Das Werk an sich ist ja wirklich lesenswert. Am Hof von Urbino versammeln sich geschmeidig-gebildete Leute, die mit Humor und Neckerei ein Gespräch darüber führen, wie der ideale Hofmann beschaffen sein soll. Zu all den Künsten, die er beherrschen muss, muss auch das Element einer gewissen Lässigkeit dazu kommen, er macht alles scheinbar ohne Anstrengung und ohne Getue, wie der ideale englische Gentleman. Die Stellung der Frau wird diskutiert und gegen alle Einwürfe werden die Frauen als andersartig, aber gleichwertig verteidigt. Am letzten Abend wird in einer sich leidenschaftlich steigernden Rede die Darstellung der Liebe, die dem älteren Hofmann gestattet ist, bis zu einer Darstellung der überirdischen Liebe erweitert. Schliesslich entdecken die Teilnehmer, dass es inzwischen draussen Tag geworden ist, und jedermann geht schlafen.
Nun zur Ausgabe: Der Text ist eine anscheinend etwas überarbeitete Version einer Uebersetzung aus dem Jahre 1907. Vielleicht kommt es daher, dass der deutsche Text oft nur verständlich ist, wenn man den Satz zum zweiten oder dritten Mal liest. Ob auch das italienische Original so geschrieben ist, mit unheimlich langen Sätzen, die eines an das andere reihen, kann ich nicht beurteilen.
(Uebrigens heisst es auf dem Umschlag, das Buch sei in den Jahren 1508 bis 1518 geschrieben worden. Im Vorwort dagegen steht 1508 bis 1516. An sich nicht so wichtig - aber das ist die Art Fehler, die den aufmerksamen Leser, der sich Notizen machen will, aufhalten und ärgern).
Weiter fehlen Anmerkungen. Ich bin selber kein Freund davon, einen Text unnötig wissenschaftlich aufzumotzen, aber in einem Text aus dem 16. Jahrhundert, in dem zeitgenössische Ereignisse und Personen erwähnt werden, und in dem immer wieder auf klassische, das heisst griechische Autoren bezug genommen wird, müssen einfach unbedingt Anmerkungen mitgeliefert werden, die das wichtigste erklären.
Aeusserlich ein schönes Bändchen. Schade, dass sich der Verlag mit dem Inhalt nicht mehr Mühe gegeben hat.