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Zur Neuübersetzung von Dostojewskis «Idiot»
«Nicht schlecht» so lautet Dostojewskis eigenes Urteil über die Schlussszene seines zweiten Romans, die sich schon im Entwurf dramatisch genug ausnimmt: «Rogoschin und der Fürst beim Leichnam. Finale.» Anlass zu Zufriedenheit bot jedoch nicht nur die effektvolle Komposition des «Finales», das bei jedem anderen Autor vermutlich ins Melodramatische abgeglitten wäre, sondern auch der erfolgreiche Abschluss der Romanarbeit. Der «Idiot» entstand im Jahr 1868 unter erheblichem Zeitdruck: Dostojewski bezog schon seit Herbst 1867 von seinem Verleger Honorare für den ungeschriebenen Roman, die ersten Kapitel wurden in der Zeitschrift «Der russische Bote» veröffentlicht, noch bevor sich Dostojewski selbst über den endgültigen Handlungsverlauf seines Romans im klaren war.
Seine Absicht, die ebenso berühmt geworden ist wie der Roman selbst, hat Dostojewski in einem Brief formuliert: «Die Grundidee ist die Darstellung eines wahrhaft vollkommenen und schönen Menschen.» Herausgekommen ist dann allerdings etwas anderes, nämlich ein Gedankenexperiment zur Kybernetik des menschlichen Verhaltens. Dostojewski bietet all sein erzählerisches Können auf, um die Vorstellung einer ökonomischen Selbststeuerung des Menschen zu diskreditieren. Der Bankrott der Ökonomie als eines allgemeingültigen Denkmodells wird im «Idioten» auf allen Ebenen vorgeführt: Ein sterbenskranker Schwindsüchtiger will die ihm verbleibende Zeit noch durch Selbstmord abkürzen, eine bevorstehende Erbschaft entwertet einen Heiratsantrag, ein goldenes Kreuz wird gegen ein zinnernes eingetauscht, ein Paket mit 100 000 Rubeln landet im Feuer, zweimal bestraft eine Frau die Untreue des Geliebten durch Selbstkasteiung.
Masochistischer Geist
Mit einem Wort: Dostojewskis Romanfiguren treten ihr Glück mit Füssen. Ihre Handlungen erklären sich nicht als Resultat einer Kosten-Nutzen-Rechnung, sondern als bewusste Verlängerung des eigenen Leidens. Daher rührt der eigenartige masochistische Geist, der durch Dostojewskis Roman weht. Allerdings kann man dieser Konzeption auch eine theologische Pointe abgewinnen: Als antiökonomisches Prinzip schlechthin darf nämlich die göttliche Gnade gelten. Der Mensch erlangt die Seligkeit nicht nach Massgabe seiner guten Taten, sondern als Geschenk. Hier liegt Dostojewskis zentrales christliches Credo, und an diesem Punkt lassen sich auch seine gehässigen Ausfälle gegen die katholische Kirche erklären, die ihm als Zerstörerin der orthodoxen Gnadentheologie gilt. Es ist gerade das katholische Regelwerk, das Dostojewskis Verdacht der Profanierung des Allerheiligsten auf sich zieht: die strikte Lenkung menschlicher Moralität, die Neutralisierung von verborgenem Tun durch heimliche Beichte oder das Aufwiegen von Schuld durch Busse. Die katholische Kirche wird hier zur Hochstaplerin: Sie wirft sich zur Buchhalterin menschlicher Sündhaftigkeit auf, führt ihre Konten ohne Ermächtigung und stellt ungedeckte Gnadenchecks aus.
Die Titelfigur von Dostojewskis «Idiot», die «positiv schöne» Christusgestalt, muss deshalb als Gegenentwurf zum katholischen Heilsmanager, wie er später im Grossinquisitor (aus «Die Brüder Karamasow») Gestalt angenommen hat, verstanden werden. Fürst Myschkin ist ein äusserst inkompetenter und schüchterner Handlungsreisender in Sachen göttliche Gnade. Zwar gewinnt er überall, wo er auftaucht, durch seine Aufrichtigkeit sofort das Vertrauen der Menschen, gleichzeitig aber bleibt seine Anwesenheit ohne erlösende Wirkung. Im Gegenteil: Fürst Myschkin funktioniert im Personenensemble des Romans eher wie ein Katalysator, der das Geschehen nach einem Ausdruck von Walter Benjamin nur noch schneller auf die Katastrophe zu gravitieren lässt. Unaufhaltsam verschlingt sich das Handlungsgeflecht zu immer neuen Knoten, die nicht anders als in einer Reihe von Skandalszenen Gestalt annehmen können. Man muss es in aller Schärfe formulieren: Dieser «Fürst Christus» (so nennt Dostojewski den «Idioten» im Romanentwurf dreimal) hat zwar eine schöne Seele, aber er ist nicht nur inkompetent, sondern auch impotent.
Mehr noch: Die kindliche Unschuld des Fürsten Myschkin ist nicht denkbar ohne ihr Komplement, den impulsiven Charakter des Verbrechers Rogoschin. Dostojewskis erzähltechnischer Trick besteht hier in der Aufteilung einer einzelnen Persönlichkeit auf zwei Handlungsfiguren. Wie diese Persönlichkeit ursprünglich ausgesehen hat, lässt sich an den frühesten Plänen zum «Idioten» beobachten: Von der «stolzen Herrschsucht» und «wilden Selbstermächtigung» des Helden ist hier die Rede. Deutlich treten hinter diesen Begriffen die Konturen des Prototyps solch paradoxer Einheit von höchster Sittlichkeit und fehlgeleitetem Handeln hervor: Raskolnikow, dessen Name nichts anderes als «der Gespaltene» bedeutet. Im Laufe der Arbeit am Roman überträgt Dostojewski dann immer mehr negative Eigenschaften vom Idioten auf die Sündenbockfigur Rogoschin, gleichzeitig baut er aber auch deutliche Signale für ihr enges Zusammengehören in seinen Text ein. Beide sind gleich alt, beide sind ohne Geld (bei Dostojewski immer ein Zeichen von Charakterstärke), beide lieben dieselbe Frau.
Impotenz, reziprok
Dostojewski wird noch deutlicher: In einer Schlüsselszene des Romans tauschen Myschkin und Rogoschin ihre Kreuze; eine Kopie jenes Christusbildes, das Myschkin so erschüttert hat, hängt in Rogoschins Wohnung; Myschkin fühlt die Anwesenheit Rogoschins jeweils intuitiv. Die Handlungsführung des Romans (sein «Aufgehen») wird erst verständlich, wenn man diese Grundkonzeption nicht aus dem Blick verliert. Es ist die dunkle Seite der ganzen Persönlichkeit, die dem hellen Teil sein Glück nicht gönnt. In die Bildsprache von Dostojewskis Roman übersetzt: Der schwarzhaarige Rogoschin tötet die Geliebte des blonden Myschkin. Die Mordszene im «Idioten» muss jedes psychoanalytisch geschärfte Bewusstsein aufmerken lassen: Die Braut des Fürsten Myschkin wird in der Hochzeitsnacht erdolcht, sie blutet aber nicht! Rogoschins Messer dringt zwar hochsymbolisch in das Herz des Opfers vor, das Blut bleibt aber im Frauenkörper. Grob gesprochen bedeutet das: Myschkin und Rogoschin kastrieren sich gegenseitig, ihre Impotenz ist reziprok. Die Unschuld der Christusgestalt bleibt ebenso unfruchtbar wie die Schuld der Teufelsgestalt. Im Gegensatz zu Raskolnikow gelingt es Dostojewskis Idioten (im etymologischen Wortsinn: «dem Abgesonderten») nicht, seinen Schatten in die eigene Persönlichkeit zu integrieren. «Nicht schlecht», hat vermutlich auch C. G. Jung bei der Lektüre der Schlussszene des «Idioten» gemurmelt.
Swetlana Geier, die für den Zürcher Ammann-Verlag bereits Dostojewskis Raskolnikow-Roman unter dem neuen Titel «Verbrechen und Strafe» mustergültig übersetzt hat, beschreitet auch in ihrer Wiedergabe des «Idioten» ungewohnte Wege. Ebensowenig wie Dostojewski zeigt Swetlana Geier Berührungsängste vor der ungrammatikalischen Redeweise einzelner Figuren. Rogoschins Räsonieren etwa klingt bei ihr so: «Un' dann . . . machen wir 'nen Besuch bei Nastassja Filippowna. Kommste oder nich'?» Ebenfalls gut zur Geltung kommt die für Dostojewski so typische Durchmischung des Erzählerberichts mit «fremden Wörtern» (Bachtin) Ausdrücken, die nicht zur Bewusstseinssphäre des Erzählers gehören, sondern dem Vokabular einer bestimmten Person entstammen. Vor allem bei Auftritten der temperamentvollen Generalin Jepantschina lässt sich dieser Kunstgriff immer wieder beobachten: «Entrüstet machte sie sich an ihrer Mantille zu schaffen und wartete, dass die da aufbrechen würden.»
Besonders verdienstvoll in der neuen Ausgabe des «Idioten» sind die ausführlichen Anmerkungen, die durch Reproduktionen wichtiger Bilder ergänzt werden («Dresdner Madonna», «Die Enthauptung des Johannes», «Der tote Christus im Grabe»). Damit erhält auch der Leser des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts nochmals einen Einblick in jene Bilderreihe, an der Dostojewskis Glauben irre geworden ist: die von Gott gespendete Geborgenheit, das von ebendiesem Gott tolerierte ungerechte Leiden und schliesslich das Sterben Gottes. Hier eröffnet sich der grösste Skandal, der im «Idioten» präsentiert wird der Skandal des toten Christus.
Ulrich M. Schmid -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Doch bevor er sie kennen lernt, trifft er beim Besuch der fernen Verwandten, der Generalin Jepantschina, auf deren Tochter Aglaja, die einen zu dem Zeitpunkt noch unbestimmten Reiz auf ihn ausübt. Schnell hat der Fürst jedoch die Möglichkeit, sich von Nastassja Filippownas Schönheit zu überzeugen. Die Ausstrahlung der launischen Unbekannten verfehlt ihre Wirkung nicht: Der Fürst verliebt sich in Nastassja. Damit ist er nicht der Einzige, denn sein Rivale Rogoschin ist auch noch da. Jener schafft es in einer völlig kompromittierenden Situation, mit Nastassja, die ihn zu heiraten schwört, zu flüchten. Unglücklich oder vielmehr verblüfft verlässt Fürst Myschkin Petersburg Doch er taucht im folgenden Sommer wieder auf, in Pawlowsk, der sommerlichen Residenz der Petersburger Bourgeoisie.
Der als armer Mann nach Russland gekommene Endzwanziger hat zwischenzeitlich ein kleines Vermögen geerbt, das ihn zum potenziellen Gatten und Schwiegersohn macht. Jedoch gilt er immer noch als krank, wobei er diesen Ruf mit seiner zum Teil naiven Offenherzigkeit nährt. Keine leichte Situation für den Fürsten, der zusätzlich in der Liebe zwischen Nastassja und Aglaja schwankt. Er muss wählen und trifft eine Entscheidung, die zum Eklat führt ...
Zugegeben: Leichte Lektüre bietet Dostojewskijs Roman aus der zweiten Hälfte des vorvergangenen Jahrhunderts nicht. Die Sprache ist umständlich, verbirgt mehr, als sie offenbart. Hinzu kommt eine große Zahl handelnder Charaktere, in deren Interaktionen der Überblick schnell verloren gehen kann. Und doch ist der Roman faszinierend. In einer für den Protagonisten mit seiner Gutgläubigkeit und seinen liberalen Ansichten kaum zu verstehenden gesellschaftlichen Umwelt muss er um Gnade und Anerkennung kämpfen. Er wirkt gleichsam wie Don Quijote. Denn je mehr er sich bemüht, desto deutlicher wird, dass er scheitern wird und muss.
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