Kurzbeschreibung
Klappentext
Spiegel
"Die interessanteste Detektivfigur, die zur Zeit im Kriminalroman unterwegs ist."
Süddeutsche Zeitung
"Patricia Cornwell ist der absolute Megastar der Thriller-Szene."
Brigitte
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Taschenbuch
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Über den Autor
Auszug aus Der Keim des Verderbens von Patricia Cornwell, Tina Hohl. Copyright © 2001. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Die Gerichtsmedizin befand sich in der Store Street Nr. 3, gegenüber vom Zollamt und dem Busbahnhof, in der Nähe der Docks und des Flusses Liffey. Das Backsteingebäude war klein und alt, die Durchfahrt, die hinters Haus führte, von einem schweren schwarzen Tor versperrt, auf dem in großen weißen Buchstaben Leichenschauhaus stand. Ich stieg die Stufen zu dem georgianischen Portal hinauf, läutete und wartete im Nebel. Es war kühl an diesem Dienstagmorgen, die Bäume begannen herbstlich auszusehen. Mein Schlafmangel machte sich bemerkbar. Meine Augen brannten, ich hatte ein dumpfes Gefühl im Kopf und war noch aufgewühlt von dem, was Marino gesagt hatte, bevor ich fast mitten im Gespräch aufgelegt hatte. »Hallo.« Gutgelaunt machte mir der Verwalter die Tür auf. »Wie geht's uns denn heute morgen, Dr. Scarpetta?« Sein Name war Jimmy Shaw. Er war sehr jung, ein Bilderbuch-Ire mit feuerrotem Haar und himmelblauen Augen. »Nicht besonders«, gestand ich. »Nun, ich war gerade beim Teekochen«, sagte er, während er die Tür hinter uns schloß. Wir gingen einen engen, schwach beleuchteten Flur entlang zu seinem Büro. »Hört sich an, als könnten Sie eine Tasse vertragen.« »Das wäre reizend, Jimmy«, sagte ich. »Die Frau Doktor ist im Moment noch vor Gericht.« Als wir seine unaufgeräumte kleine Kammer betraten, warf er einen Blick auf seine Uhr. »Sie müßte eigentlich gleich zurück sein.« Auf seinem Schreibtisch stach ein mächtiges Sektionsbuch ins Auge, schwarz und in dickes Leder gebunden. Vor meiner Ankunft hatte er in einer Steve-McQueen-Biographie gelesen und Toast gegessen. Ohne zu fragen, wie ich ihn trank, denn das wußte er inzwischen, stellte er einen Becher Tee vor mich hin. »Einen Marmeladentoast?« fragte er wie jeden Morgen. »Danke, ich habe schon im Hotel gefrühstückt«, antwortete ich wie immer, während er hinter seinem Schreibtisch Platz nahm. »Mich würde das nicht davon abhalten, noch was zu essen.« Er lächelte und setzte seine Brille auf. »Dann wollen wir doch mal einen Blick auf Ihren Stundenplan werfen. Sie halten heute morgen um elf eine Vorlesung und dann noch eine um eins. Beide im College, im alten Pathologiegebäude. Ich schätze, daß zu jeder etwa fünfundsiebzig Studenten kommen werden, aber vielleicht werden es auch mehr. Ich weiß nicht, Sie sind hier schrecklich beliebt, Dr. Kay Scarpetta«, sagte er vergnügt. »Oder vielleicht liegt es auch nur daran, daß amerikanische Kriminalität für uns so etwas Exotisches ist.« »Das ist beinahe so, als würde man die Pest als exotisch bezeichnen«, erwiderte ich. »Nun ja - wir finden es einfach faszinierend, was Sie so alles zu Gesicht bekommen.« »Genau das ist es, was mir Sorgen macht«, sagte ich freundlich, aber mit einem unheilvollen Unterton. »Sie sollten es nicht allzu faszinierend finden.