Ob in ferner Zukunft, im tiefsten Eis der Antarktis oder in den anonymen Schluchten der Großstätte - die Chimären eines H.P. Lovecraft kennen keine geologische oder zeitliche Begrenzung, wie unzählige Romane und Erzählungen diverser Autoren und natürlich Lovecraft selbst eindrucksvoll beweisen. Das lauernde Grauen zwischen den Welten und Dimensionen hat nicht einen Funken von seiner schaurigen Faszination eingebüßt; ein Zustand, der sicherlich noch lange anhalten wird.
Mit dem "Judas-Schrein" legt nun der in Österreich beheimatete Phantastik-Autor Andreas Gruber einen weiteren Beitrag zum Lovecraft-Mythos vor und verlagert seine Geschichte in ein abgelegenes Bergdorf in der Provinz.
Ausgangspunkt des Romanes ist der Mord an einem Teenager, der bestialisch ermordet aufgefunden wird. Gemeinsam mit seinem Ermittlerteam wird der nicht gerade vom Glück verfolgte Inspektor Alex Körner mit dem Fall vertraut, was ihn zwar aus der Schusslinie der Medien bringen soll, nachdem sein letzter Fall in einem Fiasko endete, ihn andererseits jedoch mit den Geistern seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert, da Körner in Grein, dem Ort des Mordes, aufgewachsen ist.
Schon sehr bald stoßen die Ermittler auf eine Mauer aus Schweigsamkeit, wirren Aussagen und Lügen, die Körner schließlich zu einem unglaublichen Geheimnis führt, dass weit in der Vergangenheit des Dorfes liegt, allerdings noch immer unter der Oberfläche schlummert - nur wie lange noch?
Wie schon in seinem letzten Buch, "Jakob Rubinstein", lässt Gruber auch diesmal den Roman als lupenreinen, fast schon nüchtern wirkenden Kriminalroman beginnen, der anfangs nur sehr schleppend Informationen und Hinweise auf die Motive und Hintergründe des Mordes preisgibt. Dabei präsentiert er eine uns nur allzu bekannte Welt, in der die moderne Technik längst dominiert und dunkle Rituale bzw. dämonische Kreaturen scheinbar völlig fehl am Platz wirken. Doch dieser Schein trügt. Spätestens nach dem ersten Drittel des Romanes beweist Gruber nämlich das Gegenteil und breitet langsam, dafür aber umso geschickter die schauerlichen Einzelheiten aus, die in einem Finale gipfeln, dass ebenso temporeich und unheimlich wie konsequent vollführt wird und dem Leser so manchen Adrenalinstoß verpassen wird. Wie schon Kollege Michael Marrak mit "Imagon" (2002), beweist nun auch Andreas Gruber, dass es auch deutschsprachige Autoren verstehen, mit Lovecrafts Erbe adequat umzugehen, ohne dabei wie eine schlechte Kopie zu wirken. Der "Judas-Schrein" ist jedenfalls das perfekte Beispiel dafür.