Die Beschreibung religiöser Systeme in völlig anderen Weltgegenden ist immer eine Herausforderung besonderer Art. Dies wird oft auch deshalb so schwierig, als wir im Westen aufgrund unserer klassifikatorischen Herangehensweisen Weltanschauung, Religion, Philosophie in aller Regel mit konzentriertem Blick auf deren spirituellen Inhalte und die damit verbundenen Rituale betrachten und zu erfassen suchen und dabei nicht selten die enge Verwobenheit mit der in ihr lebenden Gesellschaft, die zahlreichen gesellschaftlichen Implikationen aus dem Auge verlieren. Damit werden wir den entsprechenden religiösen Systemen häufig nicht oder nur sehr unvollständig gerecht. Ganz anders geht daher Axel Michaels in seiner umfangreichen Einführung an den Hinduismus heran. Bei über 700 Millionen Menschen, die verschiedene Formen hinduistischen Glaubens praktizieren, kann es nicht bei einer Betrachtung der „heiligen Schriften" und der Ritualistik und der Beschreibung der „Millionen von Göttern" bleiben. Hier muß die Alltagspraxis einer Weltreligion geschildert werden. Schon zu Beginn des Buches wird klar, daß es höchste Zeit für neue Herangehensweisen war - vor allem, wenn bei der versuchten Beantwortung der Frage 'Was ist Hinduismus?' deutlich wird, dass dieser als zusammenhängende Religion von manchen als ein Konstrukt des Westens in Frage gestellt wird. Ein solches Hinterfragen muss auch erlaubt sein, wenn man erfährt, nach dem 1955 erlassenen indischen Gesetz Hindu Marriage Act sei „ein Inder dann ein Hindu, wenn er nicht einer anderen Religion angehört". Inder hatten sich selbst bis in die jüngste Vergangenheit nicht als Hindus bezeichnet - es ist eine Fremdbezeichnung, welche die Briten von den persischen Muslimen übernahmen, um die nicht-muslimische Bevölkerung des indischen Subkontinents zu bezeichnen. Wie also beschreibt man eine Religion, die wir zunächst durch Abgrenzung von anderen Religionen definiert haben? Eine Religion, in der es weder den einen Religionsstifter, noch nur eine kirchliche Institution oder ein religiöses Oberhaupt gibt? nicht nur ein heiliges Buch oder eine Lehre oder ein religiöses Zentrum? und damit keine einzige für alle verbindliche religiöse Autorität. Schon diese Fragen machen deutlich, dass die sonst übliche Herangehensweise bei der Betrachtung von Religionen beim Hinduismus so nicht fruchten kann. Axel Michaels hält es für geboten, „alte Zöpfe in Darstellungen des Hinduismus abzuschneiden". Mit Recht verweist er darauf, dass die Indologie mit ihrer Selbstauffassung als reine Philologie und der ausschließlichen Beschäftigung mit alten Texten große Lücken bei der Bearbeitung kulturgeschichtlicher Komplexe Indiens offen gelassen hat. Michaels möchte diese Lücke zu schließen versuchen, indem er ethnologische Forschungsergebnisse mit indologischen Erkenntnissen verknüpft. Das heißt, er rückt den lebendigen religiösen Komplex des Hinduismus in den Vordergrund und entgeht so dem Fehler, ihn mehr oder weniger ausschließlich über seinen Schriften allein zu definieren: „Bei Ritualen wird zu oft von normativen Texten statt der Praxis ausgegangen." Dem interessierten Leser bietet Michaels daher verschiedene Zugänge zum Hinduismus an. Diese gliedert er in drei Teile, die sich 1. mit den theoretischen und historischen Grundlegungen, 2. der Bedeutung der Religion in der indischen Gesellschaft und 3. schließlich mit den weltanschaulich-philosophischen Gedankengebäuden dieser Religionskomplexes auseinandersetzen. Sehr anschaulich und an vielen vor Ort beobachteten Beispielen fängt der Autor die traditionell geprägte, noch lebendige Alltagspraxis des Hinduismus und dessen Einfluß auf die moderne indische Gesellschaft ein: Michaels beschreibt die Lebensstadien der Kindhe;t und Sozialisation, die Initiationsriten, das Hochzeitsritual und d;e religiösen Feste; er untersucht den Ursprung und die Auswirkungen des Kastensystems, die Vorstellung von Raum und Zeit, von Tod, Wiedergeburt und Erlosung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten. Damit wird Michaels Buch über den Hinduismus zugleich zu einer Studie über Rituale und sozio-religiöse Identitätsbildung, das nicht nur in den Stoff einführen, sondern auch mit einem bestimmten habituellen Denken und Fühlen vertraut machen will. Damit haben wir über den gesellschaftlichen und religiösen Komplex Hinduismus endlich einmal ein anspruchsvolles und spannendes Werk, das uns nach der Lektüre nicht nur mit dem Befremden zurück lässt, dass Indien eben wirklich anders sei, und das nicht - wie häufig die üblichen Pressemeldungen - einen Exotismus des Schauderns bedient. Hier eröffnet sich die Chance, das Fühlen und Denken der Menschen in größerem Maße nachzuvollziehen und damit natürlich auch einen besseren Zugang zu der zugegebenermaßen schwierigen Lebenswelt der Inder zu finden.
Andreas Gruschke