Wenn ein Gleichnis Hilfsmittel einer rationalen Aussage ist, dann hat Zweig hier in wunderbarer Weise dieses geschaffen. Das Dämonische zeigt sich da deutlich, wo es beispielhaft Verwendung findet, wo ein Mensch als Repräsentant des Dämonischen vorbildlich gilt. Zweig gelingt es, vorzüglich und vollkommen in die Empfindsamkeit seiner Protagonisten einzudringen. Drei Personen sind es, die dem Gleichnis offensichtlich dienen und doch sind es eigentlich fünf.
Beginnen wir mit den dreien, die ihr Leben der Unterordnung jenseitiger Imperative gewidmet, die sich selbst in den Mittelpunkt ihres Lebens gestellt und sich für den Bereich darüber hinaus entschieden haben. Es sind Hölderlin, Kleist und Nietzsche, die gem. Plutarchs Werk oder Safranskis Frage: „Wieviel Wahrheit braucht der Mensch?“ herhalten für eine vergleichende Lebensgeschichte. Diese Drei geben sich letztendlich einer überweltlichen Macht hin, die sie aus dem warmen Sein des Lebens hinaus reißt in eine unkontrollierbare Leidenschaft, um in der Verstörung des Geistes oder im selbst gewählten Tod zu enden. Nur im wachen Zustand erkennen sie sich als Besessene einer höheren Macht, als dem Dämon verhaftet.
Mehr wird deutlich im Vergleich mit einer weiteren Person, die Zweig als leise Metapher, als Über-Ich und doch real all den Gemeinsamkeiten der eigentlichen Drei überschweben lässt. Es ist Goethe, der mit Verstand und Macht gegen sich selbst das Dämonische in sich erkennend sich diesem abwendet. Wie die Welt durch geschickte in Sediment gesetzte Abformungen, durch tierische oder pflanzliche Überreste etc Botschaft für die Nachwelt gibt, so beschreibt und überliefert Goethe frei vom Dämonischen klare Ideen, Erkenntnisse und rationale Handlungen als Sammler diverser Wissenschaften.
Der fünfte im Bunde ist Zweig selbst, der mit nahezu übertriebener Leidenschaft sich in das Innenleben der vom Dämon Besessenen mit Bravour und überwältigender Sprache hinein arbeitet. Ja, die drei vom Dämon Verführten in ihrem Leid gedanklich begleitet, Kleist bis in den Freitod. Er lebt quasi mit ihnen, in der beschreibenden Wiederholung vieler Eigenschaften und Gegebenheiten kommt er ihnen näher – im Geist und in der Emotion. Er setzt sich selbst der Gefahr aus, die Spannung seines Geistes als Grenzwert zu erleben und in der möglichen Überspannung sich selbst zu verlieren. So scheint er Goethe als rettende Hand zu brauchen, da dieser in den „Leiden des Werthers“ längst die Erfahrung eines Grenzgängers machte und erfolgreich meisterte, und Zweig in Anlehnung an Hölderlins Dualismus „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ sich mit ihm sicher wähnt.
Zweig entwickelt seine Entdeckung des Dämonischen in der Folge von Hölderlin über Kleist zu Nietzsche. Über den Himmel und das metaphysisch Göttliche, hin zum egozentrisch Menschlichen bis in die Einsamkeit der Über-Intelligenz und der letztendlichen Opferung des Selbst gegenüber der Lebendigkeit ohne Lebensplan.
Hölderlin: „Nur was blühet, erkenn ich“
Das Prinzip des Werdens ist für Hölderlin präsenter als das des Seins. Diotima als Frau bleibt sein Streben, die Realisierung würde den Traum zerstören. „Es ist eine bessere Zeit, die suchst Du, eine schönere Welt.“ (Diotima an Hyperion)
Kleist: „Verflucht das Herz, das sich nicht mäßigen kann.“
Kleist ist hier Sehender seiner Leiden doch den Gegensätzen seiner Leidenschaft verhaftet. Im Gegensatz zu Hölderlin, der alle Idealität von der äußeren Welt zu realisieren fordert, fordert Kleist sie von und für sich. Seine Inszenierung des Lebens schließt den Freitod mit ein.
Nietzsche: „Auf die ewige Lebendigkeit kommt es an, nicht auf das ewige Leben.“
Nietzsche will sich lebendig und das ist seine Wahrheit und zu dieser Wahrheit verhält er sich stur und monogam. Ihn reizt nicht das Halten und Haben, ihn reizen die Fragen, das Forschen, das Suchen, das Jagen – bis zum Schmerz, bis zur Verzweifelung. Die Welt wird so von ihm nicht erobert und diese Erkenntnis führt ihn in die verzweifelte Einsamkeit.
Über das Denkbare und das Lebbare philosophierte Safranski entlang nahezu selben Personen-Gleichnissen. Die persönliche Idee jedes Einzelnen steht oberhalb allem Anderen und ist bestimmend in der Wahl der Lebenspraxis. Wer den Weg vom Menschen fort einschlägt, anstatt zu ihm, verabschiedet sich von allen sozialen Kontexten.
Dostojewski formulierte es so, das es das „höhere Herz ist, das sich quält“. Enttäuschte Leidenschaft führt zur Lebensfeindschaft, zur Unrast ohne Heimat, letztendlich, weil „ein Traum von ihr nicht genügt“ (Hölderlin).