Beeindruckender Roman über die Menschen und Gesellschaft des heutigen Ägyptens. Am Beispiel von Lebensgeschichten der höchst unterschiedlichen Bewohner dieses Hauses werden auch verschiedene Tabuthemen wie Homosexualität, Terrorismus, Religion, Bestechung, Frauenrechte etc. dargestellt. Sehr lehrreich, dabei sehr spannend zu lesen.
Interessant auch der Hintergrund zu diesem Roman, der im Nachwort des Herausgebers und Übersetzers Hartmut Fähndrich erklärt wird (Auszüge):
'Der Roman machte seit seines Erscheinens in Ägypten 2002 viel von sich reden und über sich zetern und führte in 2002 und 2003 mit großem Abstand Bestsellerlisten an. Er wurde gepriesen als offen, ehrlich, mutig, als gelungener Wurf über die zeitgenössische ägyptische Gesellschaft. Er wurde beschimpft und verurteilt als bösartige Verunglimpfung Ägyptens, ja als ehrverletzend für die ägyptische Gesellschaft und die islamische Religion.
Seine Kindheit und Jugend erlebte der Autor in einem Ägypten, das geprägt war von dem sich immer rascher abzeichnenden Scheitern des säkularen, 'sozialistischen' Projekts Nasserscher Prägung. Nach 1973 habe sich das bisher offene und tolerante Ägypten stark verändert, so der Autor in einem Interview. Ignorante, ägyptische Analphabeten seien auf der Suche nach Arbeit ins petrodollargetränkte Saudi-Arabien gegangen und von dort mit Geld und reaktionären, intoleranten religiösen Vorstellungen zurückgekommen. Mit der Verhärtung innerhalb der Gesellschaft ging eine allmähliche Verknöcherung und Vergreisung der Staatsführung einher, wie sie nicht nur Ägypten, sondern auch viele andere arabische Staaten erlebt haben bzw. erleben.
Dies alles ist in diesem Roman deutlich zu spüren, jener Geschichte eines realexistierenden riesigen Wohnhauses in der Kairoer Innenstadt. Es ist das Haus, in dem Alaa Al-Aswanis Vater sein Büro und er selbst seine erste Zahnarztpraxis hatte. Ein Haus, das von einer vielfältigen Mischung von Menschen bewohnt wird ' armen und reichen, alten und jungen, sanften und aggressiven, ehrgeizigen und gleichgültigen, herrschenden und beherrschten, progressiven und konservativen.
Der Jakubijan-Bau ist also ein Haus, das zum Spiegel nicht nur der heutigen ägyptischen Gesellschaft, sondern auch zu einer Art Geschichtsbuch Ägyptens in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts wird.'
Ich teile die Meinung des Nahostwissenschaftlers Gilles Kepel: 'Der Jakubijan-Bau ist ein Meisterwerk des zeitgenössischen arabischen Romans. Es ist auch ein Buch, das man lesen sollte, um zu verstehen, was sich in den Tiefen mittelöstlicher Gesellschaften in Zeiten von al-Kaida abspielt.' (Le Monde, 28.04.2006)