Gebraucht kaufen
Gebraucht - Gut Informationen anzeigen
Preis: EUR 3,79

oder
Loggen Sie sich ein, um 1-Click® einzuschalten.
 
   
Möchten Sie verkaufen? Hier verkaufen
Der Kaufmann von Köln
 
 
Den Verlag informieren!
Ich möchte dieses Buch auf dem Kindle lesen.

Sie haben keinen Kindle? Hier kaufen oder eine gratis Kindle Lese-App herunterladen.

Der Kaufmann von Köln [Taschenbuch]

Karina Kulbach-Fricke , Karina Kulbach- Fricke
3.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (14 Kundenrezensionen)

Erhältlich bei diesen Anbietern.


‹  Zurück zur Artikelübersicht

Produktbeschreibungen

Bild, 24.09.2002

»Atemberaubende Spannung verspricht uns Karina Kulbach-Fricke in ihrem historischen Roman.«

Bild, 24.09.2002

»Atemberaubende Spannung verspricht uns Karina Kulbach-Fricke in ihrem historischen Roman.«

Kurzbeschreibung

Constantin muß nach einer glücklichen Kindheit in Wohlstand erleben, wie seine jüdische Gemeinde in Köln bei dem ersten großen Pogrom im Jahre 1096 nahezu ausgelöscht wird. Auch seine Eltern verliert er, während er selbst knapp mit dem Leben davonkommt. In der ihm fremden christlichen Welt findet er Zuschlupf bei einem Kölner Handelsherr, der ihn auf den Namen Eckebrecht taufen läßt. Doch seine ehemaligen Glaubensgenossen verzeihen ihm nicht ...

Klappentext

"Ein packendes Zeit- und Sittengemälde des deutschen Hochmittelalters. Spannend und akribisch recherchiert."
Badische Zeitung

"Karina Kulbach-Fricke hat in »Der Kaufmann von Köln« geschichtlich fundierte Daten und Halbwahrheiten literarisch so fantasievoll ausgeschmückt, dass ein spannender Roman herausgekommen ist."
Rheinische Post

"Eine Zeitreise ins tiefe Mittelalter: Atemberaubende Spannung!"
Bild -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

Über den Autor

Karina Kulbach-Fricke kam mit neun Jahren nach Köln. Nach dem Besuch der Irmgardisschule studierte sie Geschichte an der Kölner Universität. Nach jahrelanger Forschung über das Kölner Patriziat kann sie ihre Vorfahren bis ins 11. Jahrhundert zurückverfolgen. Eckebrecht, der Held des Romans "Der Kaufmann von Köln", ist ein Vorfahr von ihr. Heute lebt sie als berufstätige Mutter von vier Kindern bei Freiburg. "Der Kaufmann von Köln" ist ihr erster Roman.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

"'Und darum möchte ich dir einen Vorschlag machen. Wir möchten dich an Kindes Statt als unseren Sohn und Erben annehmen.'
Constantin schaute Wolbero an, das Blut schoß ihm ins Gesicht.
'Du meinst, richtig als euer Kind?' fragte er atemlos. Der lange, schlaksige Junge sah plötzlich wieder ganz kindlich aus.
'Ja', Wolbero nickte. 'Als unser Kind. Da ist noch etwas. Um mein Erbe zu sein, müßtest du Christ werden ...'"

