Ein Ketzerleben
Kastilien, die Reformation und Miguel Delibes
Von Hans-Jörg Neuschäfer Bei Ammann ist, unter dem Titel «Der Ketzer», soeben die deutsche Version des «Hereje» von Miguel Delibes erschienen. Anlass genug, um die Besprechung dieses Romans über das Scheitern der spanischen Reformation mit einem Porträt des Autors zu verbinden, der im Oktober seinen 80. Geburtstag begeht.
Es ist fast 15 Jahre her, dass ich an dieser Stelle zum ersten Mal über Miguel Delibes schrieb. Damals war gerade die deutsche Übersetzung von «Los santos inocentes» («Die heiligen Narren») erschienen. Der Roman führte den Spaniern 1982, am Beginn der Demokratisierung, noch einmal vor Augen, wie in den abgelegenen Gegenden Kastiliens oder der Extremadura das Verhältnis zwischen den Schwachen und den Mächtigen sozusagen bis gestern noch war nicht nur im Franquismus, sondern überhaupt im traditionalistischen Spanien.
Der Roman hatte eine nachhaltige Wirkung; seine kongeniale Verfilmung durch Mario Camus nicht weniger. Seitdem ist vieles anders geworden. Gleich geblieben aber ist die Wertschätzung für Delibes, einen der ganz wenigen Autoren, die in hispanistischen Universitätsseminaren ebenso hoch geschätzt werden wie unter einer breiten Schicht von Lesern, die vor allem gut unterhalten sein wollen. Dabei gehört Delibes nicht zu den Autoren, die ständig auf den Bestsellerlisten stehen. Er braucht auch nicht durch Werbekampagnen lanciert zu werden; seine Bücher tragen sich heutzutage ein schier unglaubliches Phänomen fast von selbst und haben einen langen Atem. Für seinen Verlag, Destino, den er nie gewechselt hat, ist er die ökonomische Basis geworden.
Dafür zwei Beispiele: Einer seiner frühesten Texte «El camino» (1950), der Roman einer Kindheit, einer der bezauberndsten, die ich kenne wird noch nach 50 Jahren in Tranchen von 50 000 Exemplaren pro Jahr aufgelegt; inzwischen sind es über 3 Millionen. Und der letzte, im Original Ende 1998 erschienene Roman, «El hereje», dessen deutsche Übersetzung durch Lisa Grüneisen hier anzuzeigen ist, wurde in anderthalb Jahren 400 000-mal verkauft (die Angabe auf dem deutschen Cover ist bereits überholt).
KEIN MEDIENSTAR
Miguel Delibes, am 17. Oktober dieses Jahres die 80 erreichend, ist ein Phänomen, gerade weil er kein Medienstar ist. Im Unterschied zu seinem Altersgenossen, dem Nobelpreisträger Camilo José Cela, der gegen Honorar, versteht sich kein Schickeria-Event auslässt, ist Delibes geradezu irritierend bodenständig. Seine Heimatstadt Valladolid, im 16. Jahrhundert vorübergehend Haupt- und Hofstadt, zugleich das Zentrum des spanischen Protestantismus (und der Inquisition, die ihn unterdrückte) diese nebst Burgos, Salamanca und Segovia kastilischste aller altkastilischen Städte hat er immer nur ungern, zögernd und in den letzten Jahren gar nicht mehr verlassen. Er zieht es vor, sich wandernd und als Jäger in der näheren Umgebung Bewegung zu verschaffen und sich in den auf der Meseta höllisch heissen Sommermonaten ins gerade einmal 120 Kilometer entfernte Sedano, am Fuss des kantabrischen Scheidegebirges, zurückzuziehen, weit weg vom Rummel des Massentourismus.
Dabei ist Delibes alles andere als ein Sonderling: Im Franquismus hat er als Chefredaktor der angesehenen Tageszeitung «El Norte de Castilla» mutig seinen Mann gestanden und dabei noch eine ganze Reihe brillanter journalistischer und literarischer Begabungen herangezogen. Seine untadelige Haltung in dieser schwierigen Zeit; sein abweichender und gerade deshalb überzeugender, dem Protestantismus durchaus nahestehender Linkskatholizismus (er schreibt nicht von ungefähr den grossen Roman über jene «Häresie») haben ihm die Freundschaft vieler bedeutender Personen und die Zuneigung der Leser eingetragen. Auch seine gelegentlichen, immer massvollen und ohne Besserwisserei vorgetragenen Kommentare zu bedenklichen Entwicklungen der Gegenwart, vor allem zur Zerstörung der Natur, haben ihm Respekt verschafft. Sein grosses Ansehen findet in vielen Auszeichnungen seinen Niederschlag. Um nur wenige zu nennen: den Premio Nadal (1947 für seinen Erstling «La sombra del ciprés es alargada»); die Mitgliedschaft in der Real Academia (1973), der spanische Nationalpreis (1991) und der Premio Cervantes (1993) für sein Gesamtwerk.
Was dieses Werk vor allem auszeichnet, ist die meisterhafte Art, mit der sein Autor die Romanpersonen zum Sprechen bringt. Es sind fast immer einfache Menschen, die durch ihn reden, und es sind meist solche, die im Leben nicht viel zu sagen haben: Kinder, Alte, Verlierer, Verfolgte; und immer wieder die ins Hintertreffen gedrängte Landbevölkerung Kastiliens mit ihrem handfesten, aber vom Aussterben bedrohten Wortschatz. Darüber hinaus beherrscht er aber auch alle Register der konventionellen und verstädterten Alltagssprache, so dass es nicht wunder nimmt, wenn die führenden spanischen Grammatiken und die grossen Wörterbücher der Gegenwart vor allem auf ihn Bezug nehmen: die Grammatik von de Bruyne und die von Ignacio Bosque und Violeta Delmonte ebenso wie der grossartige «Diccionario del español actual» von Manuel Seco. Eben das macht die Texte von Delibes, die immer nur auf den ersten Blick einfach erscheinen, zu einer ebenso reizvollen wie schwierig zu meisternden Herausforderung für Übersetzer.
«EL HEREJE»
«El hereje» ist ein in mehrfacher Hinsicht erstaunlicher Text. Zunächst als die schiere performance eines Hochbetagten. Sodann als Beweis dafür, dass er mit den Trends der Jungen immer noch mithalten kann. Diese haben das Infotainment zu ihrem Erfolgsrezept gemacht, und Delibes, der ehemalige Journalist, zeigt ihnen noch einmal, was man damit auf hohem Niveau erreichen kann. Schliesslich: «El hereje» ist ein historischer Roman, der eine lange Zeit totgeschwiegene Möglichkeit der spanischen Geschichte die Alternative einer Reformatio Iberica fassbar und lebendig macht, so lebendig, dass man als Leser tatsächlich dabei zu sein glaubt.
Zwar ist der spanische Protestantismus von der Inquisition am Ende grausam unterdrückt worden; wie nachhaltig, ist im letzten, mit «Auto de fe» überschriebenen Buch des Romans auf fast hundert Seiten hautnah mitzuerleben (vom Prozess bis zum Scheiterhaufen). Aber auf den fast 400 Seiten des preludio und der beiden ersten Bücher werden zuvor eindringlich die Lebensumstände ausgebreitet, die ihn gleichwohl zu einer Hoffnung auch für spanische Christen machen konnten. Freilich blieb seine Wirkung in Valladolid auf einen Kreis von einigen hundert (in ganz Spanien von wenigen tausend) Wohlhabenden und Gebildeten beschränkt (man musste die Bibel lesen können!), während die breite Masse auf dem Boden des Analphabetentums und damit der Orthodoxie verblieb.
Exemplifiziert werden die Umstände anhand der (erfundenen) Biographie des Cipriano Salcedo, dessen Weg wir von seiner Geburt 1519 bis zu seinem Tod 1559 begleiten, wobei wir von wenigen Ausnahmen abgesehen die Welt des 16. Jahrhunderts aus seiner Perspektive wahrnehmen: die Stadtgeschichte Valladolids als seinen Alltag; die Reformationsgeschichte als Aspekt seiner psychischen und intellektuellen Entwicklung.
Auf diese Weise lernt man im «Hereje» manches neu, was man eigentlich schon wusste, was man aber, dank dem Blickwinkel, aus dem es betrachtet wird, ganz «anders» und oft handgreiflicher sieht. Schon das Präludium des Romans, das zugleich als «enzyklopädisches Stichwort» zur Einführung in die Lehre Luthers, aber auch des Calvinismus dient, führt dem Leser plastisch vor Augen, was es hiess, in Spanien die Ideen der Reformation zu verbreiten: Die grossen Seehäfen wurden scharf kontrolliert; der Landweg von Sevilla (dem zweiten Herd der Häresie) nach Valladolid von der Inquisition überwacht; strenge Zensurmassnahmen, Bücherverbrennungen, Druckverbote (vor allem für die Bibel) waren an der Tagesordnung. Unter diesen Umständen wurde es für Cipriano zu einem kühnen Unterfangen, als Emissär der Valladolider Protestanten nach Deutschland zu reisen, um dort mit Luthers Nachfolger Melanchthon direkten Kontakt zu knüpfen und gleichzeitig das neueste Schrifttum einzukaufen.
REFORMATION
UND INQUISITORISCHE ZENSUR
Das Präludium beginnt, als Cipriano auf dem Rückweg ist, an Bord der «Hamburg», die, als sie sich spanischen Hoheitsgewässern nähert, zur «Dante Alighieri» umfirmiert wird; im Laderaum, zwischen den harmlosen Waren, die gut getarnte Konterbande des verbotenen Schrifttums, das schliesslich, samt dem Einkäufer, an einem der (scheinbar) nachlässig bewachten kleinen Atlantikhäfen am Golf von Biskaya ausgeladen wird. Von da sind es nur noch sieben Monate bis zur Verhaftung, zum Prozess, zur Folter und zum Tod auf dem Scheiterhaufen. Vorderhand kann sich der Protagonist aber noch in der Illusion wiegen, seine Spuren für die Inquisition unkenntlich gemacht zu haben. In seinem Prozess allerdings wird er dann erfahren, dass er schon vom Anfang der Reise an genau beobachtet wurde und dass über seine Schritte ein umfangreiches Dossier angefertigt worden ist, das dort als Beweismaterial vorgelegt wird.