« Wir wurden vom Telefon unterbrochen, und er griff mit der Ungeduld eines Menschen, der zu oft angerufen wird, zum Hörer. Nachdem er einen Moment lang zugehört hatte, sagte er brüsk: »Schon klar. Aber wir können im Moment einfach keinen solchen Auftrag erteilen. Ich werde Sie zurückrufen.« »Seit Jahren will ich hier Computer haben«, beschwerte er sich bei mir, als er auflegte. »Aber da wir nach der Pfeife der Sozialisten tanzen müssen, gibt es eben kein Geld.« »Es wird nie genug Geld geben. Tote gehen nun mal nicht zur Wahl.« »Das ist leider wahr. Also, was ist heute das Thema?« wollte er wissen. »Der Sexualmord«, antwortete ich. »Im besonderen die Rolle, die der genetische Fingerabdruck dabei spielen kann.« »Diese Verstümmelungen, für die Sie sich so interessieren.« Er nahm einen Schluck Tee. »Glauben Sie, daß sie sexueller Natur sind? Ich meine, könnte das bei einem Menschen, der so etwas tut, das Motiv sein?« Seine Augen leuchteten wißbegierig. »Das spielt sicherlich eine Rolle«, antwortete ich. »Aber woher wollen Sie das wissen, wo doch keins der Opfer jemals identifiziert wurde? Könnte es nicht einfach jemand sein, für den Töten ein Sport ist? Wie zum Beispiel der Son of Sam bei Ihnen in Amerika?« »Auch die Morde des Son of Sam hatten eine sexuelle Komponente«, sagte ich und sah mich nach meiner Freundin, der Pathologin, um. »Was glauben Sie, wie lange sie noch brauchen wird? Ich bin leider ein bißchen in Eile.« Shaw sah nochmals auf die Uhr. »Sehen Sie doch mal nach. Oder vielleicht ist sie auch gleich ins Leichenschauhaus gegangen. Wir sollten einen Fall reinbekommen. Ein junger Mann, Verdacht auf Selbstmord.« »Ich seh' mal nach, ob ich sie finde.« Ich stand auf. Der Gerichtssaal, in dem die gerichtlichen Untersuchungen der Todesursache bei nichtnatürlichen Todesfällen, also Betriebs- und Verkehrsunfällen, Morden und Selbstmorden, abgehalten wurden, befand sich in der Nähe des Eingangs. Die Verfahren fanden unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt, denn die irische Presse sollte nicht allzu eingehend darüber berichten. Ich schlüpfte in den kahlen, kalten Raum voller lackierter Bänke und nackter Wände und stieß drinnen auf mehrere Männer, die Papiere in Aktenkoffer stopften. »Ich suche die Leichenbeschauerin«, sagte ich. »Sie ist vor etwa zwanzig Minuten gegangen. Mußte zu einer Identifizierung, glaube ich«, sagte einer von ihnen. Ich verließ das Gebäude durch die Hintertür. Als ich gerade den kleinen Parkplatz überquert hatte und auf das Leichenschauhaus zusteuerte, kam ein alter Mann zur Tür heraus. Er machte einen desorientierten Eindruck und verlor beinahe das Gleichgewicht, als er sich benommen umschaute. Einen Moment lang starrte er mich an, als wäre ich die Antwort auf irgendetwas. Er tat mir leid. Was immer ihn hierhergeführt hatte, es konnte unmöglich etwas Angenehmes sein. Ich beobachtete, wie er zum Tor eilte, als plötzlich Dr. Margaret Foley aufgelöst, mit wirren grauen Haaren hinter ihm auftauchte. »Mein Gott!« Sie rannte mich fast um. »Ich hab' ihm nur einen Moment den Rücken zugedreht, und schon war er auf und davon.