Aus der Amazon.de-Redaktion
Wie in Stokers Roman entfaltet sich auch in Der Historiker die Erzählung in Briefen, Archivmaterial und anderen Dokumenten. Die namenlos bleibende Erzählerin findet in der Bibliothek ihres Vaters, des Historikers Paul, ein uraltes Buch und eine Reihe rätselhafter Briefe. Als sie ihren Vater darauf anspricht, erzählt dieser ihr eine ebenso unglaubliche wie schreckliche Geschichte. Die Briefe stammen von seinem ehemaligen Mentor Professor Rossi, der vor etwa zwanzig Jahren Nachforschungen über den berüchtigten rumänischen Fürsten Vlad der Pfähler angestellt hat -- jener historischen Figur, die als Vorbild für Dracula diente.
Rossi hatte damals eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Vieles wies darauf hin, dass Vlad noch immer am Leben sein könnte. Bei dem Versuch, Vlads wahres Grab zu finden, verschwand der Professor jedoch spurlos. Gemeinsam mit Rossis Tochter Helen begab sich Paul auf die Suche nach seinem Mentor und nahm damit zugleich dessen Vermächtnis auf: Licht in die Legende um den grausamen Fürsten zu bringen. Weitere zwanzig Jahre später scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Als ihr Vater Paul auf mysteriöse Weise verschwindet, begibt sich nunmehr die Erzählerin auf die Suche nach ihm und nach der Wahrheit hinter dem Mythos Dracula.
Der Roman wechselt zwischen drei Zeitebenen, den 30er, 50er und 70er Jahren, in denen die Suche nach Dracula stets wie ein Leitmotiv die Handlung bestimmt. Mit beachtlichem erzählerischem Geschick gelingt es Elizabeth Kostova, die einzelnen Handlungsstränge miteinander zu verknüpfen. Dabei geht es ihr keineswegs darum, einen nervenaufreibenden Thriller oder Horrorroman zu schreiben. Auf bluttriefende Szenen wartet man hier vergebens. Vielmehr entsteht die subtile Spannung dieses Romans aus den historischen Enthüllungen, die Kostova mit großem Rechercheaufwand untermauert. -- Eine der originellsten und poetischsten Neuschöpfungen des Dracula-Mythos der letzten Jahre! --Sara Schade
kulturnews.de
Focus, 17. September 2005
Freundin, 14. Oktober 2005
Elle, Oktober 2005
Für Sie, August 2005
Kurzbeschreibung
Die Weltrechte für dieses Buch wurden für 2 Millionen USD an einen Time Warner Buchverlag verkauft. The Historian eroberte im Sturm die New York Times Bestsellerliste. Sony Pictures hat die Filmrechte zu diesem phantastischen Debüt erworben. Das Buch erscheint am 26. August.
Der Verlag über das Buch
Klappentext
Über den Autor
Auszug aus Der Historiker. von Elizabeth Kostova, Elizabeth Kostowa, Werner Löcher-Lawrence, Werner Löcher- Lawrence. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Im Jahr 1972 war ich sechzehn — zu jung, sagte mein Vater, um ihn auf seinen Reisen in diplomatischer Mission zu begleiten. Er zog es vor, mich aufmerksam im Unterricht der Interna¬tionalen Schule von Amsterdam sitzen zu wissen. In jenen Tagen arbeitete seine Stiftung von Amsterdam aus, und die Stadt war schon so lange meine Heimat, dass ich unser früheres Leben in den Vereinigten Staaten fast vergessen hatte. Es kommt mir heu¬te eigenartig vor, dass ich auch als Halbwüchsige noch so gehor¬sam gewesen sein soll, während der Rest meiner Generation mit Drogen herumexperimentierte und gegen den imperialistischen Krieg in Vietnam protestierte. Aber ich war so behütet aufge¬wachsen, dass mein Leben als Erwachsene in der Wissenschaft dagegen abenteuerlich wirkt. Das lag mit daran, dass ich keine Mutter mehr hatte und mich mein Vater aus dem Gefühl doppel¬ter Verantwortung heraus stärker beschützte, als er es sonst wohl getan hätte. Ich war noch ein Baby, als meine Mutter starb. Das war, bevor mein Vater das Zentrum für Frieden und Demokratie gründete. Mein Vater sprach nie von meiner Mutter und wandte sich schweigend ab, wenn ich ihm Fragen über sie stellte. Ich ver¬stand sehr früh, dass es zu schmerzvoll für ihn war, mit mir über sie zu reden. Stattdessen kümmerte er sich hingebungsvoll um mich und versorgte mich mit einer Reihe von Kindermädchen und Haushälterinnen — Geld spielte keine Rolle, wenn es um mei¬ne Erziehung ging, obwohl wir unseren Alltag durchaus einfach bestritten.
