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Der Ketzer. [Taschenbuch]

Miguel Delibes , Lisa Grüneisen
4.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (5 Kundenrezensionen)

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Produktinformation

  • Taschenbuch: 440 Seiten
  • Verlag: Fischer Taschenbuch; Auflage: 2., Aufl. (April 2007)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3596151759
  • ISBN-13: 978-3596151752
  • Größe und/oder Gewicht: 19,1 x 12,4 x 2,7 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (5 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 459.219 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Produktbeschreibungen

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Auf gänzlich literarische Weise nähert sich der preisgekrönte Schriftsteller Miguel Delibes der Gotteslästerung. Der Ketzer heißt sein neuer Historienroman, in dem er seine Leser ins Spanien des 16. Jahrhunderts eintauchen lässt. Gewaltig in der Sprache und präzise in Charakterstudien schildert Delibes das Schicksal des Cipriano Salcedo: Der wohlhabende Kaufmann aus Valladolid, geboren am selben Tag, an dem Martin Luther seine Thesen an die Wittenberger Kirchentür hämmert, schließt sich heimlich der reformatorischen Bewegung an. Die Konfrontation mit der spanischen Inquisition schildert Delibes detailliert, spannend und psychologisch durchdacht. Quasi als Rechtfertigung stellt Delibes ein Zitat von Papst Johannes Paul II. seinem Buch voran. Die Kirche müsse "Religionskriege" und "Inquisitionstribunale", eben alle "dunklen Seiten ihrer Geschichte, überdenken und sie im Lichte der Gebote des Evangeliums beurteilen". Das ist eine Absage an Ketzerverfolgung mit Gewalt -- nicht aber an die Ausgrenzung vermeintlich unkatholischer Christen in den eigenen Reihen. Was derzeit im Vatikan als rechtgläubig gilt, ist im Katechismus der katholischen Kirche nachzulesen -- fein säuberlich in 2.865 Abschnitte gegliedert. --Uwe Birnstein -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Pressestimmen

Ein Ketzerleben

Kastilien, die Reformation und Miguel Delibes

Von Hans-Jörg Neuschäfer Bei Ammann ist, unter dem Titel «Der Ketzer», soeben die deutsche Version des «Hereje» von Miguel Delibes erschienen. Anlass genug, um die Besprechung dieses Romans über das Scheitern der spanischen Reformation mit einem Porträt des Autors zu verbinden, der im Oktober seinen 80. Geburtstag begeht.

Es ist fast 15 Jahre her, dass ich an dieser Stelle zum ersten Mal über Miguel Delibes schrieb. Damals war gerade die deutsche Übersetzung von «Los santos inocentes» («Die heiligen Narren») erschienen. Der Roman führte den Spaniern 1982, am Beginn der Demokratisierung, noch einmal vor Augen, wie in den abgelegenen Gegenden Kastiliens oder der Extremadura das Verhältnis zwischen den Schwachen und den Mächtigen sozusagen bis gestern noch war – nicht nur im Franquismus, sondern überhaupt im traditionalistischen Spanien.

Der Roman hatte eine nachhaltige Wirkung; seine kongeniale Verfilmung durch Mario Camus nicht weniger. Seitdem ist vieles anders geworden. Gleich geblieben aber ist die Wertschätzung für Delibes, einen der ganz wenigen Autoren, die in hispanistischen Universitätsseminaren ebenso hoch geschätzt werden wie unter einer breiten Schicht von Lesern, die vor allem gut unterhalten sein wollen. Dabei gehört Delibes nicht zu den Autoren, die ständig auf den Bestsellerlisten stehen. Er braucht auch nicht durch Werbekampagnen lanciert zu werden; seine Bücher tragen sich – heutzutage ein schier unglaubliches Phänomen – fast von selbst und haben einen langen Atem. Für seinen Verlag, Destino, den er nie gewechselt hat, ist er die ökonomische Basis geworden.

Dafür zwei Beispiele: Einer seiner frühesten Texte – «El camino» (1950), der Roman einer Kindheit, einer der bezauberndsten, die ich kenne – wird noch nach 50 Jahren in Tranchen von 50 000 Exemplaren pro Jahr aufgelegt; inzwischen sind es über 3 Millionen. Und der letzte, im Original Ende 1998 erschienene Roman, «El hereje», dessen deutsche Übersetzung durch Lisa Grüneisen hier anzuzeigen ist, wurde in anderthalb Jahren 400 000-mal verkauft (die Angabe auf dem deutschen Cover ist bereits überholt).

