Dr.Martin hüpft quirlig quer durch die ökonomischen Theorien der Weltgeschichte, von der Bibel über die Prostitution zu Adams, Marx, Keynes und zurück. Und der ehemalige stellv.Chefredakteur der Bild-Zeitung schreibt mit saloppen, eingängigen Parolen. Das ist lustig und interessant, und das Erstaunliche: überall erkennt er grundlegende Fehler bereits im Ansatz, die noch nie jemandem aufgefallen sind! Sogar bei der klassischen Angebots/Nachfrage-Kurve. Meist geht es um den immer gleichen Punkt: die Theorien würden die Zeit und die darin aufgelaufenen Zinsen vernachlässigen. Und das ist entscheidend, denn - durchaus korrekt - unser Kapitalismus wird durch Schulden angetrieben und ist laut Martin eigentlich ein Debitismus. Martin erklärt, dass die Zinseszins-Schraube die Schulden und damit die Geldmenge exponentiell immer schneller ansteigen lässt, weshalb es zwangsläufig zu Zusammenbrüchen kommen muss. Er analysiert im Wesentlichen den (kleinen) Crash von 1987, aber es wird in langen Zyklen immer auch die größeren Crashs mit Staatsbankrott wie den von 1929 geben. Allerdings muss man sich diesen Crash-Cycle wegen des sprunghaften Schreibstils leider etwas mühsam zusammen puzzeln, die Argumentation könnte klarer und stringenter sein.
Martins Grundansatz ist sehr interessant, doch sein Fazit widersprüchlich: Diese systemimmanenten Zusammenbrüche bedeuten jedes Mal die Pleite für Millionen Schuldner (und 1929 auch Hass und Krieg). Martin zeigt in seinem Buch, dass es eher nicht funktioniert und der Untertitel "Ein System, das funktioniert." scheint ironisch gemeint zu sein. Doch dem ist nicht so: für Martin sind die Crashs ganz normale, zu erwartende Korrekturen des Marktes, und seine Crash-Indikatoren (allen voran Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung) stehen auch 2004 auf Sturm. Alternativen sieht er komischerweise keine.
Dabei setzen genau hier alternative Modelle an. Nach meiner Meinung schmeißt Martin den Kapitalismus und das Zins-System in einen Topf. Anstatt in alle ökonomischen Theorien der Welt den Zins einzubauen, hätte ich mir von einem brillanten Experten wie ihm eher Vorschläge zu Alternativen ohne Crashs gewünscht.