Etwas gelangweilt von den immer gleichen und in immer gleichem (langweiligem) Schreibstil verfassten historischen Romanen habe ich eher misstrauisch zu diesem Werk gegriffen - und bin davon begeistert! Ich bin auf jeden Fall ein neuer Fan von Dübell.
Hier schildert endlich mal jemand echte Menschen, nicht bloß Abziehbilder. Hier wagt es endlich ein deutscher Autor, von den erbsenzählerischen Kleinstdetails überlieferter Geschichte abzuweichen, weil er weiß, dass den Lesern eine historisch echte Grundstimmung genügt und weil er lieber eine mitreissende Geschichte erzählt als ein weiteres Lehrbuch auf den Markt zu bringen (prompt wird dem Buch in mindestens einer Rezension auch vorgeworfen, auf über 700 Seiten insgesamt sechs oder siebenmal in winzigsten Details von der angeblichen historischen Wahrheit abgewichen zu sein - ein Lob an den Rezensenten für seine eigene Klugheit!). Hier erzählt endlich mal einer eine Geschichte anstatt einer der üblichen erfundenen Biografien nach dem Motto "wurde geboren, lebte und starb".
Die Handlung des Jahrtausendkaisers spielt sich innerhalb von drei oder vier Wochen ab: Philipp, der Held der Geschichte, soll Besitzurkunden für einen heruntergekommenen ehemaligen Kreuzritter fälschen, weigert sich zuerst, verliebt sich aber dann in dessen Tochter und macht sich so motiviert an die unvermeidliche Aufgabe, Licht ins Dunkel der Vergangenheit seines Auftraggebers zu bringen, um eine überzeugende Fälschung zu gestalten. Doch seinem Auftraggeber passt genau das nicht in den Kram...
Man könnte versucht sein zu raten, wie es ab diesem Zeitpunkt weitergeht - das Basisrezept scheint ja klar zu sein: Junger Mann - junge Frau - unwilliger Vater. Doch dann taucht mit Aude, einer Französin, eine weitere Frau auf (einer der besten Frauencharaktere, die mir seit langem untergekommen sind), die ihren verschwundenen Gatten sucht. Philipp war anscheinend der letzte, der ihn lebend gesehen hat. Der Kaplan der Burg, von der auch Philipp kommt, wird erschlagen im Straßengraben gefunden, in Zwischenspielen, die vollkommen überraschend und intelligent mit dem Hauptstrang der Handlung verbunden sind, kommen weitere Nebenpersonen ums Leben - und Philipp, der immer mehr ins Zentrum dieser mörderischen Ereignisse gerät, macht die Erfahrung, dass man Fälschungen nicht nur anfertigen, sondern auch zu ihrem Opfer werden kann, und dass letztlich das Leben jedes Menschen eine Fälschung sein könnte...
Elemente des Kriminalromans verweben sich hier mit psychologischem Horror, hervorragend gezeichnete Charaktere kämpfen um ihre Integrität, ihre Liebe und letztlich um ihr Leben in einem Plot, der einen auf eine atemberaubende Abenteuerfahrt in ein gewaltiges mittelalterliches Komplott entführt. Das Buch greift eine vor einigen Jahren überall kolportierte, recht gewagte historische Theorie über Zeitfälschungen auf und packt diese in eine temporeiche, stellenweise knallharte Story. So könnte es sich abgespielt haben... und so stelle ich mir einen guten historischen Roman vor - nicht nur wegen der Handlung und der Personen, sondern auch wegen des packenden und trotzdem niemals flachen Schreibstils. Dieser Autor kann nicht nur erzählen, er kann auch schreiben! Von Dübell werde ich noch mehr lesen!