KEIN MEDIENSTAR

Miguel Delibes, am 17. Oktober dieses Jahres die 80 erreichend, ist ein Phänomen, gerade weil er kein Medienstar ist. Im Unterschied zu seinem Altersgenossen, dem Nobelpreisträger Camilo José Cela, der – gegen Honorar, versteht sich – kein Schickeria-Event auslässt, ist Delibes geradezu irritierend bodenständig. Seine Heimatstadt Valladolid, im 16. Jahrhundert vorübergehend Haupt- und Hofstadt, zugleich das Zentrum des spanischen Protestantismus (und der Inquisition, die ihn unterdrückte) – diese nebst Burgos, Salamanca und Segovia kastilischste aller altkastilischen Städte hat er immer nur ungern, zögernd und in den letzten Jahren gar nicht mehr verlassen. Er zieht es vor, sich wandernd und als Jäger in der näheren Umgebung Bewegung zu verschaffen und sich in den auf der Meseta höllisch heissen Sommermonaten ins gerade einmal 120 Kilometer entfernte Sedano, am Fuss des kantabrischen Scheidegebirges, zurückzuziehen, weit weg vom Rummel des Massentourismus.

Dabei ist Delibes alles andere als ein Sonderling: Im Franquismus hat er als Chefredaktor der angesehenen Tageszeitung «El Norte de Castilla» mutig seinen Mann gestanden und dabei noch eine ganze Reihe brillanter journalistischer und literarischer Begabungen herangezogen. Seine untadelige Haltung in dieser schwierigen Zeit; sein abweichender und gerade deshalb überzeugender, dem Protestantismus durchaus nahestehender Linkskatholizismus (er schreibt nicht von ungefähr den grossen Roman über jene «Häresie») haben ihm die Freundschaft vieler bedeutender Personen und die Zuneigung der Leser eingetragen. Auch seine gelegentlichen, immer massvollen und ohne Besserwisserei vorgetragenen Kommentare zu bedenklichen Entwicklungen der Gegenwart, vor allem zur Zerstörung der Natur, haben ihm Respekt verschafft. Sein grosses Ansehen findet in vielen Auszeichnungen seinen Niederschlag. Um nur wenige zu nennen: den Premio Nadal (1947 für seinen Erstling «La sombra del ciprés es alargada»); die Mitgliedschaft in der Real Academia (1973), der spanische Nationalpreis (1991) und der Premio Cervantes (1993) für sein Gesamtwerk.

Was dieses Werk vor allem auszeichnet, ist die meisterhafte Art, mit der sein Autor die Romanpersonen zum Sprechen bringt. Es sind fast immer einfache Menschen, die durch ihn reden, und es sind meist solche, die im Leben nicht viel zu sagen haben: Kinder, Alte, Verlierer, Verfolgte; und immer wieder die ins Hintertreffen gedrängte Landbevölkerung Kastiliens mit ihrem handfesten, aber vom Aussterben bedrohten Wortschatz. Darüber hinaus beherrscht er aber auch alle Register der konventionellen und verstädterten Alltagssprache, so dass es nicht wunder nimmt, wenn die führenden spanischen Grammatiken und die grossen Wörterbücher der Gegenwart vor allem auf ihn Bezug nehmen: die Grammatik von de Bruyne und die von Ignacio Bosque und Violeta Delmonte ebenso wie der grossartige «Diccionario del español actual» von Manuel Seco. Eben das macht die Texte von Delibes, die immer nur auf den ersten Blick einfach erscheinen, zu einer ebenso reizvollen wie schwierig zu meisternden Herausforderung für Übersetzer.

«EL HEREJE»

«El hereje» ist ein in mehrfacher Hinsicht erstaunlicher Text. Zunächst als die schiere performance eines Hochbetagten. Sodann als Beweis dafür, dass er mit den Trends der Jungen immer noch mithalten kann. Diese haben das Infotainment zu ihrem Erfolgsrezept gemacht, und Delibes, der ehemalige Journalist, zeigt ihnen noch einmal, was man damit auf hohem Niveau erreichen kann. Schliesslich: «El hereje» ist ein historischer Roman, der eine lange Zeit totgeschwiegene Möglichkeit der spanischen Geschichte – die Alternative einer Reformatio Iberica – fassbar und lebendig macht, so lebendig, dass man als Leser tatsächlich dabei zu sein glaubt.

