Vielleicht liegt es daran, daß ich vorwiegend Sachliteratur gelesen habe, ehe ich zu diesem Roman griff, wahrscheinlich liegt es aber am Roman selbst: er bot mir das mit Abstand eindrucksvollste Leseerlebnis der letzten Jahre.
Die Geschichte des Dschingis Khan erzählt aus der Perspektive eines von den Mongolen entführten chinesischen Mandarins Li Shan, der erst Lehrer der Söhne des Khans wurde und dann zu dessen Schreiber, Berater und Begleiter aufstieg. Diese Perspektive ermöglicht es dem Autor, historisch gesichertes Wissen und überlieferte Varianten der Begebenheiten mit der schriftstellerischen Fiktion so zu kombinieren, daß der Leser stets weiß, auf welchem Boden er sich befindet und sich über die Geschichte niemals betrogen fühlen muß. Sie ermöglicht es ihm aber auch, immer und immer wieder, ohne die Handlung zu bremsen, die mongolische Kultur und Lebensweise mit der chinesischen zu vergleichen und dabei dem Leser gleich über beide zu berichten.
Daß es über diese historische Seriosität hinaus aber auch noch gelingt, einen atemberaubend packenden, rasanten Roman zu beschreiben ist das eigentliche Verdienst des Autors. Mit einer bislang nur selten vorgefundenen erzählerischen Dichte werden die subtil und vielschichtig gezeichneten Charaktere, das mongolische Sittenbild, die beispiellose Pragmatik der mongolischen Kultur sowie die kalte Brutalität der Vernichtungskriege jener Zeit geschildert. Malcolm Bosse kann dabei völlig darauf verzichten, Grausamkeiten detailliert zu beschreiben, denn seine Ausdrucksstärke genügt so schon, um dem Leser ein beinahe schon körperliches Unbehagen zu bereiten. (Exzellente Übersetzung!) Mit derselben Lebendigkeit und Intensität schildert er aber auch die schönen Seiten des Lebens: Freundschaft und Liebe und die Kraft, die sich aus beiden schöpfen läßt. Ein unaufdringlicher Hauch von Melancholie durchzieht bisweilen den Roman.
Ein Meisterwerk, welches uns in eine atemberaubend fremde Welt entführt! In ein wenig vertrautes Kapitel des Mittelalters, unromantisch und unbarmherzig und doch kraftvoll erfüllt vom Leben und der urtümlichen Freude daran.