Die ausufernde und vollkommen unüberschaubare Diskographie des ukrainischen Ausnahmepianisten Sviatoslav Richter (1915-1997) machte es Sammlern schon immer schwer, seine Aufnahmen aufzutreiben, zumal der Anteil an live eingespielten Werken sehr hoch ist.
Diese Box vereinigt erstmals alle Aufnahmen, die Richter jemals bei Deutsche Grammophon eingespielt hat. Diese stammen alle aus der absoluten Blütezeit seiner Karriere (eingespielt zwischen 1956 und 1962) und sind teilweise von bis heute unerreicht gebliebener Qualität.
Richters Schumann-Album von 1956, eingespielt im Prager Rudolfinum, diente ihm als Visitenkarte für den Westen, ohne überhaupt bis dato dort aufgetreten zu sein, weil die sowjetische Bürokratie dies stets zu unterbinden gewußt hatte. Die Waldszenen und die die Fantasiestücke sind von derart lyrischer Kantabilität, daß sie einen noch lange danach in schiere Verzückung versetzen. Das später eingespielte Schumann-Konzert vereint packenden Zugriff mit genau ausgeloteten und melodisch gestalteten Linien zu einem Ergebnis, das sicherlich als eine der fünf besten Einspielungen dieses doch arg strapazierten Konzerts gelten darf (es erklingt hier übrigens in a-moll und nicht in b-moll, wie dies seltsamerweise bei früheren Veröffentlichungen dieser Aufnahme der Fall war!). Die gefürchtete Toccata meistert Richter mit einer derart stupenden Technik, daß es selbst einem Horowitz wohl die Sprache verschlagen hätte. Auch die Novelette op. 21,1 ist wohl nie wieder so forsch und doch hinreißend interpretiert worden.
Die Prokofieff-Aufnahmen (Konzert Nr. 5 und Sonate Nr. 8) haben ihren Referenzrang bis heute beibehalten, denn die Mischung aus beißender Ironie, stählernem Zugriff und klug dosierten Tempi ünerzeugt bis zum heutigen Tag voll und ganz. Auch die Aufnahme des 2. Rachmaninoff-Konzerts ist ein Klassiker unter Klassikern: breite und lyrische Tempi in den ersten beiden Sätzen und ein forsches, sehr zwingendes Tempo im Finale sind neben der unanfechtbaren technischen Akkuratesse und Stilsicherheit die hervortretendsten Merkmale dieser Interpretation. Seine Aufnahme des 1. Tschaikowsky-Konzerts unter Karajan ist hingegen in Kennerkreisen nach wie vor umstritten. Meinen persönlichen Geschmack trifft die Aufnahme ganz gut, aber es ist unverkennbar (sogar das Booklet weist darauf hin!), daß Karajan in einem Anflug von Selbstherrlichkeit Richter immer wieder ausbremst und die Aufführung so eines guten Teils ihrer großen Wucht beraubt.
Richters Haydn (Sonate Nr. 44) ist absolut exemplarisch eingefangen, und auch wenn sein Mozart (d-moll-Konzert KV 466) wohl nicht ganz mit den besten Einspielungen der heutigen Zeit mithalten kann (man bedenke indes, daß die Musikwissenschaft in den 50 Jahren seither aber auch jede Menge neuer Erkenntnisse zutage gefördert hat), so fällt dieser aber auch nicht merklich ab und hat einige nette Einfälle vorzuweisen. Das 3. Beethoven-Konzert zeigt Richter als forschen, kräftig zupackenden Interpreten, der voll auf den dramatischen Charakter dieses Werks abzielt und ein sehr schlüssiges Ergebnis damit erzielt.
Richter kennt man nicht unbedingt als Chopin- und Debussy-Interpret, doch einige der hier eingespielten Werke verdeutlichen, daß er speziell in Sachen Chopin immer noch etwas unterschätzt sein dürfte. Sein stürmischer Zugriff und seine agogischen Gestaltungen wirken durchaus homogen und führen beispielsweise bei der 4. Ballade zu einem bemerkenswerten Ergebnis. Sein Debussy-Spiel ist hingegen das vielleicht unspektakulärste der gesamten Sammlung und soll hier nicht näher beschrieben werden (die Tonqualität, obschon stark verbessert gegenüber den Original-Aufnhahmen, macht es ihm noch zusätzlich schwer, die impressionistischen Stimmungen optimal abzubilden).
Eine Auswahl an Präludien und Fugen aus Bachs WTK meistert Richter schnörkellos, mit fast schon religiösem Ernst und strengem Intellekt (später spielte er eine beachtliche Gesamtaufnahme bei RCA ein).
Zum Schluß sei noch Scriabins 5. Sonate zu erwähnen. Was Richter aus dem Werk dieses wohl "unrussischsten" aller russischen Komponisten in dieser Box herausholt, ist eine wahre Pracht. Transparente Stimmführungen, abrupte Temperamentsausbrüche und eine schillernde farbliche Gestaltung vereinen sich hier trotz leichter Ausrutscher in dieser Live-Einspielung zu einer Darbietung von hypnotischer Kraft.
Neben der ICON-Box (EMI), die ebenfalls demselben Pianisten gewidmet ist, macht sich diese Veröffentlichung ganz ausgezeichnet. Mit dem Erwerb beider Boxen ist ein Großteil des Repertoires von Richter in stupender Qualität zu erwerben. Wem das noch nicht genügt, der sollte nach der bei Melodiya erschienen 10-CD-Box stöbern; allen anderen sei ausdrücklich der Kauf nahegelegt, denn die zum Teil recht seltenen Aufnahmen in einer Box allesamt anzutreffen dürfte den meisten Sammlern Anreiz genug sein.