Auszug aus Der Kaufmann von Köln. von Karina Kulbach-Fricke, Karina Kulbach- Fricke. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Prolog
Der alte Mann saß auf einem Stein im Kirchhof von St. Martin und betrachtete das Grab. Die frischen Schollen strömten den warmen Duft von sonnenbeschienener Erde aus. Stärker aber war der Brandgeruch über der Stadt, wenige Tage, nachdem das schreckliche Feuer im Juni 1150 große Teile von Köln in Schutt und Asche gelegt hatte.
Zwei Tage Sommersonne hatten genügt, um die verschwenderisch über das Grab gestreuten Blumen in eine unansehnliche Masse zu verwandeln. Das konnte er nicht dulden. Seine Sophia war immer so schön gewesen, eine so anmutige, gepflegte Erscheinung; ihr Grab, das jetzt ihr Haus war, sollte auch eine Augenweide sein.
Er hatte darum die verwelkten Blumen weggeräumt und eine einzelne, herrliche Blume mit großer Sorgfalt mitten auf das Grab gepflanzt. Sie stammte aus Sophias Garten. Sie hatte Blumen immer so geliebt und seltene Sorten gehegt.
Wie diese Blume zum Beispiel hieß, wusste er nicht. Sie war makellos schön und duftete zart. Er stellte sich vor, wie die Blume ihre Wurzeln in der Erde recken und strecken würde, bis sie den Sarg berührten.
»Dann klopft ihr vorsichtig an und grüßt Sophia von mir, hört ihr«, sagte er. Es war sonst niemand auf dem Friedhof, der sich darüber hätte wundern können, dass der Großkaufmann und führende Ratsherr Eckebrecht mit einer Blume sprach.
Sein Blick wanderte von dem frischen Grab, in dem seine Sophia ruhte, zu den beiden Nachbarhügeln, die im Laufe der Jahre so eingesunken waren, dass sie sich kaum mehr vom Boden des Kirchhofs abhoben. Hier lagen sie nun nebeneinander, drei Frauen, die alle in seinem Leben wichtig gewesen waren. Blond waren sie alle drei gewesen: Seidige, hellblonde Locken – das war Liveradis, seine erste Frau; sie ruhte hier seit über vierzig Jahren, und er konnte sich nicht mehr genau an ihr Gesicht erinnern. Üppiges, goldblondes Haar – seine zweite Mutter, Blithildis. Auch sie war nun schon seit siebzehn Jahren tot. Als sie starb, war ihr Haar längst weiß gewesen, aber in seiner Erinnerung sah er sie stets als kraftvolle, blühende Frau. Und Sophias lockiger, kornblonder Schopf. Christinnen, alle drei. Und keine von ihnen war friedlich in ihrem Bett gestorben!
Die vierte Frau in seinem Leben lag nicht auf diesem Friedhof. Rachel: schwarze Locken, schwarze Augen. Die Frau, die ihn geboren hatte, an der er in zärtlicher Liebe gehangen hatte, bis sie ihm plötzlich entrissen worden war. Sie lag in einem Grab auf dem jüdischen Friedhof, in den Armen ihres Mannes Alexander. Es war nicht möglich gewesen, die beiden Körper voneinander zu trennen. Auch Rachel war keines natürlichen Todes gestorben, nein, wahrhaftig nicht.
Zwei Mütter, zwei Ehefrauen, zwei Religionen – ihm schien, als hätte er auch zwei Leben gehabt, und es war nicht leicht gewesen, beide unter einen Hut zu bringen.
Wie lange hatte er nicht mehr an seine Eltern gedacht! Ihr Tod lag nun schon mehr als ein halbes Jahrhundert zurück. Als Kind hatte er sie verloren, nun war er ein alter Mann. Nie, nie würde er die schrecklichen Ereignisse vergessen, die seinen Vater und seine Mutter das Leben gekostet und sein eigenes Leben von Grund auf verändert hatten.

