Selten hat mich ein historischer Roman so in seinen Bann gezogen und das nicht nur, weil ich meine Heimatstadt Köln liebe.
Besonders hat mir die sehr persönliche und liebevolle Perspektive der Autorin gefallen, die Schilderung der Hauptpersonen und speziell auch der Frauen und ihrer Schicksale.
Ich habe sehr viel gelernt und mich wieder erinnert, wenn es um historische Zusammenhänge geht oder Einzelheiten im Handelsrecht, im Kirchen- oder Bürgerrecht oder bezüglich der Situation der Juden um diese Zeit.
Erheitert hat mich die feine Ironie, wenn es um die versilberten oder vergoldeten Reliquien geht oder die Ausgrabungen in St. Gereon, aber nicht nur hier.
Die Kritik der Autorin an den einzelnen Menschen als Vertreter einer Gruppe oder Institution, seien es Kirche, weltliche Machthaber, Juden oder Bürger, ist immer differenziert, ohne zu pauschalisieren.
Dem Roman ist für meine Begriffe ein Spagat gelungen, den viele Schreiber nicht wagen: Er erzählt vom Mittelalter und lässt über Probleme unserer Zeit nachdenken, ohne dass es direkt bewusst wird:
Wenn der amerikanische Präsident heute einen „Kreuzzug des oder der Guten gegen das Böse oder die Bösen" propagiert, so läuft es einem beim Lesen der Kreuzzugsschilderungen kalt den Rücken herunter.
Wenn Toleranz von orthodoxen Juden nur ihnen selbst gegenüber gefordert wird, dann habe ich Angst um Israel - kürzlich sprach ich mit einer jungen Israeli darüber.
Wenn sich heute junge Leute - und nicht nur diese - durch politische und wirtschaftliche Propaganda verführen lassen, so zeigt der Roman auf, dass es früher nicht anders gewesen ist.
Wenn sich heute der katholische Klerus immer noch nicht zufriedenstellend mit den Problemen des Zölibats auseinandergesetzt hat, so schildert die Autorin sehr aktuell und berührend, zu welchen monströsen Problemen das führen kann.
Wenn die Autorin ihre Kaufmannshelden oder heldenhaften Kaufleute ironisch zwischen Besitzgier und vernünftigem sozialen Handeln schwanken lässt, so zeigt das für uns heute ein großes Fragezeichen auf: Korruption gibt es ja nicht nur in Köln, aber nur hier wird sie immer noch fast liebevoll mit „Klüngel" umschrieben.
Die großen Spannungsbögen des Romans und die Einordnung in die reale Geschichte nehmen dem Leser manchmal den Atem, weil er keine Pause machen möchte.
Für Kölner, die ihre Stadt kennen und lieben, ein absolutes Muss und sonst: s.o.