Eine einleitende Anmerkung: Ich möchte vorweg schicken, dass ich hier logischerweise vorerst nur den Film zu bewerten versuche, nicht seine technische Umsetzung auf einem Medium. Die DVD-spezifische Bewertung, bei der ich zum Beispiel Bezug auf die gebotenen Extras und die Bild- und Tonqualität nehmen kann, werde ich nachreichen, sobald diese erscheint. Ich werde derweilen Abstand von Vergleichen zwischen Buch und Film nehmen, da Letzterer durchaus für sich alleine stehend sehenswert ist. Zudem werde ich in der Folge dieser Rezension nach besten Möglichkeiten auf Spoiler verzichten, um niemandem den Erstgenuss zu verübeln.
Und nun zur Sache: Der lang erwartete erste Teil von "Der Hobbit" trägt mit "Eine unerwartete Reise" einen eher harmlosen Titel - was sich dahinter verbirgt, ist jedoch der beeindruckendste Film, den ich seit einigen Jahren gesehen habe.
Bevor ich etwas näher ins Detail gehe, sei gesagt, dass das Kinoerlebnis eine wahre Wucht war, die man nach dem Verlassen des Saales erst einmal recht verarbeiten musste. Ob sich dieser Effekt auch auf dem heimischen Fernseher derart entfalten wird, ist momentan noch nicht vorhersehbar. Zumindest muss man sich nicht scheuen, es darauf ankommen zu lassen - sei es nun durch einen Kinobesuch oder aber durch den Kauf des Films nach Erscheinen auf DVD oder Bluray.
Langes Warten führt derweil nicht selten auch zu hohen Erwartungen: Berührende Musik, gigantische Bildgewalt, epische Perfektion - das Erfüllen solcher Ideale ist oft schlichtweg unmöglich. Dass es dennoch gelingen kann, beweist "Der Hobbit" eindrucksvoll. Ob ein Blick in die Tiefen der Zwergenstadt im Erebor, der Gesang Thorins an Bilbos Kaminfeuer, eine Schlacht der Zwerge vor den Pforten Morias, Bruchtals malerische Schönheit, ein Kampf von Steinriesen im Nebelgebirge, ein Flug auf den Rücken der Riesenadler oder das schlichte Öffnen von Smaugs Drachenauge - die Bilder sind teilweise derart eindrucksvoll, dass es einen aus den Sitzen hebt.
Die musikalische Untermalung unterstreicht die Güte der Schauwerte und ist rundum gelungen. Immer wieder schleichen sich hier altbekannte Liedpassagen (Bruchtal, Hobbingen) in die neuen Stücke ein, von denen die heroisch-pathetische Zwergenhymne des Erebors wohl das markanteste und eingängigste ist.
So sei angemerkt, dass der Film in seiner Gesamtheit derartig viele, nahezu perfekte Szenen aufweist, dass jede Kritik erst einmal kleinlich wirkt. Doch ist es wichtig zu wissen, dass "Der Hobbit" nicht schlicht eine Weiterführung bzw. Vorerzählung zum Ringkrieg ist. Schon die Mach- und Schreibart der Bücher sind hier verschieden: Die kindgerechtere Geschichte des "Hobbits" steht an vielerlei Stelle in Kontrast zum düsteren, ernsteren und epischeren "Der Herr der Ringe". Peter Jackson hatte angekündigt, sich hier als Brückenbauer zu versuchen: Er will die drei Hobbit-Filme an seiner Ringkrieg-Trilogie orientieren, ohne das Kinderbuch seines gesamten Zaubers zu berauben. Und eben das sollte man im Hinterkopf haben, wenn man "Eine unerwartete Reise" sieht: Denn dort findet man nicht Gondors verlorenen Thronerben im scheinbar aussichtslosen Kampf gegen blutrünstige Uruk-Hai, sondern vielmehr schrullige Zwerge, kochende und miteinander diskutierende Bergtrolle, Orks mit einer eigenen Sprache und verständlich sprechende Goblins mitsamt König - es erscheint also auf den ersten Blick nicht als das fatalistische Mittelerde, das wir aus Jacksons erster Trilogie kennen. Doch das Befremdende an diesem Eindruck verflüchtigt sich zügig, wenn die Reise der dreizehn Zwerge unter Thorin Eichenschild, des Zauberers Gandalfs und natürlich des Hobbits Bilbo Beutlin an Fahrt und Dynamik gewinnt. Zwar wirkt der Film an manchen Stellen etwas schizophren, wechseln sich doch kindgerechte Farbenpracht und komödiantische Einlagen mit epischen Momenten, schauriger Düsternis und brutaler Gewalt ab, doch fügen sich diese Eindrücke Stück für Stück zu einem neuen Stil zusammen, der die neue Hobbit-Trilogie wohl zu etwas anderem als den "Herrn der Ringe" machen wird. Hierbei heißt "anders" aber nicht unbedingt "schlechter". Wenn man denn Kritik ansetzen möchte, dann findet man hier vielleicht Worte wie "Unentschlossenheit" oder "Verniedlichung". Ich versuche es einmal hiermit: Der Film ist so episch wie eine Kindergeschichte sein kann - nur brutaler und düsterer. Und er ist so komödiantisch wie eine Epik sein darf - nur farbenfroher und skurriler. Was man "unentschlossen" nennen kann, sehe ich als den mutigen Versuch eines Spagats. Und in meinen Augen ist diese akrobatische Einlage absolut gelungen. Möchte man bei den wenigen Schwächen bleiben, könnte das erste Drittel des Films als solche gelten. Man kann es sehen wie man will: Die Vorgeschichte ist etwas lang oder eben reichlich gründlich, manche Szenen in ihr zu kindisch oder eben sehr kindgerecht. Vor allem wird hier der Kontrast zu "Der Herr der Ringe" noch besonders deutlich wahrgenommen. Nach weniger als einer Stunde, wenn die Reiseaufnahmen der Gemeinschaft über die Leinwand flimmern, ist man aber allerspätestens wieder in Mittelerde angekommen - und das heißt in jener Brückenversion, die "Der Hobbit" entwirft.
