Der vermessene Mann und das Meer
Laurens van der Post: «Der Jäger und der Wal»
Mit 17 ist Laurens van der Post erstmals auf einem Walfänger mitgefahren, das war 1923. Es folgten zwei weitere Fangsaisons, bei denen der Burensohn im Ausguck sass und nach Beute spähte.
Vierzig Jahre hat es gedauert, bis van der Post über jene Erfahrungen schrieb. «Der Jäger und der Wal» («The Hunter and the Whale») erschien 1967, als der Autor über sechzig war. In der Van-der-Post-Werkausgabe des Diogenes-Verlags liegt der Roman jetzt in einer Neuausgabe vor, versehen mit einem Nachwort von Christoph Egger.
Der Südafrikaner van der Post ist kein Schriftsteller des l'art pour l'art. Seine Romane sind nicht ästhetisches Exerzitium, sondern Vermittlung von Erfahrung und Reflexion, wobei die erzählerischen Mittel durchaus traditionell sind. Manchen seiner Bücher haftet eine Dringlichkeit an, die in der existentiellen Fragestellung wurzelt. Wie Jean-Marc Pottiez in seinen Gesprächen mit van der Post («A Walk with a White Bushman») sagt, gibt es Leute, deren Leben durch die Lektüre van der Posts verändert wurde. Dem Schreibenden selbst ist der Reisebericht «Vorstoss ins Innere» (1952) zum prägenden Erlebnis geworden. Der Autor erscheint darin als Rastloser, als Suchender, dessen Fühl- und Denkmuster während einer Expedition in Afrika aufbrechen. Durch seelische Erschütterungen und die Erfahrung unbezwungener, überwältigender Natur gelangt er zu neuen inneren Dimensionen und erreicht eine tiefere Wahrnehmung und ein wahrhaftigeres Verständnis seiner selbst.
«Der Jäger und der Wal» ist im wesentlichen die Geschichte eines Frevels. Erzählt wird von Thor Larsen, Kapitän eines vor Südafrika operierenden Walfängers. Der Norweger ist besessen vom Cäsar, wie er den Pottwalbullen nennt, auf den er zeitlebens gewartet hat. Der blutjunge Späher aus dem Inneren Südafrikas, der Ich-Erzähler, der keinerlei Meererfahrung hat, nötigt dem vereinsamten, ruppigen Mann Respekt ab. Zum einen des scharfen Auges wegen, das dem Erfolg des Kapitäns dient und von dem er sich die Aufspürung Cäsars erhofft. Zum anderen glaubt er, in diesem Burschen seinesgleichen zu sehen, denn er hat trotz seinem geringen Alter bereits mehrere Elefanten erlegt. Larsen realisiert nicht, dass der Späher dabei nicht vom Jagd- und Tötungsinstinkt geleitet wurde, sondern aus Notwehr geschossen hat. Als dann ein legendärer Elefantenjäger den Kapitän darum bittet, auf seinem Schiff mitfahren und einen Wal harpunieren zu dürfen, beginnt eine folie à deux, die mit dem Tod der beiden Männer endet.
Van der Post war ein langjähriger Freund C. G. Jungs; dessen Lebens- und Menschenverständnis fand bei van der Post ein reiches Echo. So gehört denn zu den interessanten Aspekten von «Der Jäger und der Wal» die Auslotung der zwei alten Jäger mit schriftstellerischen Mitteln, nicht im psychologischen Jargon. Die Jagd dient ihnen nicht zum Überleben. Sie sind Gefangene einer Obsession, in der sich die dunkeln, gewalttätigen, unerlösten Bereiche ihrer Seelen manifestieren.
Diese innere Dimension ist das zentrale, nicht aber einzige Thema des Buches. In den ersten Kapiteln wird ein peinigend genaues Bild vom blutigen Geschäft des kommerziellen Walfangs gezeichnet. Bereits in den zwanziger Jahren war dieser keine wirtschaftliche «Notwendigkeit» mehr, wie van der Post deutlich herausstreicht. Zur Sprache kommt auch das Verhältnis zwischen den Völkern Südafrikas, geschildert aus der Optik von einem, der gegen die Apartheid kämpfte, lange bevor diese nach dem Zweiten Weltkrieg in der Politik verankert wurde. Der Rassismus war denn auch der Anlass, dass van der Post, damals Journalist, 1928 nach Grossbritannien emigrierte. Dem journalistischen Handwerk ist es vielleicht auch zuzuschreiben, dass es van der Post in «Der Jäger und der Wal» gelingt, Fakten und Informationen und die dringlich-präzisen Details des Walfangs einzuflechten, ohne den Erzählfluss über Gebühr zu befrachten.
Bemerkenswert eindringlich sind van der Posts Naturbeschreibungen, die in der packenden Schilderung eines Zyklons gipfeln. Sie stammen von jemandem, der durch die unermesslichen Naturräume seiner Kindheit im Oranjefreistaat geformt wurde und der die Natur nicht als Selbstbedienungsladen begriff, sondern als Massstab und Richtlinie, an der sich der Mensch zu seinem eigenen Wohl ausrichten sollte.
Georg Sütterlin
"Ein Roman, der begeistert. Laurens van der Post schreibt so klar wie elegant und bringt in einer Art Moby-Dick-Walfanggeschichte mit einem aufgeweckten, herzensguten Jungen im Mittelpunkt einen ganzen Gesellschaftsroman über Afrika unter. Seine Weisheiten und Reflexionen treffen zu. Der Jäger und der Wal ist eine bildhafte Auseinandersetzung mit der Jagd, dem Kolonialismus und der Natur der Afrikaner. Als Pendant zu Kapuscinksi beinahe ideal." (Buchmarkt)
"Eine großartige Evokation des Meers und der Menschen, die auf ihm jagen." (Neue Zürcher Zeitung)
"Der spannende Roman ist im Sprachstil und in der meisterschaftlichen Darstellungskunst nur noch mit Moby Dick vergleichbar." (Bayerisches Sonntagsblatt)