1096 bis 1107
Es war noch früh, aber die Frühlingssonne schien an diesem Aprilmorgen im Jahre 1096 schon strahlend auf Köln herab. In den kleinen Gärten hinter den Häusern blühten außer den letzten Schneeglöckchen jetzt auch Krokusse, Veilchen und Primeln; die Luft schmeckte köstlich und verheißungsvoll.
Constantin hatte große Lust, zum Rhein hinunterzulaufen und nachzusehen, welche Schiffe da lagen, und das sagte er auch zu seiner Mutter, die hinter ihm aus der Haustür trat und die Enge Gasse hinabschaute. Rachel blickte ihn ernst an.
»Mein Sohn«, sagte sie mit sanfter Stimme, »du weißt, dass du in die Schule gehen sollst. Willst du nicht lernen und ein kluger Mann werden wie dein Vater?«
»Das hat noch lange Zeit. Heute will ich zum Hafen und sehen, was die Schiffe mitgebracht haben«, trotzte der Knabe. Die Mutter lächelte und strich ihm das Haar aus der Stirn.
»Und was ist mit Rabbi Samuel? Er wäre sicher traurig, wenn du nicht kommst. Und das Geld braucht er auch, das Vater ihm zahlt, damit du bei ihm lernst. Also, keine Widerworte mehr. Nun geh schon!«
Sie blickte hinter ihm her, wie er die Gasse hinabtrabte, eine kleine Gestalt, kleiner jedenfalls als seine christlichen Altersgenossen. Sonst unterschied er sich nicht so sehr von ihnen. Er hatte nicht die üppigen dunklen Locken seiner Mutter geerbt und auch nicht ihre schwarzen Augen, sondern war braunhaarig und braunäugig wie sein Vater Alexander, der eben aus dem Haus trat.
Stolz und liebevoll schaute er auf seine schöne Frau, die er als Dreizehnjährige heimgeführt hatte. Sie war jetzt schwanger mit ihrem vierten Kind. Drei Jahre nach Constantin hatten sie einen zweiten Sohn, Löb, bekommen und wieder drei Jahre später eine kleine Tochter, die sie Bejle nannten. Dann war vor zwei Jahren eine Kinderseuche über Köln gekommen.
Damals hatte man wochenlang das Schreien und Weinen verzweifelter Mütter in der Stadt gehört, und täglich klingelte dünn das Sterbeglöckchen, wenn die kleinen Särge auf den Kirchhof getragen wurden. Rachel hatte Tag und Nacht am Bett des kleinen Löb gewacht. Nach einer Woche war er gestorben, abgezehrt vom Fieber, erst fünf Jahre alt.
Die Eltern hatten bitterlich an seinem Grab geweint. Als sie vom jüdischen Friedhof zurückgekommen waren, hatte Rachel bemerkt, dass ihre kleine Tochter Bejle, die gerade laufen gelernt hatte, stark fieberte. Das kleine Mädchen hatte der Krankheit nur zwei Tage standgehalten, ehe es sterben musste.
Zum zweiten Mal hatte Rachel am Grab eines Kindes gestanden, diesmal hatte sie keine Tränen mehr gehabt. Sie hatte nur nach ihrem ältesten Sohn Constantin gegriffen und ihn hart an sich gerissen, sprachlos vor Angst, sie könnte auch ihn noch verlieren. Aber Constantin blieb gesund.
Zärtlich strich Alexander jetzt über ihre schwarzen Locken und blickte auf ihr Gewand, unter dem sich ihr Leib schon rundete.
»Was war das für eine Auseinandersetzung mit unserem Sohn?«, fragte er seine Frau. Rachel lachte und lehnte sich in seine Arme.
»Er wollte nicht in die Schul, sondern lieber zum Rhein hinunter. Er strebt nach Kaufmannschaft, nicht nach Wissenschaft.«
Alexander wühlte seine Nase in ihr Haar. »Hm, wie gut du riechst!«, bemerkte er und drückte sie liebevoll an sich. Dann machte er ein ernstes Gesicht und fügte hinzu:
»Der Junge muss lernen; ein Kaufmann wird er später, jetzt soll erst einmal ein richtiger Jude aus ihm werden. Wo wären wir, hätten uns nicht unsere Rabbiner gelehrt, Generation für Generation? Heute Abend werde ich ihn abfragen, was er zuletzt aus der Thora gelernt hat.«