« Der Mann riß das Tor weit auf und flüchtete. Foley trabte über den Parkplatz, um es wieder zu schließen und zu verriegeln. Als sie zu mir zurückkam, war sie außer Atem und stolperte beinahe über einen Buckel im Asphalt. »Na, du bist ja früh auf den Beinen, Kay«, sagte sie. »Ein Verwandter?« fragte ich. »Der Vater. Ist abgehauen, ohne ihn zu identifizieren. Ich bin noch nicht mal dazu gekommen, ihm das Laken vom Gesicht zu ziehen. Der Tag ist für mich gelaufen.« Sie führte mich in das kleine Backsteingebäude mit den weißen Porzellan-Autopsietischen, die wohl eigentlich in ein medizinhistorisches Museum gehörten, und einem alten eisernen Ofen, der nicht mehr benutzt wurde. Die Luft war kalt wie in einer Kühlkammer, und elektrische Autopsiesägen waren die einzigen modernen Geräte, die es gab. Dünnes graues Licht drang durch Milchglas-Oberlichter herein und erhellte nur schwach das weiße Papierlaken über dem Leichnam, den zu sehen ein Vater nicht hatte ertragen können. »Das ist immer das Bitterste am Ganzen«, sagte sie. »Niemand sollte sich hier jemals jemanden anschauen müssen.« Ich folgte ihr in einen kleinen Lagerraum und half ihr, Kartons voller neuer Spritzen, OP-Masken und Handschuhe hinauszutragen. »Hat sich an den Dachbalken der Scheune erhängt«, fuhr sie fort, während wir arbeiteten. »War wegen Alkoholproblemen und Depressionen in Behandlung. Immer das gleiche. Arbeitslosigkeit, Frauen, Drogen. Sie hängen sich auf oder springen von einer Brücke.« Sie warf mir einen Blick zu, während wir einen Sektionswagen neu bestückten. »Gott sei Dank gibt es bei uns keine Schußwaffen. Zumal ich kein Röntgengerät habe.« Foley war eine zierliche Frau mit einer altmodischen dicken Brille und einer Vorliebe für Tweed. Wir hatten uns vor Jahren bei einer internationalen Kriminalistikkonferenz in Wien kennengelernt, als weibliche Gerichtsmediziner noch eine seltene Spezies waren, vor allem außerhalb Amerikas. Wir waren schnell Freundinnen geworden. »Margaret, ich muß früher zurück in die Staaten, als ich dachte«, sagte ich, holte tief Luft und schaute mich unkonzentriert um. »Ich hab' letzte Nacht so gut wie gar nicht geschlafen.« Sie zündete sich eine Zigarette an und musterte mich. »Ich kann dir Kopien von allem besorgen, was du haben willst. Wie schnell brauchst du sie? Fotos dauern vielleicht ein paar Tage, aber die kann ich dir nachsenden.« »Ich stehe immer unter einem gewissen Zeitdruck, wenn so jemand frei herumläuft«, sagte ich. »Ich bin auch nicht froh darüber, daß du ihn jetzt am Hals hast. Ich hatte gehofft, daß er nach all diesen Jahren endlich aufgehört hätte.« Gereizt aschte sie ihre Zigarette ab und stieß den starken Qualm von britischem Tabak aus. »Komm, wir setzen uns mal einen Augenblick hin. Meine Füße sind so geschwollen, daß mir schon die Schuhe zu eng werden. Auf so einem verdammt harten Fußboden alt zu werden ist die Hölle.« Zwei klobige Holzstühle in einer Ecke stellten den Aufenthaltsraum dar. Auf einer Bahre hatte Foley ihren Aschenbecher stehen. Sie legte die Füße auf eine Kiste und gab sich ihrem Laster hin. »Ich kann diese armen Menschen einfach nicht vergessen.« Sie sprach wieder über die Serienmorde. »Als der erste bei mir ankam, hatte ich die IRA in Verdacht. Außer bei Bombenanschlägen hatte ich noch nie einen derart zerfetzten Leichnam gesehen.