Zwar ist der spanische Protestantismus von der Inquisition am Ende grausam unterdrückt worden; wie nachhaltig, ist im letzten, mit «Auto de fe» überschriebenen Buch des Romans auf fast hundert Seiten hautnah mitzuerleben (vom Prozess bis zum Scheiterhaufen). Aber auf den fast 400 Seiten des preludio und der beiden ersten Bücher werden zuvor eindringlich die Lebensumstände ausgebreitet, die ihn gleichwohl zu einer Hoffnung auch für spanische Christen machen konnten. Freilich blieb seine Wirkung in Valladolid auf einen Kreis von einigen hundert (in ganz Spanien von wenigen tausend) Wohlhabenden und Gebildeten beschränkt (man musste die Bibel lesen können!), während die breite Masse auf dem Boden des Analphabetentums und damit der Orthodoxie verblieb.

Exemplifiziert werden die Umstände anhand der (erfundenen) Biographie des Cipriano Salcedo, dessen Weg wir von seiner Geburt 1519 bis zu seinem Tod 1559 begleiten, wobei wir – von wenigen Ausnahmen abgesehen – die Welt des 16. Jahrhunderts aus seiner Perspektive wahrnehmen: die Stadtgeschichte Valladolids als seinen Alltag; die Reformationsgeschichte als Aspekt seiner psychischen und intellektuellen Entwicklung.

Auf diese Weise lernt man im «Hereje» manches neu, was man eigentlich schon wusste, was man aber, dank dem Blickwinkel, aus dem es betrachtet wird, ganz «anders» und oft handgreiflicher sieht. Schon das Präludium des Romans, das zugleich als «enzyklopädisches Stichwort» zur Einführung in die Lehre Luthers, aber auch des Calvinismus dient, führt dem Leser plastisch vor Augen, was es hiess, in Spanien die Ideen der Reformation zu verbreiten: Die grossen Seehäfen wurden scharf kontrolliert; der Landweg von Sevilla (dem zweiten Herd der Häresie) nach Valladolid von der Inquisition überwacht; strenge Zensurmassnahmen, Bücherverbrennungen, Druckverbote (vor allem für die Bibel) waren an der Tagesordnung. Unter diesen Umständen wurde es für Cipriano zu einem kühnen Unterfangen, als Emissär der Valladolider Protestanten nach Deutschland zu reisen, um dort mit Luthers Nachfolger Melanchthon direkten Kontakt zu knüpfen und gleichzeitig das neueste Schrifttum einzukaufen.

REFORMATION

UND INQUISITORISCHE ZENSUR

Das Präludium beginnt, als Cipriano auf dem Rückweg ist, an Bord der «Hamburg», die, als sie sich spanischen Hoheitsgewässern nähert, zur «Dante Alighieri» umfirmiert wird; im Laderaum, zwischen den harmlosen Waren, die gut getarnte Konterbande des verbotenen Schrifttums, das schliesslich, samt dem Einkäufer, an einem der (scheinbar) nachlässig bewachten kleinen Atlantikhäfen am Golf von Biskaya ausgeladen wird. Von da sind es nur noch sieben Monate bis zur Verhaftung, zum Prozess, zur Folter und zum Tod auf dem Scheiterhaufen. Vorderhand kann sich der Protagonist aber noch in der Illusion wiegen, seine Spuren für die Inquisition unkenntlich gemacht zu haben. In seinem Prozess allerdings wird er dann erfahren, dass er schon vom Anfang der Reise an genau beobachtet wurde und dass über seine Schritte ein umfangreiches Dossier angefertigt worden ist, das dort als Beweismaterial vorgelegt wird.

Nach diesem Preludio wird das Leben Ciprianos chronologisch erzählt: Kindheit und Jugend (Buch I), die ersten Kontakte des jungen Unternehmers (Wollhandel und Pelzmanufaktur) und frisch promovierten Juristen mit der Reformation (Buch II) und – nach der Rückkehr von der Deutschlandreise – die Verfolgung durch die Inquisition, die Flucht, die Verhaftung kurz vor der französischen Grenze, die sich ausbreitende Pogromstimmung und der Prozess (Buch III).

