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am 12. Februar 2014
Ginzburg unternimmt hier den Versuch, mit einer sehr originellen und anspruchsvollen Methode das Denken und Weltbild der einfachen Leute um 1600 zu erschließen.
Die breite Mehrheit der Bevölkerung lebte damals auf dem Lande und war direkt oder indirekt mit Landwirtschaft befasst. Nur eine Minderheit konnte lesen und schreiben und praktisch niemand aus diesem riesigen Heer der namenlosen schrieb Bücher oder führte Tagebuch. Deshalb sehen wir diese Zeit praktisch nur mit den Augen der sehr kleinen privilegierten Minderheit, die im Dunstkreis der Herrscherhäuser oder der Kirche lebte.
Wie kann man - ohne Primärquellen - dennoch einen Einblick in diese vergessene Welt gewinnen?
Ginzburg hat einen Müller ausgewählt, der lesen konnte und der über viele Jahre von Inquisitionsgerichten - genau protokolliert - zu seinem Denken befragt wurde. Natürlich sind die Gerichtsprotokolle und die Fragestellung der Inquisition alles andere als objektiv, und unreflektiert daraus entnommene Aussagen wären mehr Spekulationen als Erkenntnisse. Hier kommt Ginzburgs - fast schon geniale - Methode ins Spiel: Menocchio, der Müller zitiert explizit oder unbewusst aus zahlreichen Büchern, die er gelesen hat. Ginzburg identifiziert in bewunderungswürdiger Akribie diese Bücher, studiert sie und vergleicht das Original mit Menocchios Zitat. Die Irrtümer, Fehl- und Überinterpretationen sowie Ergänzungen die der Müller beim Zitieren macht, geben Ginzburg nun Hinweise auf das Weltbild und Denken Menocchios, das sich die Literatur auf diese spezielle Weise assimiliert hat.
Vor dem Hintergrund seiner profunden Kenntnisse der Zeit, analysiert und diskutiert er dann diese Hinweise und entwickelt einen detaillierten - und häufig überraschenden - Einblick in die Innenwelt dieses 'Mannes aus dem Volke'. Menocchio war zwar sicher nicht prototypisch für einen einfachen Menschen (er war relativ wohlhabend, zeitweise Bürgermeister und wurde von seiner Umgebung wohl häufig als Querkopf wahrgenommen) aber er und sein Denken steht dieser Schicht sehr viel näher als die dünne Elite, die sonst das Überlieferungsmonopol für diese Zeit hat.
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am 21. September 2010
Dieses Buch war mein zweiter Kauf von Carlo Ginzburg. Dieses Buch ist gut recherchiert, die Quellen sauber zitiert und seine Argumentationskette gut nachvollziehbar (im Gegensatz zu "Hexensabbat", meinem ersten Kauf). Gleichzeitig ergeben sich viele neue Gedankengänge und Überlegungen für den Leser, da er auch Schwierigkeiten in der Quellenbearbeitung darstellt.
Es erschließt sich eine ganze Welt um 1600, da er die von ihm genutzten Quellen auch mit allgemeinen Informationen zu diesem Zeitalter verbindet. Die Konzentration auf eine einzelne Person, den Müller, macht das Ganze trotzdem sehr persönlich und anschaulich.
Ich fand es ein Buch, das nicht nur beschreibend ist, sondern auch das eigene Denken befeuert. Sehr gut!
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am 4. Mai 2015
"Der Karneval von Romans“ und „Montaillou“ hatte ich längst gelesen, aber dieses frühe Werk, das in diese Reihe gehört, musste lange warten. Es gehört in die Annales-Schule, die so viel Interessantes ausgegraben hat, aber halt nur schreibt, wenn die Quellen gut sind. Wie bei
„Montaillou“ liegen diesem Buch Inquisitionsakten zugrunde, denn der Müller Menocchio musste im Abstand von 15 Jahren zweimal vor der Inquisition Red' und Antwort stehen und am Schluss mischte sich Papst Clemens VIII ein, ein Rückfälliger dürfe nicht geschont werden, und so richteten sie Menocchio als 65igen Greis hin, diese engstirinigen Lümmel!

Menocchio hatte sich lesen und schreiben mühsam selbst beigebracht. Er las ein paar wenige Bücher, die meisten ausgeliehen, Bestseller seiner Zeit und vielleicht den Koran. Daraus zimmerte er sich eine eigenständige Welt- und Gottessicht. Der ferne Gott kümmert sich nicht, wenn wir fluchen, wir können nichts besseres tun als gut zu sein mit unseren Mitmenschen, die Sakramente haben die Pfaffen erfunden, „Kaufmannsware“ hat er sie genannt. Jesus Christus war ein Menschensohn, der darum nicht auferstehen konnte und er hätte sich nicht kreuzigen lassen müssen. Aber Menocchio war weder Lutheraner noch Wiedertäufer, schon weil er von der Taufe gar nichts hielt, Kaufmannsware eben. Er war intellektuell eigenständig.

Ginzburg zeigt unter Anderem, dass Menocchio in die Gegenreformation geriet, was seine Position erschwerte, er zeigt aber auch, dass Menocchio aus einer bäurischen Tradition zog und nicht nur aus den Büchern, die er gegen den Strich las, was Ginzburg an einigen Textstellen im Einzelnen aufzeigt. Er zeigt auch, dass die Müller oft eine spezielle, soziale Lage hatten, die sich für deviantes Verhalten nicht selten hergab. Auch andere Müller gerieten in Schwierigkeiten.

Menocchio war Müller, aber auch vieles andere. So verdiente er als Musikant dazu. Nach dem ersten Prozess kehrte er in die Ehrenämter seiner Gemeinde zurück, er war mit vielen befreundet und im Dorf geachtet, trotz seines gotteslästerlichem Geredes. Ginzburg zeigt auch, dass er seine Erkenntnisse für die Leute im Dorf zuspitzte, während er vor der Inquisition ausführlich und metaphernreich argumentierte. Es war ein heller Socken, dieser Menocchio.

Muss ich noch etwas sagen, muss ich sagen, dass ich es hochinteressant fand?
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am 30. September 2015
Spannend und aufschlussreich für jeden, der an der Materie Interesse hat. Wenige Wiederholungen und eingängig zu lesen, ohne zur Kolportage zu werden. Das Richtige für zwei Wochen Strand in Italien.
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