« Es war mir gar nicht recht, auf solche Weise an Mark erinnert zu werden. Ich mußte an die Zeit denken, als er noch am Leben war und wir uns liebten. Plötzlich sah ich ihn wieder vor mir. Er lächelte, und in seinen Augen war dieser strahlende Glanz, der schelmisch aufblitzte, wenn er lachte und mich neckte. Wir hatten an der juristischen Fakultät in Georgetown viel Spaß miteinander gehabt, leidenschaftlich diskutiert und unzählige Nächte durchgemacht. Unser Verlangen nacheinander war unstillbar. Im Lauf der Zeit heirateten wir andere Menschen, ließen uns wieder scheiden und versuchten es von neuem miteinander. Er war mein Leitmotiv - mal da, mal dort, dann wieder am Telefon oder vor meiner Tür, um mir das Herz zu brechen und mein Bett zu verwüsten. Ich kam einfach nicht von ihm los. Ich konnte es immer noch nicht glauben, daß ein Bombenanschlag auf einen Londoner Bahnhof das Ende unserer stürmischen Beziehung gewesen sein sollte. Die Vorstellung, daß er tot war, war für mich nicht faßbar, denn es gab kein letztes Bild, das mir Frieden geben konnte. Ich hatte seinen Leichnam nie gesehen, hatte vor jeglicher Gelegenheit, ihn mir anzuschauen, Reißaus genommen, genau wie der alte Dubliner, der den Anblick seines Sohns nicht ertragen konnte. Mir wurde bewußt, daß Foley etwas zu mir sagte. »Tut mir leid«, wiederholte sie mit traurigem Blick, denn sie kannte die ganze Geschichte. »Ich wollte keine unangenehmen Erinnerungen wachrufen. Du wirkst heute morgen schon melancholisch genug.« »Das ist interessant, was du eben gesagt hast.« Ich versuchte, tapfer zu sein. »Ich schätze, der Mörder, nach dem wir suchen, ist einem Bombenattentäter gar nicht unähnlich. Es ist ihm egal, wen er tötet. Seine Opfer sind Menschen ohne Gesichter und ohne Namen. Sie sind nichts als Symbole seines persönlichen grausamen Credos.« »Wäre es dir sehr unangenehm, wenn ich dich etwas wegen Mark fragen würde?« sagte sie. »Frag, was du willst.« Ich lächelte. »Du tust es ja sowieso.« »Warst du jemals dort, wo es passiert ist? Hast du den Ort besucht, an dem er gestorben ist?« »Ich weiß nicht, wo es passiert ist«, antwortete ich schnell. Rauchend sah sie mich an. »Ich meine, ich weiß nicht, wo genau auf dem Bahnhof«, wand ich mich und stotterte fast dabei. Sie sagte immer noch nichts und zerdrückte die Zigarette unter ihrem Fuß. »Soweit ich mich erinnere«, fuhr ich fort, »bin ich seit seinem Tod nicht mehr in Victoria gewesen, jedenfalls nicht auf dem Bahnhof. Es gab keinen Grund, von dort aus einen Zug zu nehmen. Oder dort anzukommen. Zuletzt war ich, glaube ich, in Waterloo.« »Der einzige Tatort, den zu besichtigen die große Dr. Kay Scarpetta sich weigert.« Sie klopfte eine weitere Consulate aus der Packung. »Möchtest du eine?« »Und wie. Aber ich darf nicht.« Sie seufzte. »Das erinnert mich an Wien. All diese Männer dort, und wir beide haben mehr geraucht als sie alle zusammen.« »Wahrscheinlich haben wir wegen all der Männer soviel geraucht«, sagte ich. »Kann sein. Für mich scheint es jedenfalls keine Heilung zu geben. Das zeigt nur mal wieder, daß unser Handeln sich nicht danach richtet, was wir wissen, und daß unsere Gefühle keinen Verstand haben.« Sie pustete ein Streichholz aus. »Ich habe Raucherlungen gesehen. Und ich habe jede Menge Fettlebern gesehen.