DOKUMENT UND ERFINDUNG

Wie immer bei historischen Romanen, die in Spanien derzeit eine Renaissance erleben (s. dazu NZZ vom 20./21. 5. 00), hängt der Erfolg des Unternehmens sehr davon ab, wie gut das Dokumentarische mit dem Fiktiven verknüpft wird. Delibes hat seiner Erfindung Priorität eingeräumt, sie aber gleichzeitig so mit den gesicherten Daten verknüpft, dass beides der Wahrscheinlichkeit des Erzählten zugute kommt. Wie das konkret zusammenläuft, ist bereits am Beginn von Buch I beispielhaft zu beobachten.

Die Geburt Ciprianos fällt zwar – welch ein Omen! – auf den Tag von Luthers Thesenanschlag in Wittenberg und den Einzug Karls V. in Valladolid, aber bis er überhaupt auf die Welt kommen kann, wird die grosse Historie von der erfundenen petite histoire amüsant und ironisch konterkariert: Infolge einer gewissen Insuffizienz der männlichen Sexualorgane bei den Salcedos (die sich auf Cipriano vererben und seine Ehe zum Fiasko machen wird) ist nämlich die Schwangerschaft bei der zukünftigen Mutter nur unter unendlichen Mühen und dank dem Geschick eines Arztes zustande zu bringen, den man heute unter die Gynäkologen rechnen würde. Dessen delikate Aufgabe besteht nicht allein in der – vom Ehemann beargwöhnten – Untersuchung der weiblichen Geschlechtsorgane, sondern vor allem in der – höchstes diplomatisches Geschick erfordernden – Vermittlung des Untersuchungsergebnisses und der Therapievorschläge, denn der Mann hat einen «solchen Unsinn» – dass es nämlich auch «an ihm liegen» kann – noch «nie gehört».

Freilich ist das Ende dieses Anfangs nicht mehr heiter: Die Frau stirbt nach einer schweren Geburt am Kindbettfieber, und der Vater wird dem Sohn nie verzeihen, dass er am Tod seiner Mutter «schuld» ist. Dies belastet den Jungen und macht ihn für Gewissensfragen besonders sensibel. Und der Erwachsene wird – ausser durch die frühe Erasmus-Lektüre in der Bibliothek des gebildeten Onkels – eben auch durch dieses Erlebnis empfänglich für eine Lehre, in der Gewissen, Schuld und Vergebung eine so grosse Rolle spielen.

Genauso wie Delibes hier die «Geburtshilfe» ins Spiel bringt (u. a. auch den aus Flandern eingeführten neuen «Gebärstuhl»), wird später auch vom Schulwesen erzählt, von der staatlichen und kirchlichen Administration, von der grossen Pestepidemie, vom Wirtschaftsleben, von der käuflichen und der ehelichen Liebe und – dies ist der Höhepunkt des Buchs – vom Inquisitionsverfahren und vom Autodafé. Nämlich so, dass immer der historische Abstand gewahrt bleibt, der uns von damals trennt, und doch zugleich auf eine Weise, dass man sich nicht aufs hohe Ross setzen kann, sondern bedenken muss, was unter den gegebenen Umständen Respektheischendes geleistet wurde, aber auch, was – damals wie heute – im Namen und im Interesse eines herrschenden Glaubens unterdrückt und zerstört wurde und wird.

Dies alles macht den «Hereje» zu einem aussergewöhnlichen Leseerlebnis. Was hier – nach sorgfältigen Recherchen – ausgebreitet wird, war zwar den Spezialisten im Einzelnen bekannt, ist aber noch nie so spannend und zusammenhängend und für jedermann verständlich erzählt worden. Erst «El hereje» gewährt vor allem den Spaniern selbst wirkliche «Aufklärung» über einen Teil ihrer Geschichte, der unter den Nebeln der Apologetik oder der schwarzen Legende immer nur schemenhaft zu ahnen war. -- Neue Zürcher Zeitung -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.


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Kundenrezensionen

4.4 von 5 Sternen
4.4 von 5 Sternen
Die hilfreichsten Kundenrezensionen
6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Interessantes, aber langatmiges Zeitdokument 10. Oktober 2001
Von Ein Kunde
Format:Gebundene Ausgabe
Das Buch gibt eine sehr gute Beschreibung der Lebensumstände und des Lebensumfeldes der Menschen von Europa und insbesondere von Valladolid (Spanien) im 16. Jh.

Die Zeit wird anhand des Lebens der Hauptperson, Cipriano Salcedo, beschrieben: Seine Geburt, seine Jugend, seine Ehe und zu der jeweiligen Lebensstation sein immer tieferes "Abgleiten" in das Gedankegut der damaligen "Ketzer" und des sich zusammenziehenden Netzes der Inquisition.