Die letzte dieser Haushälterinnen war Mrs Clay, die sich um unser schmales Haus aus dem siebzehnten Jahrhundert an der Raamgracht im Herzen der Altstadt kümmerte. Jeden Tag nach der Schule öffnete Mrs Clay mir die Tür. Sie diente als Eltern¬ersatz, wenn mein Vater, wie so oft, auf Reisen war. Sie war Eng¬länderin, älter, als es meine Mutter gewesen wäre, und so ge¬schickt sie sich mit dem Staubwedel anstellte, so unbeholfen war sie mit Teenagern. Wenn ich am Esstisch ihr vor Mitgefühl zer¬fließendes Gesicht mit den langen Zähnen darin sah, glaubte ich, dass sie gerade an meine Mutter dachte, und hasste sie dafür. Wenn mein Vater nicht da war, hallte es in dem hübschen Haus. Niemand konnte mir bei Algebra helfen, niemand bewunderte meinen neuen Mantel, rief mich zu sich und drückte mich an sich, niemand zeigte sich erschreckt, wie sehr ich gewachsen war. Wenn mein Vater von einem der Orte auf der Europakarte, die bei uns im Esszimmer hing, zurückkam, roch er nach anderen Zeiten und Plätzen, würzig und müde zugleich. In den Ferien fuhren wir nach Paris oder Rom und studierten sorgfältig alle Se¬henswürdigkeiten, von denen mein Vater annahm, dass ich sie kennen sollte, aber ich sehnte mich nach jenen anderen Orten, wohin er verschwand, jenen sonderbaren alten Orten, die ich nie gesehen hatte.
Wenn er auf Reisen ging, machte ich mich auf den Weg zur Schule und ließ bei meiner Rückkehr die Bücher mit einem Knall auf den polierten Tisch in der Diele fallen. Weder Mrs Clay noch mein Vater ließen mich abends ausgehen, sah man von einem ge¬legentlichen, sorgsam begutachteten Film ab, in den ich mit sorg¬sam begutachteten Freunden gehen durfte, und in der Rückschau erstaunt es mich, dass ich diese Regeln niemals missachtet habe. Ich war sowieso am liebsten allein, das Alleinsein war das Ele¬ment, in dem ich aufgewachsen war und in dem ich mich wohl fühlte. Ich tat mich im Lernen hervor, nicht im Umgang mit Gleichaltrigen. Mädchen meines Alters versetzten mich in Schre¬cken, besonders die smarten, kettenrauchenden Alleswisser aus den diplomatischen Kreisen, in denen sich mein Vater bewegte. In ihrer Gegenwart hatte ich immer das Gefühl, mein Kleid sei zu lang oder zu kurz, oder dass ich etwas völlig anderes tragen sollte. Jungen gaben mir Rätsel auf, obwohl ich vage von Män¬nern träumte. Am Ende war ich in der Bibliothek meines Vaters am glücklichsten, allein in diesem großen, gepflegten Raum im ersten Stock unseres Hauses.
Die Bibliothek meines Vaters war wahrscheinlich einmal ein Wohnzimmer gewesen, das er jedoch nur zum Lesen benutzte, und in seinen Augen war eine große Bibliothek wichtiger als ein großes Wohnzimmer. Seit langer Zeit schon gewährte er mir frei¬en Zugang zu seinen Büchern. Wenn er nicht da war, saß ich stun¬denlang über meinen Hausarbeiten am Mahagonischreibtisch der Bibliothek oder stöberte in den Regalen, die rundum liefen. Ich begriff erst später, dass mein Vater entweder halb vergessen ha¬ben musste, was sich auf einem der obersten Regalbretter befand, oder dass er — was wahrscheinlicher ist — davon ausging, ich wür¬de es nicht erreichen. Eines Abends holte ich nicht nur eine Übersetzung des Kamasutra herunter, sondern auch einen weit älteren Band und einen Umschlag mit vergilbten Papieren.
Ich kann auch heute noch nicht sagen, was mich dazu brach¬te, beides aus dem Regal zu nehmen. Aber die Abbildung, die mitten auf dem Buch prangte, der Geruch des Alters, den es ver¬strömte, und meine Entdeckung, dass es sich bei den Papieren um persönliche Briefe handelte, all das machte mich äußerst auf¬merksam. Ich wusste, ich sollte die Nase nicht in die persönli¬chen Dinge meines Vaters stecken, oder die eines anderen, und ich hatte Angst, dass Mrs Clay plötzlich hereinschneien würde, um zu dieser Stunde den staubfreien Schreibtisch abzustauben — weshalb ich wahrscheinlich immer wieder über die Schulter zur Tür sah. Aber ich konnte nicht anders, ich musste den ersten Ab¬satz des zuoberst liegenden Briefes lesen, und stand minutenlang mit dem Brief in der Hand vor dem Regal.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .