Die Handlung verquickt zwei altbekannte Motive: die Geschichte von den drei Kästchen, zwischen denen die Freier eines Mädchens zu wählen haben - sie findet sich schon in der Johannes Damascenus zugeschriebenen griechischen Fassung (8. Jh.) des Romans Barlaam und Josaphat, in den Gesta Romanorum und im Decamerone und wurde nach dem Text der Legenda aurea 1483 von Caxton ins Englische übersetzt -, sowie die Geschichte von dem Juden, der als Pfand für ein Darlehen ein Pfund Fleisch aus dem Körper seines Schuldners fordert. Schon im Dolopathos (um 1184) des Johannes de Alta Silva und im mittelenglischen Cursor mundi orientalischen Quellen nacherzählt, gelangte auch dieses Motiv in die Gesta Romanorum (englische Version von Richard Robinson 1577), sowie in Ser Giovanni Fiorentinos Novellensammlung Il Pecorone (um 1378), die in freier Übertragung in William Painters Palace of Pleasure (1566/67) erschien. Möglicherweise benutzte Shakespeare auch ein verlorengegangenes Drama, The Jew, als Vorlage, das beide Motive verknüpfte und auf das auch Marlowe für seinen Jew of Malta (um 1590) zurückgriff. Marlowe stellte allerdings die politischen Motive stärker in den Vordergrund.
Im Kaufmann von Venedig entfalten sich die beiden Hauptmotive in zwei räumlich getrennten Sphären: Im Zentrum der einen, der kommerziellen Welt Venedigs, steht die Titelgestalt, der reiche Kaufmann Antonio, der sein Vermögen in überseeischen Unternehmen investiert hat, dem Juden Shylock gegenüber, dem er ein Pfund Fleisch aus seinem Körper verpfändet, um seinem verschuldeten Freund Bassanio mit einem Darlehen von 3000 Dukaten die standesgemäße Werbung um Portia zu ermöglichen. Den Mittelpunkt der anderen bildet Portia, Herrin des Landsitzes Belmont und vielumworbene reiche Erbin, deren Hand Bassanio gewinnt, indem er unter drei verschlossenen Kästchen das richtige wählt - nämlich das äußerlich unscheinbarste, das Portias Bild enthält - und so die Erfüllung ihrer gegenseitigen Liebe herbeiführt. Jedem der beiden Lebensbezirke eignet eine spezifische Atmosphäre. Der venezianische ist von Anfang an überschattet von Antonios irrationaler Melancholie (»Fürwahr, ich weiß nicht, was mich traurig macht«, I,1); in den Scherzen seiner Freunde über die Handelsschiffe, deren Rückkehr er erwartet, verbergen sich Anspielungen auf den möglichen Verlust seines Vermögens, und im Hintergrund wetterleuchtet Shylocks Haß auf Antonio. Dagegen liegt über Belmont der Glanz eines wirklichkeitsentrückten Wunderlandes, in dem Reichtum als das selbstverständliche Attribut von Schönheit, Tugend und Klugheit erscheint und in dem Glück die Begleiterscheinung der Liebe ist. Die beiden Aktionsfelder sind nicht nur strukturell zueinander in Beziehung gesetzt (durch die Person Bassanios und die seines Freundes Gratiano, der die Hand Nerissas, Portias Vertrauter, erhält), sondern auch sprachlich: Kommerzielle und juristische Redewendungen, wie sie in der Handelsstadt Venedig gebräuchlich sind, liefern den Liebenden in Belmont Metaphern für ihre Gefühle: »Ich komm' auf Schein [d. h. aufgrund eines Schuldscheins] zu nehmen und zu geben« (oder »So teu'r gekauft, will ich auch teuer lieben«, III,2). - Nach einem ersten Höhepunkt - Bassanios Vermählung mit Portia (und Gratianos mit Nerissa) - erreicht die Handlung in der hochdramatischen Gerichtsszene ihre Peripetie. Hier treten die eigentlichen Antagonisten einander unmittelbar gegenüber: Shylock, der nach Antonios finanziellem Ruin auf seiner mörderischen Schuldforderung besteht, und Portia, die ihn, als Advokat verkleidet, mit einem formaljuristischen Trick überlistet; sie erkennt ihm zwar das Recht auf ein Pfund Fleisch aus Antonios Körper zu, erklärt aber sein Leben für verwirkt, falls er entgegen dem Wortlaut des Schuldscheins auch nur einen Tropfen Blut vergösse.
In dem Stück begegnen sich zwei Gestaltungstendenzen. Mit seinen alogischen Prämissen, seiner pauschalen Verteilung von Recht und Unrecht, Gut und Böse sowie mit seiner Dea-ex-machina-Lösung weist es Merkmale des Märchenspiels auf, eines im wörtlichen Sinn melodramatischen Märchens; denn nicht nur fordert der Text für einige Szenen ausdrücklich Musikbegleitung, auch die Verknüpfung der Ereignisse folgt weniger logisch-psychologischen als musikalischen Gesetzen. In den Rahmen des Märchenspiels paßt auch die Katastrophe, die mit dem - allerdings fälschlich vermuteten - Untergang aller seiner Schiffe über Antonio hereinbricht; denn daß der Held erst aus tiefstem Elend durch wunderbare Hilfe errettet wird, ist für das Genre bezeichnend.
Die Gestalt Shylocks aber fügt sich nicht in dieses Schema: In Shakespeares Hand verwandelte sich der ursprüngliche Typ des monströsen Bösewichts in einen komplexen Charakter von Tragödienformat. Alle anderen Personen sind oberflächlich umrissene, in sich inkonsistente Figuren; sie reden und handeln nach den Erfordernissen der jeweiligen dramatischen Situation. Portia ist nach Bedarf Muster aller Tugenden, gütige Märchenfee und demütig Liebende oder aber boshafte, hochmütige Spötterin und, wenn es um die Vernichtung Shylocks geht, nicht nur von raffinierter Schläue, sondern, nachdem sie eben noch eine Rede über die Gnade gehalten hat, von nahezu sadistischer Grausamkeit. Der edle und schwermütige Antonio (»ein bessres Herz lebt auf der Erde nicht«, II,8) beschimpft und bespeit ohne Grund einen Juden - Shylock - auf offener Straße, geht ihn aber nichtsdestoweniger um ein Darlehen an. Nur Shylock handelt aus einleuchtenden inneren Antrieben. Er ist (Antonios sonst unbegreifliches Verhalten dient dazu, dies zu veranschaulichen) der Ausgestoßene am Rand der Handelsmetropole Venedig, in der Macht und Ansehen sich auf kommerzielle Tüchtigkeit und auf Besitz gründen. Gelderwerb ist also das einzige Mittel, das Shylock einen Platz, wenn nicht in der Gesellschaft, so doch in ihrem Schatten sichern kann. Das erklärt seine mitunter grotesk anmutende Sorge um sein Eigentum und seinen Haß auf Antonio, der ihm das Geschäft verdirbt, indem er zinslose Darlehen gewährt. Die Wurzeln von Shylocks Haß aber reichen in tiefere Schichten: In ihm revoltiert das in Jahrhunderten der Demütigung aufgestaute Leiden seines Volkes gegen die scheinheilige Moral einer Gesellschaft, die sich christlich nennt, aber in der Verachtung und Erniedrigung des Mitmenschen nichts Verwerfliches sieht: »Ihr habt viel feiler Sklaven unter euch,/ die ihr wie eure Esel, Hund' und Maultier'/ in sklavischem, verworfnem Dienst gebraucht« (IV,1).