Der Roman erzeugt erst auf den letzten Seiten Spannung, aber lediglich in Bezug auf das Wie und nicht des Ausgangs des Buches.

Wer Interesse an einer Beschreibung der Welt des 16. Jh. hat, wird dieses Buch genießen, wer ein spannendes Historienbuch sucht, wird enttäuscht werden.

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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Faszinierende aktuell 6. November 2003
Format:Taschenbuch
Selten habe ich ein so dickes Buch in einer einzigen Nacht gelesen - und dann immer wieder zur Hand genommen. Selten habe ich die Reformation und ihre Folgen für ganz Europa aus diesem Blickwinkel betrachten gelernt. In faszinierender Weise wird der dramatische historische Hintergrund äußerst exakt dargestellt und mit einem fiktiven Einzelschicksal verknüpft. Man erlebt schlichtweg mit, wie dem Protagonisten Cipriano klar wird, dass ihm ein halbes Leben lang vorenthalten wurde, dass Gott die Liebe und die Vergebung selbst ist. Kulisse ist Spanien zur Zeit der Inquisition und der Autodafés. Anhänger der Lehren der Reformatoren werden schonungslos ausgerottet. Einen aktuellen Bezug gewinnt die Schilderung der erbarmungslosen Härte, mit der die römische Kirche gegen die Anhänger der neuen Lehre vorging, unversehens für jeden, der den aktuellen Rückfall Roms in den Traditionalismus aufmerksam verfolgt. Man denkt an die Ereignisse am Rande des Berliner Kirchentags und die anschließenden Sanktionen gegen Priester, die an gemeinsamen Abendmahlsfeiern mit Protestanten teilnahmen. 500 Jahre scheinen plötzlich eine kurze Zeit, und Streitshriften gegen Intoleranz brandaktuell. "Ich glaube an unsern Herrn Jesus Christus und die Kirche, die ihn vertritt", sagt Cypriano auf dem Scheiterhaufen, als ihm ein Widerruf abgepresst werden soll.Ein Schlüsselsatz, an dem sich Kirche immer wieder messen lassen sollte.
Dennoch ist der packende Roman keine Insiderlektüre für Kirchenleute oder Historiker, sondern ein Stück Weltliteratur, das das Geistesleben Europas an der Wende zur Neuzeit beleuchtet - und Wurzeln und Zusammenhänge bis in die heutige Zeit verstehen lehrt.
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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Spannender Geschichte mit einer Sprache aus Gold 4. Oktober 2000
Von Ein Kunde
Format:Gebundene Ausgabe
Am 31. Oktober 1517 heftet Martin Luther seine 95 Thesen an die Kirche zu Wittenberg, ein Ereignis, welches die römisch-katholische Kirche in zwei Lager spalten wird. Am selben Tag wird in der spanischen Stadt Valladolid der Sohn von Don Bernardo Salcedo und Doña Catalina Bustamente geboren. Er wird auf den Namen Cipriano getauft. Das Zusammentreffen dieser beiden Ereignisse bestimmt in verhängnisvoller Weise das Schicksal des Kindes.

Halbwaise von Geburt an und ohne die Liebe seines Vaters aufgewachsen, kann Cipriano nur auf die Zuneigung seiner Amme zählen. Er wird zum wohlhabenden Kaufmann und schließt sich der reformatorischen Bewegung an, die heimlich auch auf die iberische Halbinsel, das traditionelle Bollwerk der katholischen Kirche, vordringt. Doch die Inquisition setzt alles daran, die Anhänger des neuen Glaubens den Flammen ihrer Scheiterhaufen zu übergeben.

Miguel Delibes entführt uns in seinem großen Alterswerk Der Ketzer in das Herz Spaniens im 16. Jahrhundert. Anhand der vitalen Wechselfälle im Leben des Ketzers, Cipriano Salcedo, zeichnet er ein meisterhaftes Gemälde der Stadt Valladolid zur Zeit Karl V., von Land und Leuten, von Sitten und Landschaften, und läßt vor unseren Augen die soziale Wirklichkeit und das Geistesleben Europas zu einem entscheidenden Wendepunkt der abendländischen Geschichte erstehen.

Eine Sprache aus Gold, klar und glänzend, reich und genau, die allein für sich ein Vergnügen ist. In dieser Zeit, in der wieder extremistische Strömungen auftauchen, hat Miguel Delibes eine›Streitschrift gegen die Intoleranz‹ geschrieben«

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