Leo Perutz, der Herrscher über mannigfach verflochtene Handlungsstränge, der Meister des literarischen Vexierbildes, hat wieder mal zugeschlagen. Sein historischer Roman "Der Judas des Leonardo" spielt im Mailand des 16. Jahrhunderts, und wie der Titel andeutet, geht es zunächst einmal um Leonardo da Vincis "Abendmahl", genauer: um die Figur des Judas. Messer Leonardo, der seine Werke akribisch vorbereitet und nichts dem Zufall überlässt, sucht nach einem Vorbild für das Gesicht, das er dem Judas geben will. Denn dessen Verderben, so Leonardo, bestehe eben nicht in maßloser Bosheit oder Geldgier, wie man gemeinhin annehme, sondern darin, dass die Sünde des Judas der "Stolz [war], der ihn Verrat an seiner eigenen Liebe begehen ließ". Als genauer Beobachter braucht Leonardo einen Menschen, der eben diese Überlegung verkörpert.
Zur selben Zeit kommt der böhmische Händler Joachim Behaim in Geschäften nach Mailand, aber bevor er die Stadt wieder verlässt, verliebt er sich in eine zunächst namenlose Schöne, die wiederzufinden zu seinem vornehmlichen Ziel wird. Als nüchterner Kaufmann braucht er natürlich einen "vernünftigen" Vorwand für seinen längeren Aufenthalt in Mailand, und er findet diesen Vorwand auch: Der stadtbekannte Wucherer Bernardo Boccetta schuldet seinem Vater seit langem 17 Dukaten, und diese Schuld will er nun eintreiben. Letzteres erweist sich als schwierig; Behaim ist nicht der erste, den Boccetta übervorteilt. Je länger diese Angelegenheit sich hinzieht, desto besessener wird Behaim davon, zu seinem Recht zu kommen.
Auf der Suche nach dem unbekannten Mädchen macht Behaim Bekanntschaft mit der Mailänder Künstlerszene, lernt Maler (darunter auch Leonardo), Dichter, Holzschnitzer und gelehrte Mönche kennen. Als hilfreich entpuppt sich der geheimnisvolle Mancino, ein dichtender Vagant mit Zügen von François Villon -- Mancino weiß mehr, als er Behaim gegenüber zugibt, und obwohl er in das selbe Mädchen verliebt ist, lässt er sich am Ende darauf ein, ein Treffen zwischen Behaim und der schönen Niccola zu arrangieren. Es beginnt eine Liebesgeschichte, alles scheint gut enden zu wollen -- da erfährt Behaim, wer Niccolas Vater ist, und halb wahnsinnig vor Wut inszeniert er eine niederträchtige Intrige mit absehbarem (oder doch nur absehbar scheinendem?) Ausgang.
Leonardo wiederum findet seinen Judas -- d.h., nicht er findet ihn, das konnte er garnicht, sondern ein anderer gibt ihm den Hinweis. Und damit schlägt Behaims Intrige einen Weg ein, den er nicht absehen konnte.
Diese und einige weitere Handlungsstränge sind meisterhaft ineinander verflochten; tatsächlich bereitet Perutz bereits im ersten Kapitel die ganze Geschichte vor, führt nahezu alle Protagonisten und Motive ein. Der geübte Leser erkennt natürlich, dass es da noch Zusammenhänge geben wird, aber welche, und wie sie entstehen werden, enthüllt sich erst nach und nach.
Die akribisch genau konstruierte Romanhandlung siedelt Perutz im Renaissance-Mailand der kleinen Handwerker und genialen Künstler an, und in den Begegnungen mit fiktiven Figuren werden die Charaktere der historischen erkennbar (aber Vorsicht! Das hier ist ein Roman, keine wissenschaftliche Studie!). Oft tupft Perutz das Lokalkolorit mit wenigen, treffsicheren Strichen hin und entwickelt auf wenigen Seiten ein farbenprächtiges, anschauliches Bild der Epoche.
Aber "Der Judas des Leonardo" ist weit mehr als "nur" ein vorzüglicher historischer Roman -- die inner- und außerliterarischen Anspielungen bilden nämlich ein eigenes Geflecht, das seinerseits eine eigene Handlungsebene entwickelt: Der nachmalige Gerechtigkeitsfanatiker Behaim z.B. wird nicht zufällig am fürstlichen Hof als "Roßkamm" eingeführt; Perutz weist so auf dessen Bruder im Geiste hin, Kleists Michael Kohlhaas. Man ahnt also gleich, dass es mit diesem Behaim noch etwas auf sich haben wird, und das Kohlhaas-Motiv erweist sich bei der Lektüre gleichzeitig als Roter Faden und als Irrlicht. Ähnlich, nur umgekehrt, verfährt Perutz mit seiner "Schlußbemerkung des Verfassers" (nicht: des Autors!). Hier tritt wiederum zutage, dass sich hinter der Figur des Mancino womöglich François Villon verbergen könnte, was seinerseits die Interpretation der ein oder anderen Begebenheit nachträglich in Frage stellt: Hat der sterbende Mancino, der als wahrer Liebender auch den Verrat an der Liebe erkennen konnte, Leonardo auf einen Holzweg geführt, als er ihm das Vorbild für den Judas nannte? Leonardo nämlich, ein kühler Denker und alles andere als ein Liebender, kann sich hier nur auf andere verlassen, nicht auf sein eigenes Urteil.
Im Gegensatz zu gewissen zeitgenössischen Bestseller-Autoren benutzte Perutz das Judas-Motiv nicht, um auf spektakuläre Weise die Leser zu ködern. Im Gegenteil: Leonardos Suche nach einem Vorbild für "seinen" Judas ist der Clou des Romans, der all den Handlungssträngen erst die Tiefe verleiht. Und am Ende des Romans, knapp zehn Jahre nach den im Roman erzählten Ereignissen, verblasst selbst deren Bedeutung neben der des nun fertiggestellten Abendmahl-Bildes. Das Bild selbst hat das Wort, wenn man so will, und die Beweggründe, warum es so und nicht anders gemalt wurde, verlieren ihre Bedeutung -- und Leo Perutz erweist sich ein weiteres Mal als Meister des literarischen Vexierbilds...