In seiner ersten Auflage war Prof. Dr. Heinz Halms knappes Kompendium "
Der Islam : Geschichte und Gegenwart." bereits im Jahre 2000 erschienen. Mittlerweile zu einem Klassiker in der Reihe "C.H.Beck Wissen" avanciert, wurde der Band im Oktober 2011 in seiner 8., durchgesehenen und erweiterten Auflage erneut veröffentlicht. Als aktuellstes Ereignis nennt der Islamwissenschaftler und Schia-Experte Halm den Aufruf des Ulema Yusuf Abdallah al-Qaradawi, der im Januar und Februar 2011 im Fernsehsender Al Jazeera den ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak zum Rücktritt aufforderte....
Gemäß seinem Untertitel hat Halm den Band in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil macht er den Leser mit den historischen Grundlagen des Islam und einer Vielzahl vornehmlich arabischer Begriffe und Namen vertraut. Dem muwahhid (Für-Einzig-Erklärer=Moslem) als den "Wahren Gläubigen" (mu 'min) stehen der kafir (Ungläubige) und der muschrik (Beigeseller=Christ) gegenüber. Neben Adam, Nuh (Noah), Yunus (Jonas), Ibrahim (Abraham), Ishaq (Isaak), Ya 'qub (Jakob), Yusuf (Josef) und seine Brüder, Musa (Moses), Harun (Aaron), Ilyas (Elias) und die Könige Dawud (David) und Sulaiman (Salomon) und Uzair (Esra) bezeichnet der vom Erzengel Dschibril (Gabriel) offenbarte der Koran (al-Qur'an) auch Isa (Jesus) als einen nabi (Propheten). Der Religionsstifter des Islam, der Prophet Mohammed, wird demgegenüber als rasul Allah (Gesandter Gottes) als letzter der, bzw. "Siegel der Propheten" (chatam an-nabiyyin) bezeichnet.
Mit seinen 114 Abschnitten (Suren) ist der Koran das einzige Dokument, das mit einiger Sicherheit in die Zeit Mohammeds datiert werden kann. Alle Muslime, gleich welcher Konfession oder Sekte besitzen einen im Wesentlichen übereinstimmenden Korantext. In gültiger Form kann der Koran nur in arabischer Sprache rezitiert werden. Demgegenüber wurde seine Biographie (sira) erst 150 Jahre nach seinem Tode verfasst und die Echtheit seiner zahllosen überlieferten Aussprüche (ahadith) der Prophetentradition (sunna) ist umstritten. Entgegen der landläufig verbreiteten Ansicht ist der Islam keine "Religion der Wüste", sondern eine der Städte, namentlich Mekka und Medina, später auch Damaskus, Basra, Kufa, Bagdad, Kairo und Kairuan, Cordoba, Buchara und Samarkand.
Die folgenden Abschnitte beginnen AD 622 mit der Hidschra (Aussiedlung) Mohammeds und seiner Getreuen nach Yathrib (Medina), dem Beginn der islamischen Zeitrechnung und befassen sich mit der egalitären umma (Gemeinde), den Eroberungen (futh) und der Herausbildung einer Rechtsgelehrsamkeit (fiqh) in den vier sunnitischen Schulen des Abu Hanifa, Malik ibn Anas, Muhammad ibn Idris asch-Schafi'i und Ahmad ibn Hanbal. Ein recht kurzer Abschnitt ist der ursprünglich politisch begründeten Abspaltung der Schia Ali und dem "schiitischen Jahrhundert" von der Mitte des 10. bis zur Mitte des 11. Jahrhundert gewidmet. Ausführungen zum Sultanat als weltliche Herrschaft und zur Mystik der Derwischorden schließen mit einer Kurzbetrachtung zur Befreiung von einer europäischer Fremdherrschaft, die tiefe Spuren im Bewusstsein der Muslime hinterlassen hat, schließen den ersten Teil des Bandes ab, bevor sich der zweite dem "Islam im Alltag" zuwendet....
....in dessen Mittelpunkt die sogenannten fünf Säulen (arkan) stehen. Mit der schahada bekennt sich der Muslim zu einem kompromisslosen Monotheismus, der für ihn die Göttlichkeit eines Christus und das Trinitätsdogma unannehmbar macht. Das fünfmal tägliche islamische Ritualgebet (salat) besteht nicht aus einem Text, sondern aus einer bestimmten Abfolge von Beugungen des Körpers (rak' a). Der Begriff Moschee stammt vom arabischen Wort masdschid (Stätte des Niederwerfens). Während das Ramadan-Fasten (saum) und die Armensteuer (zakat) ebenfalls zu den wiederkehrenden Pflichten zählen, ist die haddsch ( Wallfahrt) nach Mekka nur einmal im Leben eines Muslim vorgeschrieben. Während der siebenmalige Umlauf (tawaf) um die Ka' ba und der siebenmalige Lauf zwischen den Hügeln as-safa und al-Marwa (die beide auf vorislamische Traditionen zurückgehen)auch im Rahmen einer kleinen oder Besuchswallfahrt ('umra) während des gesamten Jahres absolviert werden können, beginnt die eigentliche haddsch am 8. Tag des Pilgermonats im 8 Kilometer östlich von Mekka gelegenen Ort Mina. Von dort ziehen die Pilger zum dschabal ar-rahma (Berg der Barmherzigkeit), wo sie sich zum Ritual des Stehens oder Verweilens (wuquf) versammeln. Nach ihrer Rückkehr nach Mina am 10. Tag beteiligen sie sich dort an der Steinigung des asch-schaitan al-kabir.
Bevor eine bis ins Jahr 2007 reichende Zeittafel, eine chronologische Synopse der islamischen Strömungen, Literaturhinweise und ein Register den Abschluss des Bandes bilden, setzten sich weitere Abschnitte mit der schari'a (die keineswegs ein ausformuliertes Gesetzeswerk darstellt), den al-ulama (Gelehrten) und ihren Gutachten (Fatwa) sowie kritischen Betrachtungen zur rechtlichen Stellung der Frau, Islamismus, Dschihad, Märtyrertum, internationale Netzwerke und dem Islam in Deutschland auseinander.
Gegenüber anderen Bänden aus der Reihe "C.H.Beck Wissen", die bis zu 130 Seiten vorweisen können ist Heinz Halms Werk mit knapp 112 Seiten recht kurz geraten. Die fehlenden Seiten hätte man für eine Darstellung der der ursprünglichen dritten islamischen Glaubensrichtung der Charidschiten und ihren Nachfolgern wie den Ibaditen sowie den unterschiedlichen Abspaltungen der Fünfer- und Siebenerschia widmen können.
Als Einstieg in die Thematik Islam ist der Band sehr empfehlenswert, für sein knappes Format muss bei der Bewertung jedoch ein Amazonstern zum Abzug gebracht werden.