Wer ein Buch über den Holocaust aus der Sicht eines 9-jährigen Kindes schreibt, der sollte sich natürlich auch in die geistige Entwicklungsstufe eines 9-jährigen hineinversetzen können (die der Autor hier aber klar mit der eines 5-jährigen verwechselt hat). Vor allem aber sollte er mehr als nur Grundkenntnisse von seinem Thema haben.
Durch unzählige Augenzeugenberichte, Literatur, Internetseiten, TV-Dokus, Gedenkstätten, Museen, und und und... ist es wohl bei kaum einem anderen Thema so leicht an gute Informationen heranzukommen, wie gerade beim HOLOCAUST.
Warum hat John Boyne keine dieser Möglichkeiten genutzt?
Rein sachlich betrachtet ist das Buch einfach katastrophal schlecht recherchiert und mit so haarsträubendem Unsinn angefüllt, dass der Untertitel "Fabel" die Sache am Schluss auch nicht retten kann.
Vor allem wird eine Geschichte ja auch nicht alleine deshalb zur Fabel, nur weil der Autor es so dazu geschrieben hat. Und ihm dieses Wort einfach nur stumm aus der Hand zu fressen ist sicher auch nicht der richtige Weg.
Eine Fabel ist es ja schonmal gar nicht, da die handelnden Figuren einer solchen eben keine Menschen sind (wodurch sie sich ja überhaupt erst definiert). Sie ist eine klare ABSTRAKTION im Bezug auf ihre Charaktere, die in der Fabel vollkommen wertneutral als Tiere (manchmal auch als Gegenstände) dargestellt werden.
Wenn überhaupt, so müsste es sich hier um eine Parabel handeln. Die Parabel nutzt FIKTIVE Inhalte um damit allgemeingültige Regeln im Bezug auf soziale und moralische Werte zu transportieren.
Doch genau hier liegt der Hase im Pfeffer.
Der Völkermord in Auschwitz ist eben keineswegs FIKTION oder ABSTRAKTION, und eignet sich daher auch nicht als Basis für eine Fabel oder Parabel.
Vor allem ist aber auch unklar, welche Botschaft denn hier eigentlich übermittelt werden soll - oder kann mir irgendjemand plausibel erklären, was die moralische Kernaussage der Geschichte ist?
In vielen Rezensionen und Kommentaren ist zu lesen, dass Brunos Naivität als Analogie zu sehen sei für die Millionen von Deutschen, die weggeschaut haben, oder die nichts gewusst haben wollen. Dies alleine wäre allerdings noch gar keine Botschaft, sondern lediglich ein Vergleich.
Es spielt aber auch keine besondere Rolle, da solch ein Erklärungsversuch ja schon im Ansatz scheitern muss. Brunos Unwissenheit wird ja hier schließlich nicht als Schutzbehauptung dargestellt, sondern als absolut ehrlich und real. Er hätte ja sonst in dieser Analogie wegschauen und mit der Masse mitschwimmen müssen. Er wäre dann niemals so unvoreingenommen auf Schmuel zugegangen oder hätte sich gar mit ihm angefreundet. Und vor allem hätte er auch niemals die andere Zaunseite betreten.
NEIN, Bruno verkörpert hier keinesfalls die damalige deutsche Bevölkerung.
Vielleicht leistet Bruno aber irgendeine Art von Widerstand, und kann deshalb für diese Gruppe stehen?
NEIN, denn alles was er tut, tut er aus reiner Unkenntnis. Er handelt nicht aus ethischen oder moralischen Gründen und bricht niemals aktiv irgendwelche Regeln um das System zu untergraben. Er geht keinerlei Risiko ein, dessen er sich vorher bewusst gewesen wäre. Daher kann er auch nicht symbolisch für die Widerstandsbewegung angesehen werden.
Vielleicht ein Täter?
Obwohl er als deutscher (und noch dazu mit diesem Vater) klar auf der Seite der Täter steht, zeigt er nicht die geringsten Tendenzen zu Hass, Gewalt oder Antisemitismus. Ein Täter ist er daher ganz klar AUCH NICHT.
Also was bleibt ???
Am Ende ist Bruno einfach nur ein Naivling, der durch seine eigene Beschränktheit irgendwie in die Schusslinie gestolpert ist.
Mit anderen Worten, er ist ein Individuum, das kaum stellvertretend für irgendeine größere Personengruppe stehen kann. Aus diesem Grund erschließt sich mir hier auch kein tieferer Sinn.
Sollte sich die Moral der Geschichte aber tatsächlich NUR auf die Freundschaft beider Jungen beziehen (ohne eine wirkliche Verbindung mit dem KZ-Auschwitz), so wäre dies eine fast noch größere Frechheit von John Boyne. Der Holocaust forderte über 6 Millionen Opfer - eine unvorstellbare Zahl, die noch nicht einmal die Überlebenden beinhaltet, welche kaum weniger zu bedauern sind. Diese dann für eine solch konstruierte Geschichte herzunehmen, könnte ich dann wirklich nur noch als "Verkaufsfördernde Maßnahme" bezeichnen.