Constantin trottete die Enge Gasse hinab. Es war noch ein wenig frisch, und es fror ihn, sodass sich die kleinen Härchen auf seinen nackten Beinen aufstellten.
Fast wäre er über ein kleines, mageres Schwein gefallen, das ihm in die Füße lief. Der Junge hielt einen Augenblick inne und beobachtete das Tier, das die Gasse nach Essensresten absuchte. Es fand ein paar Kohlblätter und fraß sie. In einem Winkel lag ein Knochen, an dem noch ein paar Fleischfasern hingen, der erregte seine besondere Aufmerksamkeit. Da kam ein junger Hund, verjagte das Schwein und trabte mit dem Knochen davon.
Constantin ging weiter und bog in Unter Goldschmied ab, eine breite, schnurgerade Straße. Sie war gepflastert, sodass man auch bei Regen und Schneematsch bequem über sie fahren und gehen konnte, während man in den benachbarten Gassen ohne Bodenbelag ständig ausrutschte und tief im Schlamm versank.
Unter Goldschmied war eine der Hauptstraßen des ehemaligen römischen Lagers gewesen und jetzt eine der wichtigsten Handelsstraßen in Köln. Hier wohnten reiche christliche Kaufleute neben Handwerkern. Das Kind blieb kurz stehen und schaute einem Tuchhändler zu, wie er gerade den Laden öffnete, seinen Verkaufstisch heraustrug und dann neue Stoffrollen darauf ausbreitete. Er lobte seine Ware in den höchsten Tönen, es waren warme wollene Stoffe, Leinen von bester Güte und auch eine Rolle kostbarer blauer Seide.
Gerade wollte Constantin seinen Weg fortsetzen, als ein schwer beladener Wagen vorbeirollte, den ein mächtiges Pferd nur mit Mühe ziehen konnte. Seine Fracht waren lange Holzbalken, die zur nächsten Baustelle gefahren werden sollten. Constantin drückte sich eng an die Hauswand, um nicht von dem gewichtigen Fuhrzeug erfasst zu werden.
Hinter ihm öffnete sich eine schmale Pforte im Hoftor, und eine Frau trat heraus, zum Kirchgang gekleidet. Constantin kannte sie vom Sehen. Es war Blithildis, die Frau des reichen Kaufmanns Wolbero.
Zwischen ihren Füßen schoss, ehe sie es verhindern konnte, ein junges Hündchen heraus. Fast wäre es unter die Räder geraten, da griff Constantin blitzschnell zu und zerrte das Tier zu sich. Die Frau hatte einen lauten Schrei ausgestoßen, als sie das Unheil kommen sah, nun lachte sie befreit auf.
»Was für ein Glück, dass du gerade da warst! Ich hätte Sanna nicht rechtzeitig erwischt!«
Sie drückte Constantin dankbar einen Kuss auf die Stirn, was das Kind etwas verlegen machte.
»Frau Blithildis, es war nicht der Rede wert.«
»O doch, ich bin dir sehr dankbar. Komm herein, ich will dir einen Apfel schenken.«
Er würde zu spät zur Schule kommen, aber Constantin war neugierig, wie es in dem schönen Haus der reichen Christin wohl aussehen mochte, und so folgte er ihr ohne weiteren Widerspruch.
»Immer versucht dieses dumme Hündchen, auf die Straße zu laufen. Sie ist einfach hinausgewischt, als ich die Tür öffnete. Los, Sanna, ab in den Hof!«
Blithildis gab dem Tierchen einen kleinen Klaps, setzte es auf den Boden und schloss die Hofpforte. Sie nahm Constantin an der Hand und ging mit ihm über den Hof. Rechts von ihnen lag der Stall, dahinter der Garten. Ein Apfelbaum stand in voller Blüte, wie weiße Schneeflocken bedeckten die Apfelblüten den Boden zu seinen Füßen. Sie gingen an der Küche vorbei, wo die Mägde geräuschvoll wirkten, und durch einen schmalen Gang, der an dem Lager- und Verkaufsraum ihres Gatten Wolbero vorbeiführte. Über eine steile Stiege führte ihr Weg in das obere Stockwerk zur großen Wohnstube. Constantin betrachtete das große Bett in der Ecke, die Schlafstatt des Kaufmanns und seiner Frau. An der Wand standen breite Bänke, auf einer lagen die Strohsäcke gestapelt, auf denen nachts die Söhne des Hauses und das Gesinde schliefen. Constantin bestaunte die beiden schweren Truhen, den mächtigen Tisch und den geschnitzten Stuhl des Hausherrn. Ein hölzernes Bild an der Wand erschreckte ihn, denn es zeigte einen Mann, der mit schmerzerfülltem Gesicht an einem Kreuz hing. Große Nägel hielten seine Hände und Füße an den Balken fest.
»Was ist das für ein Mann, Frau Blithildis?«
Die Hausfrau wandte den Kopf.
»Mein Junge, das ist ein Kruzifix. Unser Heiland hängt am Kreuz, um die Menschen zu erlösen.« Sie strich dem Jungen über den Kopf. »Du kennst das wohl nicht? Ich weiß schon, du gehörst zu den Juden in der Engen Gasse. Ich kann dir ein andermal davon erzählen, wenn du willst. Jetzt wollten wir doch den Apfel holen.«
Und sie griff in den aus Weidenruten geflochtenen Korb in der Ecke und suchte den schönsten Apfel heraus, der sich zu dieser Jahreszeit noch finden ließ. Sie reichte ihn dem Kind, das sofort hineinbiss, und sagte freundlich:
»Ich wollte gerade zur Kirche gehen. Wenn dein Weg in die gleiche Richtung führt, könnten wir wohl ein Stück zusammen gehen.«
Der Junge begleitete sie gern. Ihm gefiel die hoch gewachsene Frau, deren schönes goldblondes Haar sich durch die Frauenhaube nicht bändigen ließ, sondern an mehreren Stellen vorwitzig hervorschaute. Ihre Gestalt war üppig, sie war fleißig und rasch in ihren Bewegungen, sodass der dicke Schlüsselbund an ihrem Gürtel ständig klingelte.
Blithildis freute sich an dem aufgeweckten, höflichen kleinen Burschen, der fröhlich plaudernd neben ihr herlief, und lud ihn ein, sie einmal wieder zu besuchen. Vor dem Kirchportal winkte sie ihm nach und trat dann in den halbdunklen, strengen, feierlichen Raum, der nach Weihrauch und Kerzen duftete.
Der Gottesdienst hatte noch nicht begonnen. Blithildis kniete in der Nische vor einem geschnitzten Bild der Gottesmutter nieder und flehte sie um die Erfüllung ihres ständigen Wunsches an.
An Gottvater wandte sie sich nicht, weil sie ihm im tiefsten Grund ihres Herzens grollte, dass er den Tod ihres Kindes zugelassen hatte. Auch bei Jesus glaubte sie nicht genügend Verständnis für ihren Herzenswunsch zu finden. Nur von Frau zu Frau am Marienaltar äußerte sie ihre Bitten immer wieder; manchmal auch etwas vorwurfsvoll, denn da sie selbst immer gern bereit war, anderen einen Wunsch zu erfüllen, sah sie nicht recht ein, warum man sie seit Jahren vergeblich flehen ließ.
»Heilige Maria, gütige Mutter Gottes, hier ist deine Tochter Blithildis. Bitte, schenke dein Ohr meinem Flehen. In Demut liege ich vor dir auf den Knien. Du hast den Heiland geboren, deinen vollkommenen Sohn, und hast dich lange Zeit an ihm freuen dürfen. Mach, dass auch ich ein Kind in meinen Armen halten kann.
Gütige Mutter, dir habe ich mich geweiht von Kindheit an, und du hast mir viele Geschenke gemacht in meinem Leben. Wohl behütet durfte ich in einem glücklichen Elternhaus aufwachsen. Du hast mir einen guten Mann gegeben, an dem mein Herz hängt, und mir seine beiden Söhne anvertraut, die ich von Herzen liebe.
Liebste Mutter, mein Herz seufzt nach einem eigenen Kind. Seit sechzehn Jahren bin ich Wolberos Frau, und noch bin ich jung genug, um Mutter zu werden. Hilf mir, heilige Mutter Maria! Wie glücklich war ich, als ich vor zehn Jahren schwanger wurde. Wie habe ich mich auf das Kind gefreut! Vielleicht habe ich vergessen, dir genügend dafür zu danken? O Maria, als mein Töchterchen gleich nach der Geburt dahinging, ohne einen Atemzug getan zu haben, wäre ich am liebsten auch gleich gestorben. Ich flehe dich an, gib mir wieder ein Kind.«