« »Meinen Lungen geht es besser, seit ich aufgehört habe. Für meine Leber möchte ich lieber nicht die Hand ins Feuer legen«, sagte ich. »Den Whiskey hab' ich noch nicht aufgegeben.« »Um Gottes willen, tu das bloß nicht. Dann hätte man ja gar keinen Spaß mehr mit dir.« Sie hielt inne und fügte dann mit Nachdruck hinzu: »Natürlich lassen sich Gefühle lenken, dressieren, so daß sie sich nicht gegen uns verschwören.« »Ich werde wahrscheinlich morgen fliegen«, kehrte ich wieder zum Thema zurück. »Du mußt in London umsteigen.« Sie sah mir in die Augen. »Bleib ein bißchen dort. Einen Tag.« »Wie bitte?« »Du mußt die Sache zu Ende bringen, Kay. Das spüre ich schon lange. Du mußt Mark James begraben.« »Margaret, wie kommst du denn plötzlich darauf?« Ich geriet schon wieder ins Stottern. »Ich merke doch, wenn jemand vor etwas davonläuft. Und das tust du, ganz genau wie dieser Mörder.« »Na, das klingt ja tröstlich«, erwiderte ich. Die Unterhaltung paßte mir gar nicht. Aber diesmal ließ sie nicht locker. »Und zwar einerseits aus ganz anderen, andererseits aber auch aus ganz ähnlichen Gründen wie er. Er ist ein Verbrecher, du nicht. Aber ihr wollt beide entkommen.« Ich konnte nicht verbergen, wie sehr mir ihre Worte an die Nieren gingen. »Und wer oder was ist deiner Meinung nach hinter mir her?« Meine Stimme klang unbeschwert, aber ich war den Tränen bedrohlich nahe. »Momentan Benton Wesley, nehme ich an.« Ich schaute weg, vorbei an der Bahre, über die ein bleicher Fuß mit einem Schild hinausragte. Wolken schoben sich vor die Sonne, und das von oben kommende Licht veränderte sich nach und nach. Der Geruch des Todes, der in den Fliesen und Steinen hing, war hundert Jahre alt. »Kay, was willst du tun?« fragte sie sanft, während ich mir die Tränen aus den Augen wischte. »Er will mich heiraten«, sagte ich.
Ich flog heim nach Richmond. Aus Tagen wurden Wochen, und die Temperatur kühlte ab. Die Morgenstunden waren mit Frost überzuckert, und die Abende verbrachte ich grübelnd vor dem Kamin. So vieles war ungelöst und unausgesprochen, und wie üblich bestand meine Reaktion darin, mich immer tiefer ins Labyrinth meiner Arbeit zu vergraben, bis ich den Ausgang nicht mehr fand. Meine Sekretärin brachte das zur Weißglut. »Dr. Scarpetta?« rief sie meinen Namen. Laut und energisch hallten ihre Schritte über den gefliesten Boden des Autopsiesaals. »Hier drinnen«, übertönte ich das Geräusch fließenden Wassers. Es war der 30. Oktober. Ich stand im Umkleideraum des Leichenschauhauses und desinfizierte meine Hände. »Wo waren Sie denn?« frage Rose, als sie hereinkam. »Ich habe an einem Gehirn gearbeitet. Der plötzliche Tod von neulich.« Sie blätterte in meinem Kalender. Ihr graues Haar war fein säuberlich zurückgesteckt, und sie trug ein dunkelrotes Kostüm, das offenbar zu ihrer Stimmung paßte. Rose war äußerst böse auf mich, weil ich nach Dublin geflogen war, ohne mich zu verabschieden. Und dann hatte ich, als ich wieder zurück war, auch noch ihren Geburtstag vergessen. Ich drehte den Wasserhahn zu und trocknete mir die Hände ab. »Schwellung mit Erweiterung der Hirnwindungen bei gleichzeitiger Verschmälerung der Hirnfurchen. Das spricht alles für einen Hirnschaden aufgrund mangelhafter Blutversorgung, hervorgerufen durch seine schwere Hypertonie«, deklamierte ich. »Ich habe Sie überall gesucht«, sagte sie. Sie war mit ihrer Geduld am Ende. »Was hab' ich diesmal angestellt?