Wer bei dem Buch „Der Jude und das Mädchen" von Christiane Kohl ein romantisches oder trauriges Drama erwartet, wird, denke ich, recht stark enttäuscht werden. Die Beziehung zwischen dem jüdischen Schuhverkäufer Leo Katzenberger und der Fotografin Irene Scheffler, wenn es denn eine solche war, wird auf dem Einband dieses Buches irritierenderweise stark in den Vordergrund gestellt, obwohl sie im Roman selber, teilweise eine eher hintergründige Rolle spielt.
Ich denke, man sollte ganz klar sagen, dass die Intention der Autorin wohl eher darin bestand, auf der Basis dieser Denunziation, den Werdegang und die Grundlagen für das 3. Reich darzulegen und uns die ungeheuerlichen Machenschaften des NS-Regimes vor Augen zu führen. Auch wenn Kohl kapitelweise trockene, sachliche Zahlen und Fakten aufführt, die beinahe dazu führen, dieses „Geschichtsbuch" aus der Hand zu legen, ist es im Endeffekt doch lohnenswert weiterzulesen, denn ich denke kaum jemand weiß, wie die Nazis sich hunderte wertvolle jüdische Immobilien für Spottpreise unter den Nagel rissen oder wer alles an den Deportationen der Juden u.a. mitverdient hat (ich sage nur Bahngesellschaften, Banken, ...).
Ich bewundere Christiane Kohl für ihre tiefgründige, sorgfältige und ausdauernde Recherche, wobei ich jedoch auch kritisierend hinzufügen muss, dass sie die Freundschaft zwischen dem Juden und dem Mädchen gefühlvoller hätte darstellen können. Die Emotionen und Gedanken gehen in all ihrer Sachlichkeit und Neutralität leider unter.