Reich-Ranicki ist nicht nur ein hinreißender Plauderer über Literatur. Er ist auch ein Meister der Selbstdarstellung, der weiß wie er seine Popularität in klingende Münze umsetzen kann. In einer Zeit, der es sicherlich nicht an Literaturempfehlungen - man denke nur an die nach wie vor aktuelle ‚ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher' von 1980 - mangelt, empfiehlt er in einem schmalen 87 seitigen Einführungsbändchen 20 deutschsprachige Romanautoren. Er stellt sie jeweils mit einem tabellarischen Lebenslauf und einer Kurzrezension über üblicherweise eines, ausnahmsweise wie bei Goethe, Fontane und Thomas Mann auch zwei ihrer Werke vor.
Zwei der Romanschreiber entstammen dem 18. Jahrhundert, mit elf ist das Gros im 19. Jahrhundert geboren, während nur vier Autoren für das 20. Jahrhundert stehen. Von den siebzehn Romanciers sind fünf Österreicher, zwei Schweizer und zehn Deutsche. Nimmt man jede Auswahl als notwendigerweise subjektiv hin, so gibt es kaum Raum für Kritik an Reich-Ranickis Selektion dieser Schriftsteller. Neu für den Verfasser dieser Zeilen waren mit Heimito von Doderer, Thomas Bernhard, Joseph Roth und Wolfgang Koeppen vornehmlich österreichische Autoren. Die genannten Kurzrezensionen reizen förmlich dazu, sie kennenzulernen. Hat man doch immer das Gefühl, über ihre Werke tiefen und authentischen Einblick in eine bestimmte historische Zeit, Gesellschaft oder Gefühlslage einer Gesellschaftsgruppe zu erhalten.
Fazit: Sieht man, nicht nur aufgrund Ranickis flammendem Eingangsplädoyer, den Sinn eines jeden Kanons in seinem „nichtsklavischen" Empfehlungscharakter, so läßt sich auch der vorliegenden Vorstellung von 17 Autoren und 20 ihrer Werke sehr viel abgewinnen. Nichtzuletzt erfährt der Leser nolens volens in den dreiseitigen Anmerkungen am Schluß des Einführungsbändchens viel über Leben und Leistungen Reich-Ranickis.