Versuchte man, den gegenwärtigen europäischen Zeitgeist zum Thema Islam in Worte zu fassen, käme man etwa zu folgendem Ergebnis:
Der richtig verstandene Islam ist eine mit modernen Vorstellungen von Demokratie und Menschenrechten vereinbare Religion des Friedens und der Gerechtigkeit. Auseinandersetzungen der Muslime mit anderen Gemeinschaften ließen sich über einen ernstgemeinten Dialog beilegen. Eventuell verbleibende Differenzen wären nebensächlich und könnten von allen Seiten toleriert werden, doch leider stellen sich gewissenlose Fanatiker dieser Entwicklung entgegen, indem sie den Islam für ihre verbrecherischen Ziele mißbrauchen und unnötige Spannungen erzeugen.
In seinem kürzlich erschienen Buch über den Islam unternimmt es Hans Küng, diese vagen Ahnungen auf eine wissenschaftliche Ebene zu heben. Die Schwierigkeiten in die er dabei gerät, sind für den tatsächlichen Zustand des heutigen Islams aufschlußreicher als jede direkte Kritik.
Der erste Teil von Küngs Darstellung umfaßt 524 Seiten und enthält ein breit angelegtes Panorama der islamischen Geistesgeschichte, das neben der religiösen Entwicklung im engeren Sinne auch die wichtigsten theologischen, juristischen und philosophischen Strömungen in zuweilen fast enzyklopädischer Gründlichkeit präsentiert. Die politisch-militärischen Rahmenbedingungen werden bis zum beginnenden Verfall des Abbassidenreiches im frühen 10. Jh. eingehend behandelt, danach überwiegend ausgeblendet. Insgesamt erhält der Leser einen hervorragenden Überblick über viele komplexe Prozesse (die frühen theologischen Kontroversen; die Entwicklung des islamischen Rechts; das Aufkommen des Sufismus; die Machtergreifung der Abbassiden; usw.), wobei er sich einer durchgehend verständlichen und eleganten Diktion, sowie einer vorzüglichen Gliederung erfreuen darf. Stilistisch wie inhaltlich ist zu spüren, daß der Autor sein Publikum beim Schreiben immer vor Augen hatte.
Die letzten 260 Seiten der Abhandlung widmet Küng einer Analyse der gegenwärtigen Probleme und künftigen Möglichkeiten des Islams.
Wie in früheren Arbeiten bedient sich Küng bei der Deutung seines Materials zweier Hilfsmittel: der Wesensanalyse und des Paradigmamodells. Die Wesensanalyse soll jenen Grundbestand an Überzeugungen ermitteln, der die unveränderliche Identität einer Religion ausmacht, während das Paradigmamodell umgekehrt dazu dient, zeitbedingte Ergänzungen und Umdeutungen herauszuarbeiten. Im Laufe ihrer Geschichte, so Küng, durchlaufe eine Religion verschiedene Paradigmen (d. h. Gesamtkonstellationen von Ansichten, Werten und Verfahrensweisen), ohne dabei ihr Wesen zu verändern. Eine Anpassung an neue historische Konstellationen sei soweit möglich, wie sie nur die Überwindung vergangener Paradigmen erfordere, das Wesen einer Religion aber unberührt lasse.
Das Wesen des Islams verkörpere sich in drei Elementen: Einem strengen Monotheismus, der Anerkennung Mohammeds als des letzten Propheten und des Korans als der direkten und unverfälschten göttlichen Offenbarung.
Die bislang aufgetretenen sechs Paradigmen des Islams bestimmt Küng folgendermaßen: 1) das urislamische Gemeinde-Paradigma; 2) das arabische Reichs-Paradigma; 3) das klassisch-islamische Weltreichs-Paradigma; 4) das Ulama-Sufi Paradigma; 5) das Modernisierungs-Paradigma, sowie 6) das zeitgenössische nach-moderne Paradigma (Leitwerte: Demokratie, Gleichberechtigung der Frau, gerechte Wirtschaftsordnung, Dialog der Religionen).
Sämtliche wichtigen Probleme des gegenwärtigen Islams hält Küng auf dem Boden des nach-modernen Paradigmas für lösbar. Im letzten Teil seines Buches entwickelt er zu vielen Themen (Dschihad als fragliche Rechtfertigung von Gewalt, Fehlen von Demokratie und Menschenrechten in muslimischer Welt, Überholtheit der Scharia, Benachteiligung der Frau, Integration in christlichen Ländern, Dialog zwischen den Religionen) detaillierte Reformvorschläge.