Constantin hatte Blithildis nachgeschaut, als sie in der Kirche verschwand. Ob sie dort so betete wie sein Vater in der Synagoge? Ob in der Kirche auch ein solch furchterregendes Holzbild hing? Constantin hatte den schwierigen Namen nicht behalten. Nie zuvor war er auf den Gedanken gekommen, sich damit zu beschäftigen, was die Christen von seinen Leuten unterscheiden mochte. Nun nahm er sich vor, seinen Vater zu fragen, was dieser Kreuzmann zu bedeuten hatte und warum er in Blithildis’ Wohnstube hing.
Da schlug die Glocke in der Kirche. Er schaute in die Höhe. Die Sonne stand schon weitaus höher, als er gedacht hatte. Er würde viel zu spät kommen! Eilig trabte er los.
Schließlich war es Constantin doch noch gelungen, die Schule zu erreichen. Der Unterricht fand in der Synagoge statt. Der Junge eilte zunächst zu dem großen, sehr tiefen kalten Bad, Mikwe genannt, um dort die rituellen Waschungen vorzunehmen, die der Rabbi für unerlässlich hielt, wenn jemand sich der Weisheit der Thora nähern wollte.
Ohne zu murren, nahm Constantin dann die Strafe für das Zuspätkommen auf sich und bemühte sich sehr, dem Rabbi zu folgen, der die Knaben lehrte, in der Thora zu lesen. Mit heißen Wangen beugten sich die Kinder über die Rollen, den kostbarsten Besitz des Rabbis, und versuchten, seine Erklärungen zu verstehen. Das fiel ihnen schwer, und besonders schwer an einem so schönen sonnigen Frühlingstag. Constantin musste sich sehr zusammennehmen, um nicht immer auf die herrlichen Glasgemälde zu starren, mit denen die Synagoge geschmückt war. Sie zeigten Löwen und Schlangen, und Constantin träumte davon, diese wilden Tiere einmal in Wirklichkeit sehen zu können.
Auch dieser Unterricht ging irgendwann zu Ende, und Constantin beschloss, doch noch einen kurzen Abstecher zum Rhein zu machen, ehe er nach Hause zurückkehrte. Eilig lief er über den Alter Markt hinunter zum Rhein und dann zum Hafen, der eine nie erlöschende Anziehungskraft auf ihn ausübte. Die Rufe der Fisch- und Obsthändler übertönten sich gegenseitig, und es herrschte ein ständiges Gestoße und Gedränge.