Nach diesem Preludio wird das Leben Ciprianos chronologisch erzählt: Kindheit und Jugend (Buch I), die ersten Kontakte des jungen Unternehmers (Wollhandel und Pelzmanufaktur) und frisch promovierten Juristen mit der Reformation (Buch II) und nach der Rückkehr von der Deutschlandreise die Verfolgung durch die Inquisition, die Flucht, die Verhaftung kurz vor der französischen Grenze, die sich ausbreitende Pogromstimmung und der Prozess (Buch III).
DOKUMENT UND ERFINDUNG
Wie immer bei historischen Romanen, die in Spanien derzeit eine Renaissance erleben (s. dazu NZZ vom 20./21. 5. 00), hängt der Erfolg des Unternehmens sehr davon ab, wie gut das Dokumentarische mit dem Fiktiven verknüpft wird. Delibes hat seiner Erfindung Priorität eingeräumt, sie aber gleichzeitig so mit den gesicherten Daten verknüpft, dass beides der Wahrscheinlichkeit des Erzählten zugute kommt. Wie das konkret zusammenläuft, ist bereits am Beginn von Buch I beispielhaft zu beobachten.
Die Geburt Ciprianos fällt zwar welch ein Omen! auf den Tag von Luthers Thesenanschlag in Wittenberg und den Einzug Karls V. in Valladolid, aber bis er überhaupt auf die Welt kommen kann, wird die grosse Historie von der erfundenen petite histoire amüsant und ironisch konterkariert: Infolge einer gewissen Insuffizienz der männlichen Sexualorgane bei den Salcedos (die sich auf Cipriano vererben und seine Ehe zum Fiasko machen wird) ist nämlich die Schwangerschaft bei der zukünftigen Mutter nur unter unendlichen Mühen und dank dem Geschick eines Arztes zustande zu bringen, den man heute unter die Gynäkologen rechnen würde. Dessen delikate Aufgabe besteht nicht allein in der vom Ehemann beargwöhnten Untersuchung der weiblichen Geschlechtsorgane, sondern vor allem in der höchstes diplomatisches Geschick erfordernden Vermittlung des Untersuchungsergebnisses und der Therapievorschläge, denn der Mann hat einen «solchen Unsinn» dass es nämlich auch «an ihm liegen» kann noch «nie gehört».
Freilich ist das Ende dieses Anfangs nicht mehr heiter: Die Frau stirbt nach einer schweren Geburt am Kindbettfieber, und der Vater wird dem Sohn nie verzeihen, dass er am Tod seiner Mutter «schuld» ist. Dies belastet den Jungen und macht ihn für Gewissensfragen besonders sensibel. Und der Erwachsene wird ausser durch die frühe Erasmus-Lektüre in der Bibliothek des gebildeten Onkels eben auch durch dieses Erlebnis empfänglich für eine Lehre, in der Gewissen, Schuld und Vergebung eine so grosse Rolle spielen.
Genauso wie Delibes hier die «Geburtshilfe» ins Spiel bringt (u. a. auch den aus Flandern eingeführten neuen «Gebärstuhl»), wird später auch vom Schulwesen erzählt, von der staatlichen und kirchlichen Administration, von der grossen Pestepidemie, vom Wirtschaftsleben, von der käuflichen und der ehelichen Liebe und dies ist der Höhepunkt des Buchs vom Inquisitionsverfahren und vom Autodafé. Nämlich so, dass immer der historische Abstand gewahrt bleibt, der uns von damals trennt, und doch zugleich auf eine Weise, dass man sich nicht aufs hohe Ross setzen kann, sondern bedenken muss, was unter den gegebenen Umständen Respektheischendes geleistet wurde, aber auch, was damals wie heute im Namen und im Interesse eines herrschenden Glaubens unterdrückt und zerstört wurde und wird.
Dies alles macht den «Hereje» zu einem aussergewöhnlichen Leseerlebnis. Was hier nach sorgfältigen Recherchen ausgebreitet wird, war zwar den Spezialisten im Einzelnen bekannt, ist aber noch nie so spannend und zusammenhängend und für jedermann verständlich erzählt worden. Erst «El hereje» gewährt vor allem den Spaniern selbst wirkliche «Aufklärung» über einen Teil ihrer Geschichte, der unter den Nebeln der Apologetik oder der schwarzen Legende immer nur schemenhaft zu ahnen war. -- Neue Zürcher Zeitung
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.