Deutschland, Österreich und der Schweiz finde ich allzu eng. Denn für diesen Atlas interessieren sich doch auch Reisende, die den deutschen Sprachraum verlassen, berühmte Kirchen in Rom, Paris oder London besuchen. Ich hätte den Lesern das Buch auch mit Beispielen schmackhaft gemacht, die ohnehin auf deren Reiserouten liegen. Kommt hinzu, dass mich die Auswahl der Kirchen in der Schweiz nicht immer überzeugte. Wieso steht in der weltbekannten Stiftskirche in Einsiedeln eine schwarze Madonna? Das sind doch Fragen, die sich dem Besucher wie von selbst stellen. Allerdings kommt diese Kirche im Buch gar nicht vor.
Der zweite Grund für meinen Bewertungsabzug hat mit den Texten zu tun. Je mehr ich mich auf die Erklärungen einliess, desto eher hatte ich das Gefühl, die Autorenkombination sei nicht ideal. Denn sowohl Margarete Luise-Seischab, als auch Dr. Frieder Harz gehören christlichen Glaubensrichtungen an, die den Kirchenbau vor dem 16. Jahrhundert nicht beeinflussten. Das heisst natürlich nicht, dass ihnen ein profundes Wissen über den Katholizismus fehlen würde. Aber kulturgeschichtliche Zusammenhänge betrachtet man eben anders, wenn man Rituale selber lebt. Als Beispiel seien nur die wenig erhellenden Erläuterungen zu den Beichtstühlen genannt.
Ein Reiseführer ganz anderer Art soll der Kirchen-Atlas sein. Ein Such-, Erklär- und Lehrbuch, eine Art Bestimmungsbuch, mit dem sich anhand eigener Eindrücke und Erlebnisse der Blick für das Typische und bau- und kunstgeschichtlich Wesentliche entwickeln und über viele Kirchenbesichtigungen hinweg immer differenzierter werden kann. So steht es im Vorwort. Aber wie viele Leser gibt es, die genau so vorgehen wollen? Sind das nicht bereits Fachleute, die von Kirche zu Kirche reisen, um Entdeckungen zu machen? Für die wäre dann zwar der Sprachstil angemessen, aber nicht unbedingt die Tiefe der Informationen. Irgendwie ist dieser Atlas in einem Zwischenreich beheimatet, in dem sich nur wenige aufhalten. Täusche ich mich, dann umso besser.
Mein Fazit: Laien muss man anders begeistern, als es die Autoren in diesem Buch vormachen. Dem Leser werden zwar über 550 Illustrationen, zahlreiche Abbildungen, architektonische Informationen, kulturgeschichtliche Zusammenhänge sowie ein nützliches Sachwortverzeichnis zur Kirchenkunst geboten, aber in einer Form, die den Geist früherer Zeiten nur selten aufleben lassen. Aber vielleicht ist meine Allergie auf allzu Didaktisches einfach zu gross, um die Arbeit der beiden Autoren richtig würdigen zu können. Daher runde ich auf vier Sterne auf.