"Es schmerzt, sehen zu müssen, wie Kriege, Konflikte, der starke Hang
zur Gewalt die Lebensgrundlage von Millionen Kaukasiern gefährden.
Äußerliche Begehrlichkeiten verschärfen die brisante Situation.....
aber auch untereinander sind sich die Völker spinnefeind."
(Manfred Quiring)
Die in der beck'chen Reihe erstmals 2008 erschienene Aufsatzsammlung "Der Kaukasus. Geschichte - Kultur - Politik" liegt nun in ihrerzweiten, neubearbeiteten Auflage vor. Neben den beiden Herausgebern, Marie-Carin von Gumppenberg und Udo Steinbach zeichnen sich vierzehn weitere, renomierte Autoren für die einzelnen Beiträge verantwortlich. Alle sind promovierte Wissenschaftler und Experten, die sich intensiv mit der Region beschäftigt haben und zum Teil dort auch leben. Vier von ihnen lehren als Hochschuldprofessoren....
....was die beiden Herausgeber zu Recht jedoch nicht davon abhält, ihr Kompendium - trotz seines wissenschaftlichen Anspruchs - in ihren Vorwort vom August 2009 als "Lesebuch" zu bezeichnen. Es ist in drei Teile gegliedert, die jedoch, anders als der Untertitel "Geschichte - Kultur - Politik" vielleicht vermuten lässt, mit "Die Länder", "Die Konflikte" und "Die Kulturen" überschrieben sind.
Nachdem im ersten Kapitel mit Armenien, Georgien und Aserbaidschan die Staaten des Südkaukasus und die zur Russischen Föderation gehörenden nordkaukasischen Teilrepubliken, wie Dagestan, Tscheschenien, Inguschetien, Nord-Ossetien, Karbadino-Balkarien, Karatschai-Tscherkessien und Adygien (Daten, Fakten, Personen) vorgestellt wurden, folgt noch jeweils eine kurze Betrachtung über die Rolle des Iran un der Türkei. Neben den drei Aspekten des Buchuntertitels findet am hier Angaben über Natur, Geographie, Demographie, postsozialistische Phänome, sozioökonomische Bedingungen, geostrategische Aspekte usw.
Das zweite Kapitel "Die Konflikte" beginnt mit der von Geogien abtrünnigen Provinz Abchasien. Danach folgt der "Krieg um den schwarzen Garten" (Berg Karabach) , ehe mit Süd-Ossetien der (vorerst?) letzte bewaffnete Konflikt geschildert wird. Bei der "Krisenregion Nordkaukasus" wurden die Schwerpunkte auf die Tschetschenienkriege und die Islamisierung des Sezessionskonfliktes gesetzt. Daneben werden die Ursachen, Akteure und Perspektiven erörtert. Das Engagement von USA und supranationalen Organisation , wie der NATO, GUS, GUAM und OSZE wird als "Motor oder Hemmschuh für eine Konfliktlösung im Südkaukasus" hinterfragt. Dr. phil. Rainer Freityg-Wirminghaus kommt schließlich zu dem Fazit: "Ohne Rußland geht nichts." "Die neue Seidenstrasse der Energie" in einem neuen "Big Game" der Großmächte zählt zu den wichtigsten geostrategischen Aspekten der Gegenwart und Zukunft. Für die in einem prekären ökonomischen Umbruch befindlichen drei südkaukasischen Länder Armenien, Georgien und Aserbaidschan sind Öl- und Gaspipelines nicht nur von enormer wirtschaftlicher Bedeutung,, sondern vor allem auch eine sicherheitspolitische Herausforderung.
Stereotype Verallgemeinerungen, wie "Kaukasier" oder (die im russischen abfällige Bezeichnung) "Schwarze" werden der differenzierten Ethnizität der im Kaukausus lebenden Völker nicht gerecht. Zu Beginn von Kapitel drei "Die Kulturen" wird daher die ethnische Vielfalt der Region vorgestellt. Als Orientierungshilfe dient hierbei die Karte eines "ethnischen Flickenteppichs" (Seite 182). Nach einer definition des "Ethnischen" folgen Betrachtungen zum "Ethnischen Areal Georgien", zur "Relativen ethnischen Homogenität in Armenien" und zum "Ethischen Synkretismus in Aserbaidschan". Ein besonders Phänomen stellt Dagestan dar, das - ohne Titularnation zu sein - von mehr als 13 Völkern bewohnt wird. Die Sprachenvielfalt am "Berg der Sprachen" stellt eine weitere Besonderheit des Kaukasus dar, die man sonst wohl in keiner anderen Region finden wird. Die "kaukasischen Sprachen" im engeren Sinne, lassen sich in die Gruppen Nord-Westkaukasisch, Ostkaukasisch/Nachisch-Dagestanisch, Nachisch-Wejnachisch mit zahlreichen Untergruppen einteilen. Alleine zu den dagestanischen Sprachen zählen zig Gruppen, z. B. Awarisch und Untergruppen. Auch die südkaukasischen Kartwelsprachen weisen neben Georgisch weitere Idiome auf. Hinzu kommen noch die indoeuropäischen Sprachen, wie z. B. Armenisch, Ossetisch und Kurdisch, die Turksprachen und semitische Sprachen. Eine ebenso wichtige Bedeutung kommt den verschiedenen Religionen zu, die der Identitätsstiftung, Abgrenzung und Gemeinschatsbildung dienen. Die autokephalen Kirchen Armeniens und Georgiens entstanden als erste Nationalkirchen der Welt bereits zu Beginn des 4. Jahrhunderts. In Aserbaidschan gibt es nicht nur ein Nebeneiander von Schiiten und Suniten, sondern auch ein Miteinander. Im Zusammenhang mit der religion sind neben der Kunstradition, der politischen Kultur vor allem auch das Rechtsbewusstsein und das Rechtsverständnis, der verschiedenen ethnischen und religiösen Gemeinschaften zu sehen.
Zum Anhang des Buches gehören ein Abkürzungsverzeichnis, Kurzporträts der Autoren und ein Register. Quellen und weiterführende Literaturhinweise finden sich jeweils am Ende eines Artikels. Sieben schwarzweise Karten dienen der Visualisierung des jeweiligen Themas.
"Der Kaukasus" ist nicht nur ein "Lesebuch", das man vom Anfang bis zum Ende "durchlesen" kann, sondern auch ein gelungenes Werk zum Nachschlagen und "Schwerpunktlesen". Wem das gelungene Kompendium "zu wissenschaftlich" erscheint, sei das im April 2009 und eher in Form einer Reportage verfasste "
Pulverfass Kaukasus - Konflikte am Rande des russischen Imperiums" von Manfred Quiring empfohlen.
5 Amazonsterne.