Diese Sammlung, so umfangreich und toll sie auch seien mag, sagt doch nicht, wie erwartet: Das Drama lebt!, sondern: Das Drama war mal.
Gut, nun ist Marcel Reich-Ranicki ja stets ein Befürworter der Klassiker gewesen und der Insel-Verlag natürlich stets eine Institution genau auf diesem Gebiet. Vielleicht war nichts anderes zu erwarten. Trotzdem finde ich, nimmt sich der Anteil an modernem Drama/Theater (Hochmuth fehlt, sogar Kraus, Kipphardt, Martin Walser, Robert Musil, des weiteren Süskind(
Der Kontrabass), Jelinek und von früher Lasker-Schüler (überhaupt: keine einzige Frau) und Zuckmayer, was mich dann doch empörte) doch etwas zu dürftig aus. Klar: Die Klassiker sind nicht minder interessant und ein Kanon muss reif sein. Aber manches moderne Stück ist nicht minder als Wedekind z.B., kanonreif.
Ein Kanon ist immer subjektiv und kann wohl niemals komplett sein, höchstens bis zum Überdruss umfangreich (und jeder kann nach Durchsicht der Inhaltsliste unten selbst entscheiden, wie gelungen dieser ist) und natürlich will man vor allem das all'samt Kunstvolle versammelt und zelebriert sehn. Vielleicht aber gibt das gerade dem Kanonleser nicht den richtigen Kompass in die Hand.
Band 1
Lessing (Minna von Barnhelm - Emilia Galotti - Nathan der Weise)
Band 2
Goethe (Egmont - Iphigene auf Tauris - Torquato Tasso - Faust I)
Band 3
Schiller (Die Räuber - Kabale und Liebe - Don Carlos)
Band 4
Schiller (Wallenstein - Maria Stuart - Wilhelm Tell)
Band 5
Heinrich von Kleist (Der zerbrochene Krug - Das Käthchen von Heilbronn - Prinz Friedrich von Homburg)
Ferdinand Raimund (Der Alpenkönig und der Menschenfeind)
Christian D. Grabbe (Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung)
Johann Nestroy (Der Talisman)
Georg Büchner (Danton's Tod - Woyzeck)
Friedrich Hebbel (Maria Magdalene)
Band 6
Arthur Schnitzler (Liebelei - Reigen - Professor Bernhardi)
Gerhart Hauptmann (Die Ratten - Vor Sonnenuntergang)
Frank Wedekind (Frühlings Erwachen)
Band 7
Hugo von Hofmannsthal (Der Tor und der Tod - Der Schwierige
Carl Sternheim (Der Snob)
Bertold Brecht (Die Dreigroschenoper - Leben des Galilei - Mutter Courage und ihre Kinder)
Band 8
Ödon von Horvath (Geschichten aus dem Wiener Wald - Kasimir und Karoline)
Max Frisch (Biedermann und die Brandstifter)
Peter Weiss (Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marads dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade)
Friedrich Dürrenmatt (Der Besuch der alten Dame)
Peter Hacks (Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe)
Heiner Müller (Der Auftrag)
Thomas Bernhard (Die Macht der Gewohnheit)
Botho Strauß (Groß und klein)
Dass von Frisch und Dürrenmatt nicht mehr, von Faust nur der erste Teil, von Bernhard ausgerechnet Die Macht der Gewohnheit, von Schiller alles bis auf den Fiesco und Die Jungfrau von Orleans, dass alles kann bemängeln oder befürworten. Ich persönlich hätte mir "mehr Moderne" gewünscht.