Aus der Amazon.de-Redaktion
Dumm gelaufen -- da hat der Mensch eine solche Sehnsucht nach Ordnung und runden Zahlen, aber die Natur spielt einfach nicht mit. Beispiel Kalender: Ein Sonnenjahr dauert 365,242199... Tage. Der Mond wiederum braucht für eine Erdumrundung 29,53059 Tage, der natürliche Mondmonat führt also zu "entsetzlich gebrochenen Zahlen, wenn man ihn in Tagen zählen oder als Bruchteil eines Jahres angeben will". Stephen Jay Gould berichtet in seinem Buch genüßlich von den menschlichen Schwierigkeiten, angesichts dieses gebrochenen Verhältnis der Natur zu runden Zahlen, einen einigermaßen genauen Kalender zu erstellen. So griff Papst Gregor zu drastischen Maßnahmen und ließ die Tage vom 5. bis 14. Oktober 1582 einfach ausfallen, um den Kalender wieder in Einklang mit dem Sonnenjahr zu bringen (damals ersetzte der Gregorianische den Julianischen Kalender).
Die Merkwürdigkeiten der Kalenderkunde führen Gould aber auch zu überaus aktuellen Fragen: Was ist -- außer den drei niedlichen Nullen -- eigentlich das tolle an einem Jahrtausendwechsel? (Diese Frage führt in die Tiefen der Bibelauslegung und des Apokalypseglaubens). Und wann beginnt denn nun wirklich das dritte Jahrtausend -- am 1. Januar 2000 oder 2001? Die Antwort liefert der Harvard-Professor und bekannte Wissenschaftsessayist präzise und einleuchtend: Eigentlich dürften wir unserem Gefühl trauen und an Silvester 1999 feiern, hätte nicht der Mönch Dionysius Exiguus im sechsten Jahrhundert bei der Einführung unseres "v.-Chr.-n.-Chr.-Systems" das Jahr Null vergessen (bzw. gab es die Null in der abendländischen Mathematik erst 200 Jahre später). Wir erfahren aber auch, daß diese Frage bereits zu den letzten drei Jahrhundertwenden heftig debattiert wurde und sich seinerzeit die Stimmen der Logik durchsetzen: So wurde der Beginn des 20. Jahrhundert einhellig erst am 1. Januar 1901 gefeiert. Weil heutzutage drei Nullen und ein anständiger Medienrummel allemal mehr zählen als schlichte Vernunft, hält Stephen Jay Gould der unvermeidlichen Jahrtausendwende-Hysterie zumindest dieses ebenso vernünftige wie vergnügliche Büchlein entgegen. --Christian Stahl
Kurzbeschreibung
Was genau ist ein »Millennium«? Und wie wurde aus diesem Begriff für die verheißene tausendjährige Regentschaft Christi auf Erden die säkulare, kalendarische Einheit des Jahrtausends? Wann beginnt das nächste Jahrtausend eigentlich? Am 1. Januar 2000 oder erst ein Jahr später? Warum überhaupt messen wir kalendarischen Fragen so große Bedeutung bei? Warum legen wir uns in der Silvesternacht 1999 nicht einfach schlafen, um am nächsten Morgen ausgeruht aufzuwachen? Von diesen Fragen ausgehend, widmet sich Stephen Jay Gould in seinem neuen Buch der menschlichen Obsession, alles in numerische Ordnungen zu bringen. Er erkundet, welchen Schemata solche Systeme folgen (vor allem Dichotomien, Dreier-, Fünfer- und Siebenerordnungen), welche Annahmen und/oder Irrtümer ihnen zugrunde liegen, und er zeigt, mit welchen Unregelmäßigkeiten wir trotz unseres Ordnungswahns leben, leben müssen: Monaten mit 28, 30 und 31 Tagen, Jahren mit mal 365, mal 366 Tagen, verschiedenen kalendarischen Reformen und dergleichen mehr. Stephen Jay Gould ist ein »bezauberndes Buch« (so die New York Times) gelungen, in dem er auf sympathische, leichte und spielerische Weise mit vielen menschlichen Mythen und Illusionen aufräumt, die nur vermeintlich rational sind, weil sie auf angeblich unerschütterlichen numerischen Gesetzen beruhen.