Natürlich - in jeder Geschichte (so auch in dieser) gibt ein paar Dinge am Rande, die so etwas wie eine "Botschaft" darstellen könnten. Im Bezug auf Brunos Vater kann man zum Beispiel sagen: "Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein." Schließlich wird er am Ende ja auch irgendwie selbst Opfer seines eigenen Massenmordes.
Solche oder ähnliche Dinge sind in dieser Geschichte aber Nebensächlichkeiten. Das ist nicht die Kernaussage, und auf keinen Fall macht eine solche Botschaft das Buch zur Fabel. (Wie gesagt, etwas ähnliches kann aus fast jeder Geschichte herausgelesen werden, selbst aus Winnetou, Harry Potter oder dem Struwwelpeter.)
Es ist auch leider etwas zu kurz gedacht wenn man annimmt, dass eine Geschichte schon alleine deshalb eine wertvolle Aussage haben müsste, nur weil sie den Holocaust zum Inhalt hat - obwohl es natürlich schön wäre, wenn man hier einen Zusammenhang voraussetzen könnte.
Doch selbst was den literarischen Wert angeht, so steckt in diesem Buch wie ich finde nicht allzu viel Lesenswertes.
Die Charaktere sind allesamt oberflächlich und entwicklungsunfähig. Der Schreibstil ist extrem simpel und bietet kaum Spannungsbögen. Die ständigen Wiederholungen (die der Autor offenbar für eine kindlichen Denk- und Sprechweise hält) nerven kolossal ab, und die unglaubliche Einfältigkeit des Protagonisten Bruno ist kaum zu ertragen.
Bruno (Sohn des LAGERKOMMANDANTEN in AUSCHWITZ), der wie kaum ein anderer Junge nationalsozialistisch gedrillt sein müsste,
- kennt Adolf Hitler nicht.
- kann selbst nach mehrfachem Vorsagen das Wort "Auschwitz" nicht aussprechen, obwohl er seit einem Jahr dort wohnt und es auf einer Parkbank sogar geschrieben gesehen hat.
- hat auch noch nichts davon gehört, dass Juden "Volksschädlinge" seien, und ist offenbar in seinem ganzen Leben (1933 bis 1943) noch mit keiner Form von Propaganda in Kontakt gekommen - weder zu Hause, noch in der Schule oder auf der Straße.
- weiß überhaupt nicht was ein Jude ist, oder ob er selber einer ist.
- kann sich auch nicht den aller geringsten Reim auf die Vorgänge in seiner direkten Umgebung machen und hinterfragt auch nichts ... (wer selber Kinder hat der weiß, was für Löcher die einem in den Bauch fragen können).
- selbst nach einem Jahr intensiver Gespräche am Zaun, wundert er sich über das Fehlen von Straßencafés und Gemüseläden im Lager.
DAS ALLES IST IM HÖCHSTEN MAßE UNGLAUBWÜRDIG !!!
Was dem Ganzen aber die Krone aufsetzt ist die enorme Fülle an Absurditäten. Manche davon widersprechen nicht nur den historischen Fakten, sondern auch noch ganz krass dem gesunden Menschenverstand.
- Da klingeln eines Abends Adolf Hitler und Eva Braun bei Familie Höß an der Tür, weil sie zum Abendessen eingeladen sind ...
- Da kann ein jüdisches Kind, das offenbar nicht mit irgendeiner Art von Zwangsarbeit beschäftigt ist, ein ganzes Jahr lang in Auschwitz-Birkenau überleben und Tag für Tag am Zaun sitzen ...
- Da ist der kleine Schmuel, der im Gegensatz zu seinem Freund Bruno ganz genau weiß, was es bedeutet auf der inneren Zaunseite zu stehen. Und trotzdem konzentriert er sich nicht etwa darauf, wie er selbst (vielleicht mit seiner Familie) aus dem Lager entfliehen könnte, sondern wie er seinen BESTEN FREUND hineinbringen kann ...
- Dann ist da dieser vollkommen ungesicherte Zaun. Der kleine Bruno kann ihn völlig unbehelligt und unbeobachtet jeden Tag hochheben, Essen drunter durchschieben oder selber drunter her kriechen, obwohl doch genau dieser Zaun für tausende von Häftlingen eine unüberwindliche Barriere ist ...
Diese Liste lässt sich noch lange fortführen. Es reicht aber sicher zu sagen, dass ein persönlich Betroffener (also ein Augenzeuge, der tatsächlich die Hölle von Auschwitz überlebt hat) diese Darstellung wohl nur wie HOHN empfinden kann.
Dass nun gerade in Deutschland das Thema Holocaust einen ganz besonderen (und unantastbaren) Stellenwert hat, ist natürlich bekannt - und auch vollkommen richtig so. Ich würde auch niemals einen Augenzeugenbericht schlecht rezensieren - selbst dann nicht, wenn ich die Umsetzung irgendwie misslungen fände.
Mein Respekt vor den Opfern, vor dem Thema im allgemeinen, und vor der enormen Verantwortung die wir deutschen seither tragen, verbietet da einfach jede Kritik - ganz besonders von Personen wie mir oder Mr. Boyne, die wir beide Jahrgang '71 sind und daher nicht aus eigener Erfahrung sprechen können.
Für ein derart hergeholtes Hirngespinst (was dieses Buch zweifellos ist) gilt mein selbst auferlegtes Kritikverbot aber nicht, im Gegenteil.
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