Die Schilderung des kurzen Lebens eines Jungen, der nie eine Chance hatte, der im Augenblick lebt, liebt und stirbt, gehört zum Eindrücklichsten, was ich in längerer Zeit gelesen habe.
Das Titelfoto: ein alberner Etikettenschwindel, das Bildmotiv ausgesucht von Leuten, die allem Anschein nach das Buch nicht gelesen haben; auch durch Marketing-Überlegungen ist das kaum zu rechtfertigen. Wer anhand der Plakat-Latinos auf dem Titel eine Salsa-Schmonzette erwartet, dürfte wenig Freude an der Lektüre haben, die ihn erwartet. Mit so einem Foto kann man einen kitschigen Tanzfilm bewerben, nicht aber einen brutal realistischen Roman über harte Dasein „ganz unten“ in Kuba, dessen Protagonist sich in seinem kurzem Leben fast nie wäscht und am Ende zwischen Ratten auf einer Müllkippe verreckt.
Die Intensität der Schilderungen Gutiérrez’ ist dem Thema absolut angemessen, auch wenn zartbesaitete Leser damit Schwierigkeiten haben dürften. Er zeigt die ungebremste Lebensgier von Menschen, die nichts zu verlieren haben, und die rohe Sinnlichkeit, die typisch für Kuba ist. Es geht immer gleich zur Sache, und dann auch heftig, es wird nicht lange gefackelt. Die kubanische Realität, die soziale und die sexuelle, wird in dieser fiktiven Geschichte weder beschönigt noch denunziert und schon gar nicht verklärt: kein Platz für Sentimentalitäten.
Die deutsche Übersetzung trifft den richtigen Ton, so weit ich das beurteilen kann (ich habe das spanische Original noch nicht auftreiben können).
Das Buch ist heilsame Lektüre für diejenigen, die nörgelnd in ihrem relativem Wohlstand leben, den sie in erster Linie als relative Armut sehen, und noch keine Gelegenheit hatten, am eigenen Leib zu erfahren, was der tägliche Kampf ums Dasein aus einem Menschen machen kann, dem alle für uns so wichtigen Werte der Zivilisation fremd bleiben wie die Waren, die er nicht kennt, nicht braucht und nicht bezahlen kann; kurz, wie das Dasein außerhalb unserer mitteleuropäischen Komfortzone aussehen kann. Ein Stück Brot aus der Mülltonne rettet den Tag... die Generation unserer Großeltern wußte das noch.
Auch das fast Unglaubliche macht der Autor von Stufe zu Stufe nachvollziehbar, bis hin zum erschütternden Ende.
Wie viele Deutsche empfinde ich eine starke Faszination für dies bedrängte und doch unverwüstliche Land und seine tapferen Menschen. Ich war mehrmals in Kuba, beschäftige mich intensiv mit dieser Kultur und glaube sie ein bißchen zu kennen. Wer etwas über das Kuba jenseits der touristischen Trampelpfade und der Buena-Vista-Nostalgie wissen will, sollte sich dies Buch nicht entgehen lassen.