Gerade hier offenbart sich nun ein grundlegendes Dilemma. Fast alle Anregungen Küngs setzen auf muslimischer Seite Gesprächspartner voraus, DIE BEREITS AUF DEM BODEN DES MODERNEN PARADIGMAS STEHEN und allenfalls noch zögern, die letzten Schritte zum Abschluß der Modernisierung und anschließenden Postmodernisierung ihrer Religion zu tun. An vielen Stellen seines Buches (sehr deutlich auf S. 660) räumt Küng dagegen ein, DASS DER GROSSTEIL DER MUSLIME NOCH DEM MITTELALTERLICHEN ULAMA-SUFI-PARADIGMA VERHAFTET IST. Dieses Eingeständnis stellt nicht nur die historische Brauchbarkeit der letzten beiden Paradigmen seines Schemas in Frage (in welchem muslimischen Land existiert ein moderner oder nach-moderner Islam?), sondern macht auch Küngs Argumente für eine Reform des Islams in der Praxis weitgehend bedeutungslos. Sie können sich höchstens an eine kleine Gruppe verwestlichter muslimischer Exil-Akademiker richten. ARGUMENTE FÜR DEN ÜBERGANG VOM ULAMA-SUFI-PARADIGMA ZUM MODERNEN PARADIGMA HAT KÜNG NÄMLICH NICHT ANZUBIETEN. Hier setzt er vielmehr auf die bloße HOFFNUNG (S. 768), die Mehrzahl der Muslime möge erkennen, daß Säkularisierung und Aufklärung nach westlichem Vorbild unvermeidlich seien.
Dabei führt Küng selbst Gründe an, die dem Islam die Modernisierung weitaus schwerer machen als dem Christentum. Ein moderner Islam müßte zu zwei Bezugspunkten seines Glaubens ein neues Verhältnis gewinnen: dem Koran und Mohammed.
Den Koran modern auszulegen, bedeutet nach Küng: die Lehre von der Verbalinspiration Mohammeds ist fallenzulassen. DER KORAN WURDE MOHAMMED NICHT WORT FÜR WORT VON GOTT EINGEGEBEN, SONDERN IST IN VIELEN TEILEN SEIN "MENSCHLICHES" WERK. DER KORAN IST WEDER VOLLKOMMEN, NOCH UNGESCHAFFEN, NOCH UNFEHLBAR, NOCH UNVERÄNDERLICH (S. 765). Er ist daher historisch zu erforschen und zu interpretieren. NUR SO lassen sich bedenkliche Passagen, wie die über den Dschihad (der schon im Koran gewaltsamen Kampf bedeutet) und die Behandlung der Frauen entschärfen.
Mohammed modern zu beurteilen, bedeutet nach Küng: einräumen, daß Mohammed ein Mensch mit Schwächen und Fehlern war. Manche seiner Taten sind moralisch verwerflich (er raubte Karawanen aus, führte Kriege, befahl die Folterung eines Gefangenen, ließ in Medina einen ganzen jüdischen Stamm hinrichten und rechtfertigte Meuchelmorde an kritischen Dichtern). ALS VORBILD FÜR UNSERE ZEIT EIGNET ER SICH NUR BEDINGT (S. 163).
Für die meisten traditionell denkenden Muslime dürften dies blasphemische Zumutungen sein, die nicht ein vergangenes Paradigma, sondern das Wesen ihrer Religion in Frage stellen. Christen waren nie vor vergleichbare Anforderungen gestellt. Die Lehre von der Verbalinspiration war im Christentum weit weniger fest verwurzelt als im Islam, und die Person Jesu ist moralisch unproblematisch. Selbst der aufgeklärteste Christ braucht sich von kaum einer Äußerung oder Tat Jesu zu distanzieren.
So ist das Ergebnis dieser Studie ernüchternd. Anstatt den Zeitgeist theologisch zu rechtfertigen, hat Küng ihn ungewollt widerlegt. Seine eigene Darstellung zeigt uns den Islam als einen schwer modernisierbaren mittelalterlichen Glauben, dessen Anhänger mehrheitlich der religiösen Grundhaltung (nicht der politischen) der Fundamentalisten näher stehen als Küngs Vorstellungen von einem "nach-modernen" Islam.
Nicht viel besser ist es um den interreligiösen Dialog bestellt. Weit entfernt davon, ihn anzubahnen, bietet Küng eine überzeugende Erklärung für seine geringen Erfolgsaussichten. So lange Christen und Muslime auf dem Boden verschiedener Paradigmen stehen, dürften religiöse Gespräche zwischen ihnen kaum zu substantiellen Ergebnissen führen.