Kurzbeschreibung
Über den Autor
Vorwort
Mit Marlowes Juden aber tat man sich schwerer, denn der übt tatsächlich Rache an seinen christlichen und moslemischen Gegnern in der fiktiven Welt des Stücks. Während es Shylock weniger um das Geld zu gehen scheint als um sein Recht, wird Marlowes Barabas von nichts getrieben als von der Geldgier, worin ihm allerdings seine christlichen und moslemischen Gegner nicht nachstehen. Solch provokative Radikalität löst Beklemmung aus, und so rückte Marlowes Stück in Deutschland in den Hintergrund, obwohl es Shakespeares Drama in der Bühnenwirksamkeit gleichkommt, es an Sprachwitz, beißender Ironie und Gesellschaftskritik sogar um einiges übertrifft.
In beiden Stücken ist unübersehbar, daß die Christen auch nicht viel besser dargestellt werden als die Juden, was nicht verhindern konnte, daß beiden Dramatikern der Vorwurf des Antisemitismus gemacht wurde. Die Argumentation hingegen, daß die Judenfiguren nur Vorwand waren, um eine immer materialistischer werdende Gesellschaft zu verspotten, konnte sich nur selten durchsetzen. Andernfalls aber wurde der Vorwurf des Antisemitismus, was Marlowe betrifft, durch den des asozialen Nihilismus ersetzt.
Erich Fried, der exilierte Jude und nimmermüde Kritiker der Ellenbogengesellschaft, hat sich über die deutsche Beklommenheit Marlowes Drama gegenüber hinweggesetzt und dieses Meisterwerk der Provokation mit unübersehbarem Vergnügen an dessen funkelnder Schärfe übersetzt und gibt damit dem deutschen Leser die Gelegenheit, sich zu Marlowes Jugenddrama neu ins Verhältnis zu setzen.
Fast dreihundert Jahre nach Marlowe schrieb der deutsche Jude Karl Marx den Aufsatz Zur Judenfrage, dessen Wirkungsgeschichte der Marloweschen merkwürdig ähnelt. Hier wurden wechselweise Antisemitismus, jüdischer Selbsthaß oder verkleidete revolutionäre Gesellschaftskritik vermutet. Marx' Verteidiger wiederum wollten gerade diesen Aufsatz als Beweis für seine Unabhängigkeit von Vorurteilen sehen.
Stephen Greenblatts Lektüre des Juden von Malta schlägt die Brücke zwischen diesen beiden Texten und kann implizit auch als Kommentar zur Genese der neuzeitlichen Gesellschaft von den ersten Anfängen des Jahrhundert bis zur entwickelten bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts gelesen werden.
Der Aufsatz des Herausgebers zeichnet ein Porträt des Dichters als Raufbold und agent provocateur im Kontext der elisabethanischen Gesellschaft und der Welt im Stück.
So ergibt sich schließlich ein ideengeschichtliches Spiegelkabinett. Der Leser ist eingeladen, in dem berühmt-berüchtigten elisabethanischen Meisterwerk seine Gegenwart und sich selbst zu entdecken.