Dieter Wellershoff, Weggefährte der großen deutschen Nachkriegsautoren Heinrich Böll, Günter Grass und Siegfried Lenz, hat seinen Lesern noch einmal ein großes Geschenk gemacht. Neun Jahre nach seinem grandiosen Roman "Der Liebeswunsch" ist nun noch einmal ein Buch des über achtzigjährigen Kölner Autors erschienen.
"Der Himmel ist kein Ort" erzählt von den Zweifeln eines evangelischen Pfarrers.
Pfarrer Hinrichsen ist noch nicht heimisch in seiner großen Vorstadtgemeinde.
Zu groß die Fußstapfen des Vorgängers in die er tritt, zu wenig verbindlich ist seine grüblerisch-nachdenkliche Art.
Im Rahmen eines Einsatzes bei der Notfallseelsorge muss Hinrichsen bei einem schweren Unfall Beistand leisten. Der Realschullehrer Karbe hat sein Auto in einen Fluß gelenkt. Dabei kommt dessen Frau ums Leben und der gemeinsame Sohn fällt ins Koma. Der Unfall wirft viele Fragen auf und Hinrichsen sieht sich bald inmitten einer schwelenden Gerüchteküche. War es wirklich ein Unfall? Oder hat Karbe den Wagen bewusst in den Fluss gelenkt?
Die Gemeinde erwartet Antworten und eine eindeutige Positionierung ihres Pfarrers.
Doch Hinrichsen will nicht vorschnell ein Urteil fällen.
Er bemüht sich um Karbe, hört sich um. Manches wird an ihn herangetragen, was seine eigene Unschuldsvermutung ins Wanken bringt.
Aber eigentlich ist dieses Erlebnis für Hinrichsen Anlass, seine eigenen Lebensentscheidungen zu überdenken. Glücklich ist er nicht, er hat große Zweifel an sich und seinem Amt. Er sieht sich plötzlich im Mittelpunkt verschiedener Erwartungen und spürt deutlich, dass er dem nicht gewachsen ist...
Dieter Wellershoff hat mit Hinrichsen eine Figur geschaffen, die dem Leser fremd bleibt. So sehr Hinrichsen sich quälen muss, so schwer hat es auch der Leser mit ihm. Hervorragend fand ich das mit großer Souveränität geschilderte Umfeld, die wenigen Freunde, die sich um den aus dem Gleichgewicht geratenen Hinrichsen kümmern, die Gemeinde, die mit ihren Erwartungen zusätzlichen Druck ausübt.
"Der Himmel ist kein Ort" ist ein sprödes Buch.
Doch zugleich ein Buch voller wie in Stein gemeißelter sprachlicher Wunder.
Dieter Wellershoff lässt den Leser nicht vom Haken, denn seine eleganten Formulierungen, die mit wenigen Sätzen so präzise und genau treffen, machen dieses Buch dennoch zu einem literarischen Geschenk!