Neue Zürcher Zeitung
Ohne Schaudern
LL. Die metaphysische Überbevölkerung, die den hinduistischen Götterhimmel nicht anders als die physische die indische Menschenerde zu bestimmen scheint, hat im Westen oft, zu oft, Unverständnis oder Missverständnisse provoziert. Erst die in ihrer Denkweise polytheistische, in ihrem identifikatorischen Habitus freilich guruzentrische esoterische Postmoderne gibt sich gerne der alten indischen Unübersichtlichkeit anheim. Hinzu gekommen ist im Westen lange Zeit gegenüber bestimmten Spezifika des indischen religiösen und gesellschaftlichen Lebens (Kastensystem, Witwenverbrennung, Mitgiftmord . . .) eine Haltung, die Axel Michaels, Autor der anzuzeigenden Darstellung, sehr griffig einen «Exotismus des Schauderns» nennt. Ihm will Michaels ganz entschieden nicht folgen. Präzise und ziemlich «cool» schaut er hin. Und vieles von dem, was sein sich der «Ethnoindologie» (mit dem Akzent auf den sozio-religiösen Zusammenhängen) zurechnendes Buch zeigt, stellt sich anders dar, als es die liebgewordenen Vorurteile wollen. Differenzierung und Relativierung machen die Szene indes nicht einfacher übersehbar. Eine «Einführung» ist das Buch kaum. Der Erkenntnisgewinn ist um so beträchtlicher. Höchst ergiebig zum Beispiel, wie der Autor auf wenigen Seiten den altvertrauten universalistischen Glauben, die Mystik sei weltweit die gleiche, richtigstellt. Ein gelegentlich weit übers Ziel hinausschiessender flapsiger Ton, der sich wohl dem «coolen» Anti-Exotismus des Schauderns verdankt, kann die Lektüre stören. Die Neigung des Autors, en passant die Götter des westlichen Theoriehimmels in zwei, drei hingeworfenen Sätzen abzufertigen, provoziert jedenfalls das Schaudern des Rezensenten. «Jeder weiss, dass Freud oder Marx grundlegend falsch gelegen haben.» We are awfully sorry, wir wissen es immer noch nicht.