Von Süden sah Constantin eine Reihe von großen Schiffen herantreiben, in deren offenem Innenraum viele Menschen standen und laut sangen. Constantin musste dringend erfahren, wer da ankam. Er drängelte sich zwischen die vor ihm stehenden Erwachsenen und achtete nicht der Kopfnüsse, die er sich damit einhandelte. Die Art von Gesang kannte er. Wenn die Christen ihre Umzüge machten, zu Fronleichnam etwa, dann sangen sie so. Es musste sich also um etwas handeln, das mit ihrer Religion zu tun hatte. Und richtig: Als das führende Schiff angelegt hatte, stieg ein hoch gewachsener Mann mit langer Kutte und zur Tonsur geschorenem Kopf als Erster aus, gefolgt von einer Schar von Bauern, die als Waffen Dreschflegel, Prügel, Spieße, Äxte und sogar Heugabeln mit sich führten.
Constantin hatte schon oft Mönche gesehen, manche waren still und bescheiden, andere laut und stolz. Dieser hier wusste jedenfalls auf sich aufmerksam zu machen. Er winkte einem Krüppel, der ihn begleitete, auf einer Trommel zu schlagen, blieb stehen und wartete, bis genügend Menschen zu ihm herschauten. Dann stieg er auf einen Karren und rief mit lauter Stimme, die voll über den Platz und die Fluten des Rheins tönte. Die meisten Leute hatten inzwischen bemerkt, dass etwas ganz Besonderes geschehen würde, drehten sich zu dem Mönch um und waren gespannt, was er ihnen zu sagen hatte.
Constantin war dessen Sprache fremd, und er fragte einen gut gekleideten Mann, der neben ihm stand:
»In welcher Sprache redet der Mann?«
»Er spricht französisch. Nun sei still, damit ich verstehe, was er sagt.« Das war allerdings nicht nötig, denn der Mönch hatte einen jungen Mann an seiner Seite, der zwar mit Akzent sprach, doch in verständlichem Deutsch übersetzte: »Liebe Brüder und Schwestern, gute Christen! Hört an, was ich euch zu sagen habe. Unser Heiliger Vater Urban hat im vergangenen Jahr alle Christen aufgerufen, ins Heilige Land zu ziehen, um dort zu kämpfen und die Ungläubigen zu vertreiben, die uns den Zugang zu unseren Heiligtümern verwehren: zum Stall in Bethlehem, wo unser Herr geboren wurde, und zur Grabeskirche in Jerusalem, wo er für uns den Kreuzestod erlitt. Wie lange sollen wir das noch ertragen?
Ich, Peter von Amiens, der bescheidenste aller Augustiner, sage euch: Wir wollen es nicht mehr dulden! Wir wollen die Ungläubigen vertreiben! Die heiligen Stätten sollen frei sein, denn wo wollt ihr sonst beten, wenn euch nach schweren Sünden eine Wallfahrt dorthin auferlegt wird? All diese Männer, die ihr hier mit mir seht, haben sich schon zum Kampf entschlossen und sind mir aus Frankreich gefolgt.
Ich sage euch: Nehmt an Waffen, was ihr findet, und zieht mit uns ins Heilige Land. Gewinnt euch dort die ewige Seligkeit im Himmel, und erwerbt alles, was ihr mit eurem Schwert erkämpft, denn die Ungläubigen besitzen viele Reichtümer. Kommt mit uns: Gott will es!«
Und wie ein Donner tönten die antwortenden Stimmen der französischen Bauern: »Dieu le veut! Gott will es! Dieu le veut!«
Der Mönch schaute mit beschwörenden Blicken in die Menge. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

‹  Zurück zur Artikelübersicht