« Ich nahm die Hände hoch. »Sie waren mit Jon zum Mittagessen im Skull and Bones verabredet.« »Oh, Gott«, stöhnte ich beim Gedanken an ihn und andere Medizintutoren, für die ich so wenig Zeit hatte. »Ich habe Sie heute morgen noch daran erinnert. Letzte Woche haben Sie ihn auch schon versetzt. Er muß dringend wegen seiner Assistenzarztstelle an der Cleveland Clinic mit Ihnen sprechen.« »Ich weiß, ich weiß.« Mit furchtbar schlechtem Gewissen sah ich auf meine Armbanduhr. »Es ist halb zwei. Vielleicht kann er auf einen Kaffee in mein Büro kommen?« »Um zwei haben Sie eine Aussage zu machen, und für drei ist eine Konferenzschaltung im Fall Norfolk-Southern angesetzt. Um vier halten Sie an der gerichtsmedizinischen Akademie eine Vorlesung über Schußwunden, und um fünf haben Sie ein Treffen mit Investigator Ring«, ratterte Rose herunter. Ich mochte weder Ring noch seine naßforsche Art, Fälle zu übernehmen. Er hatte sich in die Ermittlungen eingeschaltet, als der zweite Rumpf gefunden wurde, und offenbar hielt er sich für klüger als das FBI. »Auf Ring kann ich gut und gern verzichten«, sagte ich knapp. Roses Blick verweilte länger als normal bei mir, während im Autopsiesaal nebenan Schwämme auf Wasser klatschten. »Ich sage ihm ab, und Sie können sich statt dessen mit Jon treffen.« Sie musterte mich über ihre Brille hinweg wie eine gestrenge Oberlehrerin. »Und dann ruhen Sie sich aus. Das ist ein Befehl. Morgen bleiben Sie zu Hause, Dr. Scarpetta. Und wehe, Sie stehen plötzlich doch vor der Tür.« Ich wollte protestieren, doch sie schnitt mir das Wort ab. »Wagen Sie es ja nicht, mir zu widersprechen«, fuhr sie mit fester Stimme fort. »Sie brauchen einen Tag, um sich zu erholen, ein langes Wochenende. Das würde ich nicht sagen, wenn ich es nicht ernst meinte.« Sie hatte recht. Der Gedanke, einen Tag ganz für mich zu haben, hellte meine Stimmung sofort auf. »Es gibt keinen Termin, den ich nicht verschieben kann«, fügte sie hinzu. »Außerdem« - sie lächelte - »bekommen wir einen letzten Hauch von Indian Summer. Am Wochenende soll es wunderschön werden, fast dreißig Grad und blauer Himmel. Die Blätter sind jetzt am buntesten, die Pappeln goldgelb. Die Ahornbäume sehen aus, als stünden sie in Flammen. Und übrigens ist Halloween. Sie können einen Kürbis aushöhlen.« Ich holte mein Kostümjackett und die Schuhe aus meinem Spind. »Sie hätten Juristin werden sollen«, sagte ich. Am nächsten Tag war das Wetter genau so, wie Rose es vorausgesagt hatte, und ich wachte in Hochstimmung auf. Als die Geschäfte öffneten, zog ich los, um Süßigkeiten für Halloween und Sachen fürs Abendessen einzukaufen. Zuerst fuhr ich die Hull Street hinaus zu meinem Lieblingsgartencenter. Die Blumen in meinem Garten waren längst verblüht, und ich konnte den Anblick der verwelkten Stengel nicht mehr ertragen. Nach dem Mittagessen schleppte ich Säcke voll Blumenerde, Kisten voller Pflanzen und eine Gießkanne auf meine Veranda. Ich öffnete die Tür, damit ich draußen Mozart hören konnte, während ich vorsichtig Stiefmütterchen in ihr fruchtbares neues Beet setzte. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .