Angeregt durch das modern-dynamisch wirkende Cover habe ich mir dieses Buch gekauft. Nach dem ersten Durchblättern wurde ich skeptisch, beim Lesen einiger Kapitel habe ich den Erwerb dieses schließlich Buches bereut.
Das nicht einmal 100-seitige Werk erweckte auf mich den Eindruck eines ebenso lieblos wie schlampig zusammengewürfelten Flickwerks. In 18 Kapiteln werden verschiedene Aspekte des ICE beleuchtet. Der Text wird dabei durch zahlreiche Bilder und einzelne Tabellen aufgelockert. Text und Bild habe ich als in Ordnung wahrgenommen, ohne besondere Höhen und Tiefen.
Genervt haben mich dagegen zahlreiche inhaltliche Fehler. Schon auf der ersten vollen Seite (S. 9) stapeln sich die inhaltlichen Ungereimtheiten: So ist die Relation Stuttgart Hbf--Mannheim Hbf nicht "97 km", sondern 107 km lang und die Aussage, nur der ICE-Sprinter würde auf der Strecke 280 km/h fahren ist falsch (Tempo 280 gilt im Nordabschnitt für alle ICE 1 und ICE 2). Der Eindruck größerer und kleinerer Fehler zieht sich dabei durch das gesamte Buch. Auch ohne intensive Betrachtung und Recherche waren schnell dutzende von Fehlern erkennbar. Mitunter widerspricht sich das Buch auch selbst: beispielsweise wird mal (korrekt) die ICE-Weltrekordfahrt auf den 1. Mai 1988 datiert (S. 25 und 28), an anderer Stelle wird (falsch) von "1990" gesprochen (S. 14). Die Behauptung, der Autor habe "sorgfältig recherchiert", der Verlag ferner diese Informationen "geprüft" (S. 6), kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Wikipedia weiß es in aller Regel besser -- und liefert dazu zumeist noch die entsprechenden Quellenangaben mit. Von Wikipedia indes wurde zumindest ein Bild (S. 90) ohne Genehmigung geklaut und wider der Lizenz verwendet.
Dem Anspruch einer Chronik, wie der Untertitel verspricht, wird das Werk indes auch nicht gerecht. Lediglich ein 13-seitiges Kapitel (S. 26 bis 38) handelt die ICE-Geschichte -- nicht ohne Fehler -- in chronologischer Form ab. Die übrigen Kapitel gelten verschiedenen der ICE-Geschichte, so beispielsweise dem ICE-Vorläuferzug InterCityExperimental (im Buch fälschlicherweise durchgehend mit "ICE-V" bezeichnet), dem Wartungskonzept oder den Neubaustrecken. Kurzkapitel wie das zum ICE-Design auf anderen Fahrzeugen (vier Fotos von Zügen und einer Kindereisenbahn mit rotem streiten auf weißem Grund) wirken dagegen wie deplatziertes unnötiges Füllwerk. Der (auch hier auf Amazon wiedergegebene) Klappentext macht den Eindruck, das Buch sei umfassend und detailliert, erwies sich bei näheren Hinsehen als klar unbegründet.
Ein Angebot, für eine kleine Buchspende an die örtliche Bibliothek ein umfassendes Feedback mit dutzenden Fehlern zusammenstellen, blieb seitens des Verlags unbeantwortet. Qualität sieht fürwahr anders aus.
Unter dem Strich frage ich mich, für den das vorliegende Werk wirklich geeignet ist. Wer einen inhaltlich einwandfreien und höchst interessanten Einblick in das ICE-System sucht und etwas Geld (45 Euro) auszugeben bereit ist, wird
Kurz' Werk von 2010 bestens bedient, für wenig Geld gibt es gebraucht auch noch
Daniel Reichers etwas in die Jahre gekommenes Standardwerk von 2000 zu kaufen. Wer ein eher oberflächliches Buch für den Einstieg sucht, findet zu gleichem Preis mit
Alles über den ICE ein ebenso solides wie übersichtliches Werk. Und für Freunde guter Bilder bietet sich Georg Wagners Bildband von 2006 (ISBN 978-3-88255-361-8) an.
Unter den fast zwei dutzend Büchern, die neben dem vorliegenden Werk in meinem Bücherregal zum ICE stehen, steht dieses Buch in Qualität und Informationswert auf den letzten Rängen.