Die schauspielerische Leistung ist derweil durchweg erstklassig. So ist mir keiner der Schauspieler auch nur im Geringsten negativ aufgefallen, das Gegenteil ist stattdessen der Fall. Neben altgedienten Gesichtern, wie Cate Blanchett als "Galadriel", Ian McKellen als "Gandalf", Hugo Weaving als "Elrond", Christopher Lee als "Saruman" und Andy Serkis als "Gollum", gilt es vor allem Martin Freeman als den jungen "Bilbo" und Richard Armitage als den Zwergenprinz "Thorin Eichenschild" zu erwähnen. Während Ersterer schlichtweg perfekt das Gesicht des alten Bilbos verjüngt und diesen unglaublich sympathisch und glaubhaft spielt, zeichnet Letzterer ein etwas gewagtes, weniger stereotypes Bild eines Zwerges: Schwert statt Axt, Würde statt Rüpelei, Arroganz statt Kumpelhaftigkeit, Führungsqualitäten statt Sidekick-Mentalität. Die Zwerge des "Hobbits" sind ohnehin eine Geschichte für sich. Stellt dieses Volk in anderen Produktionen nichts weiter als (meist beliebte) Nebenfiguren (man denke hier nur an Gimli), stellen sie in "Eine unerwartete Reise" das Volk mit der meisten Leinwandpräsenz dar. Ihr Spiel untereinander, die raue, herzliche Art dieser ungehobelten Rabauken, ist reichlich erfrischend und ein gern gesehenes Kontrastmittel gegenüber den reinlichen, makellosen Elben. Einfache Menschen hingegen tauchen in diesem Film überhaupt nicht auf. Es geht auch nicht um dieses Volk, sondern eben um einen Zwergenkönig, sein verlorenes Erbe und eine Schar wilder Haudegen seines Volkes, die ihm die Treue halten - trotz aller Widrigkeiten und Unwahrscheinlichkeiten. Und da uns "Der Hobbit" in einer Trilogie vorgestellt wird, ist wohl kaum verwunderlich, dass diese Geschichte mit diesem Film nicht ihr Ende, sondern erst ihren Auftakt erlebt. An dieser Stelle sei auch das Wiedersehen mit dem Geschöpf "Gollum" erwähnt - witzig und tragisch zugleich, ist Serkis Darstellung dieser schizoiden Figur, im Dialog mit Freemans "Bilbo", das wohl größte Kapital des Films.
Ein kurzes Wort auch noch zur Bildqualität, wurde doch viel im vornherein über die neue Kameratechnik spekuliert. "Der Hobbit" will hier neue Maßstäbe setzen, arbeitet er doch als erster großer Film mit einer höheren Bildfrequenz (48 statt nur 24 Bilder pro Sekunde) und wurde mit einer deutlich höher auflösenden Digitalkamera abgedreht. Kurzum: Die Bildqualität kann sich absolut sehen lassen. Wie viel sich davon auf den heimischen Schirm überträgt, bleibt ohnehin abzuwarten. Zumindest treten nach meiner Erfahrung beim Zuschauer keine Schwindelgefühle oder sonstige visuelle Überlastungen auf, was ich deswegen noch einmal betone, weil an mancher Stelle davor gewarnt wurde.
Das Fazit ist für mich eindeutig: "Der Hobbit - Eine unerwartete Reise" ist ein erstklassiger Fantasy-Film, der für alle Liebhaber des Genres ein absolutes Muss, aber auch für alle anderen Zuschauer uneingeschränkt empfehlenswert ist. Peter Jackson hat hier ein weiteres Mal das Unglaubliche geschafft: 169 Minuten prasselt sein neuester Ausflug nach Mittelerde auf den Zuschauer ein - ohne das eine einzige davon langweilig wäre. Und stört man sich anfangs an der etwas bunteren, skurrileren Umsetzung, findet man sich wenig später doch im Bann der Geschichte wieder. In Mittelerde ist also alles beim Alten - wenn manches auch anders scheint.