Es ist ein Liebesroman und man kann ihn auch ganz einfach als einen solchen lesen. Man kann die Lyrik des Mittelalterdichters John Donne einfach überspringen oder die interessanten Einblicke in die Kunst der Kalligraphie. Was man nicht überlesen kann, ist die schöne Sprache und den hintersinnigen Humor dieses 500 Seiten starken Bandes, welches das Erstlingswerk von Edward Docx ist. Der Kalligraph" ist 2003 in Großbritannien erschienen aber als deutsches Taschenbuch erst 2007 im BLT-Verlag. Der Autor, 72er Jahrgang, arbeitet als Journalist und ist in seinem Heimatland zudem aus Funk und Fernsehen bekannt.
Auch die Übersetzer haben ganze Arbeit geleistet.
Ich glaube, in den folgenden Jahren hatte ich wirklich mit allen Frauen der Stadt ein Liebesverhältnis: ob jung, alt, dunkel, blond, verheiratet oder lesbisch; aus Asien, Afrika, Amerika, Europa, sogar aus Belgien, mit kleinen und großen, dicken und dünnen Frauen; mit so klugen Köpfen, die an der eigenen Intelligenz zu ersticken drohten, und mit anderen, die so doof waren, dass jeder ihrer Sätze einen herzzerreißenden Kraftakt erforderte und einen Triumph bedeutete; mit locker-leichtlebigen und moralinsauer-verkniffenen, mit sexuellen Hochleistungssportlerinnen und mit Kartoffelsäcken; mit Hexen, Engeln, Sukkuben und Nymphen; mit Frauen, bei denen man vor Langeweile einschlief, sobald man ihr Schlafzimmer betreten hatte, und solchen, die einen die ganze Nacht wach hielten, weil sie den tiefsten Grund deiner Seele aufwühlten; mit Tanten, Töchtern, Müttern und Nichten; schaffen Schnecken und flotten Flittchen, Dämchen und Damen, Miezen und Mäuschen, Babys und Barbies; mit allen, die ich begehrte, und auch mit etlichen, auf die ich gar nicht heiß war. Und als ich dann zutiefst befriedigt feststellte, dass man mehr nicht wollen konnte, fing ich wieder von vorne an. Es war für alle eine schwierige Zeit. An so manchem Abend wagte ich mich nicht nach draußen aus Angst vor Prügeln oder grimmig dreinschauenden Männern, die Rache üben wollten;... Das stellt Jasper auf Seite 43 fest. Und dann kommt Lucy. Sie könnte seine Rettung sein. Gleichzeitig mit Lucy kommt auch der große Auftrag: dreißig handgeschriebene Gedichte aus Lieder und Gedichte" von John Donne, die der reiche Gus Wesley aus New York über Saul, den Vermittler, beim Kalligraphen Jasper bestellt. Während der sich an die Arbeit macht, gehen außer seiner großen Liebe" Lucy noch Cécile und Annette bei ihm aus und ein. Chaotische Tricks halten die Damen voneinander fern.
Den Lyriker John Donne beschreibt Edward Docx so: Und was für ein Werk das ist! Ausgesprochen intellektuell, doch zugleich kunstvoll erotisch... Donne ist wahrlich ein großer Dialektiker, der unangefochtene Meister der Gegensätze; seine Antithesen münden in seine Thesen, in seinen Versen drängt sich Gegensätzliches, und jeder Nebensatz wird ausgeschickt, um den kommenden in Frage zu stellen."
Und Edward Docx ist ein Meister des kurzen Abschweifens, erklärender Nebensätze, und ausdrucksstarker Adjektive.
Dann gibt es da noch die weise Großmutter in Rom, den wirklichen Freund William und Jasper Jacksons Lebensmittelhändler Roy, in Junior- und Senior-Version.
Roy sen. (der einer übergewichtigen Version von Hitler täuschend ähnlich sieht") und sein Cashew-Kern-Experiment: Irgendwann verlangt der von Jasper für eine Tüte Nüsse fünf Pfund neunundsechzig. Als Jasper das ohne Einwände bezahlen will, wehrt der ab und erklärt ihm, dass er den Preis jede Woche um zehn Pence erhöht hat, um den Wert der Ware für den Kunden zu erforschen. Das Experiment sein nun beendet, er hätte als Kunde versagt und solle seine Nüsse woanders kaufen, weil man ihn wie eine Weihnachtsgans ausnehmen könne, ohne dass er es merke.
So absurde, amüsante Nebensächlichkeiten begleiten die Geschichte über die Sache um Madeleine, die Jasper über den Hauptteil des Buches erobert, wie er meint doch die Hauptdarsteller wechseln unerwartet ihre Vormachtstellung.