In den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts setzten sich in Oxford und Cambridge drei gelehrte Herren an den Schreibtisch, um mit Fantasy-Romanen etwas Farbe in ihren grauen Akademiker-Alltag zu bringen: Der Philologe J. R. R. Tolkien entwickelte aus keltischen, germanischen und finnischen Versatzstücken den späteren "Herrn der Ringe", der Philosoph Clive Staples Lewis belebte seine "Narnia"-Serie mit viel christlicher Symbolik, und ein Mittelalter-Spezialist namens Terence Hanbury White nahm sich "Le Morte Darthur" von Thomas Malory vor, um das mediävale Werk von 1485 einem respektvollen Update zu unterziehen.
T. H. White begründete mit der Roman-Tetralogie "Der König auf Camelot" ein literarisches Subgenre, das ich "philosophische Fantasy" nennen möchte. Hierfür übernahm er nahezu alle Vorgaben Malorys (wie etwa Merlin, Excalibur, Tafelrunde, Heiliger Gral) und löste sich gleichzeitig von allen in Stein gehauenen Klischees der Arthur-Legende. Er siedelte die Tafelritter in einem alternativen Märchenreich an, nicht im keltisch-sächsische Britannien nach dem Abmarsch der Römer, auch nicht im höfischen Mittelalter vor Englands Aufstieg zur Weltmacht. Er schuf vielmehr eine Patchwork-Landschaft, in der Robin Hood der Zauberin Morgan le Fay ein Schnäppchen schlagen darf, in der König Arthur Normannen und Sachsen eint, in der zu Beginn die Langbogen gespannt werden und am Ende die Kanonen donnern. Da spucken Drachen Feuer (wenngleich sie mittlerweile so klein sind, dass sie unter Steinen hausen müssen), da lebt der Zauberer Merlin in der Zeit rückwärts, da plantscht Fräulein Elaine jahrelang in einem Kessel kochenden Wassers, bis sie von Sir Lanzelot aus ihrem überhitzten Bad gerettet wird.
Lanzelot - man muss den "Missratenen Ritter" nicht weiter vorstellen. Und dennoch: der Titel des dritten Camelot-Bandes (von 1940) ist Programm. Kein markanter Robert Taylor schlägt sich selbstsicher durch das Unterholz, kein schneidiger Franco Nero singt der schönen Ginevra Minnelieder, kein schöner Richard Gere schwankt zwischen Liebe und Königstreue. T. H. White gelang hier wirklich ein Kunstgriff: Sein Lanzelot ist hässlich wie die Nacht finster. Ihm bleibt gar nichts anderes übrig, als zum besten Ritter der Christenheit zu avancieren und wenigstens in dieser Rolle zu glänzen. Whites "Camelot"-Romane könnten einem Sigmund Freud alle Ehre machen. Nicht die strahlende Reinheit seines Glaubens lässt Sir Galahad - Sohn von Elaine und Lanzelot - den höchsten Preis erringen, sondern das kaum zu schlagende Vorbild seines Vaters.
Vor zwanzig Jahren, als ich den "Missratenen Ritter" in gedruckter Form vor mir liegen hatte, liebte ich den Band weit weniger als die übrigen drei. Zu sehr langweilte mich das ewige Soll-ich oder Soll-ich-nicht zwischen Lanzelot und seiner geliebten Königin, einer heutigen Soap Opera nicht unähnlich. Jochen Malmsheimer mit seiner wandelbaren Stimme hat mich eines Besseren belehrt. Er haucht Ginevra das nötige Quäntchen Hysterie ein; er stellt Lanzelots Ohnmacht in zurückhaltender Brummigkeit dar. Aber auch anderweitig tat ich White bitteres Unrecht: Ich beschuldigte ihn, eine kindliche Sehnsucht nach ritterlichen Taten zu denunzieren. Heute - etwas weniger kindlich - darf ich sagen: Die Gralssuche schildert er sehr gelungen als einen Reigen von Erlebnisberichten heimkehrender Ritter (die unter hochaktuellen Kriegstraumata leiden). Anschaulich beschreibt er den Generationskonflikt zwischen alten und jungen Tafelrittern: die einen sehen ihren Traum von Camelot bröckeln, die anderen fordern vehement ihre eigenen Werte ein. Das aber ist es, was gute Fantasy-Literatur ausmacht: bei aller Fabulierkunst einen aktuellen Bezug zur Realität beizubehalten, damit der Leser (oder Hörer) einerseits nicht die Bodenhaftung verliere und sich andererseits - durch den Vergleich - umso mehr am Märchen erfreuen kann.