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Der Himmel ist für Gott, der Staat für uns: Islamismus zwischen Gewalt und Demokratie
 
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Der Himmel ist für Gott, der Staat für uns: Islamismus zwischen Gewalt und Demokratie [Taschenbuch]

Albrecht Metzger
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Ein pluralistischer Weg für die Islamisten?

Plädoyer für eine Einbindung in die politische Verantwortung

«Die Islamisten sind keine Gangster», erfährt Albrecht Metzger, der Verfasser eines neuen und wertvollen Buches über den Islamismus, aus dem Munde des palästinensischen Menschenrechtskämpfers Raji Sourani. Erstaunlich ist diese Aussage darum, weil Sourani 1988 auf der Abschussliste der palästinensischen Islamisten stand, nachdem er in einem Interview auf die einstige Zusammenarbeit zwischen Israel und den Muslimbrüdern im Gazastreifen hingewiesen hatte. Der Ausspruch Souranis könnte als Motto über dem gesamten Buch stehen. Metzger hat in Ägypten, Palästina, Jordanien, Libanon und Jemen ausführliche Gespräche mit prominenten Islamisten und ihren Kritikern geführt. Er stellt die Darlegungen in den doppelten Zusammenhang der jeweiligen zeitlichen Entwicklung und der wechselnden politischen Umfelder. In allen fünf Ländern wächst die Zahl der Pragmatiker unter den Islamisten. Sie erklären sich dazu bereit, mit der Staatsmacht zusammenzuarbeiten.

Es wird glaubhaft dargestellt, dass die Radikalen eine zwar laute und von den Medien viel beachtete, doch in ihrer Bedeutung wohl überbewertete Minderheit unter den Islamisten darstellen. Die Islamisten mit Zukunft dürften in der Tat jene sein, die sich bereit finden, in den politischen Alltag in ihren Ländern einzudringen. Entscheidend ist ihre Bereitschaft, für das soziale Wohl ihrer Mitmuslime einzustehen. Sie entgehen daher im Gegensatz zu andern Politikern leichter dem Vorwurf der Korruption. Kritiker werfen den modernen Islamisten freilich vor, dass sie nach dem Erringen der Macht alle demokratischen Deckmäntel abwerfen und ebenso absolut und brutal regieren, wie es derzeit in Iran, im Sudan und in Afghanistan der Fall ist. Der Verfasser bestreitet dies nicht. Doch er weist darauf hin, dass in den von ihm untersuchten Ländern die Islamisten vorläufig keine Aussicht haben, an die Macht zu gelangen. Er zitiert Islamisten aus allen fünf Ländern, die diesen Umstand erkannt haben und sich zu einem pluralistischen politischen System bekennen. Die Versuche, die Islamisten in die politische Verantwortung einzubinden, wie etwa in Jordanien unter König Hussein geschehen, scheinen teilweise Resultate zu zeitigen. Dass Ägypten eine solche Einbeziehung seiner moderaten Islamisten nicht wagt, wertet der Verfasser als einen politischen Fehler.

Die Stärke des Buches liegt in der vielfältigen Darstellung aller Facetten des Islamismus. Auch der Verfasser gebraucht eine weite Definition dieses Begriffes. Alle nichttraditionellen Muslime sind für ihn Islamisten. Dies bedeutet, dass die Kategorie des Islah, des Reformislams, der im späten 19. und im 20. Jahrhundert das Gesicht des intellektuellen Islams bestimmte, bedenklich nahe an die Islamisten herangerückt wird. Dabei bestehen durchaus Grenzen. Die Anhänger des Islah wollen den Islam von späteren volkstümlichen Zusätzen und Auswüchsen, etwa von der Heiligenverehrung und dem Gräberkult, befreien.

Das Anliegen der Islamisten war ursprünglich, den Staat zu kontrollieren und einer islamischen Führung zu unterstellen. Was geschieht aber, so fragt sich der Autor, wenn die Islamisten die Unmöglichkeit dieser Absicht erkennen und sich damit begnügen, Reformen nach ihrem Gusto zu erkämpfen? Empfohlen wird, solchen Begehren nuanciert und kontrolliert stattzugeben. Wenn echte Wahlen stattfänden, würden die Islamisten sie wahrscheinlich mancherorts gewinnen oder mindestens als eine Hauptpartei aus ihnen hervorgehen. Warum? Das Buch zeigt, dass die im Westen kursierende Meinung von den Islamisten als Volksverführern nicht zutrifft. In Tat und Wahrheit dürften grosse Teile der heutigen Muslime nach einem gangbaren Ausweg suchen, um der politischen und moralischen Sackgasse zu entkommen, in der sie sich von westlich gestützten lokalen Tyrannen und Profiteuren getrieben sehen.

Arnold Hottinger

Kurzbeschreibung

Welche Ziele verfolgen die Islamisten? Terrorakte islamistischer Fundamentalisten erschrecken immer wieder die westliche Welt. Doch müssen wir wirklich vor "Allahs Kriegern" (Focus) zittern? Albrecht Metzger hat mehrmals fünf Länder im Nahen Osten besucht und rund 70 Interviews geführt: mit Islamisten und ihren Kritikern. Für ihn ist der Islamismus eine politische Bewegung, die keineswegs mehrheitlich aus extrem gewaltbereiten Gruppierungen besteht. Bis auf wenige Ausnahmen - Iran, Sudan, Afghanistan - sei es ihnen nicht gelungen, sich an die Macht zu putschen. Dennoch haben sie es geschafft, in Ländern wie Ägypten und Algerien die kulturelle Oberhand zu gewinnen.
Die Vorstellung, der Islam greife nach der Weltherrschaft und bedrohe unsere westlich-säkulare Zivilisation, ist ein in den Medien häufig wiederkehrendes Motiv. Schlagzeilen wie "ISLAM, Fundamentalisten - GEFAHR für uns alle?" (Gala) oder "Islamisten auf dem Weg nach Europa - Zittern vor Allahs Kriegern" (Focus) sind keine Seltenheit. Genährt werden diese Ängste nicht nur durch den verbalen Radikalismus islamischer Fundamentalisten, sondern durch zahlreiche Terrorakte: angefangen von der 444-tägigen Besetzung der US-Botschaft im Iran 1980 über den grausamen Terrorkrieg der Islamisten gegen die Zivilbevölkerung in Algerien, der seit 1992 an die 60.000 Tote gefordert hat, bis zum Doppelanschlag auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania im August 1998, bei dem 257 Menschen ihr Leben verloren; verantwortlich dafür soll ein gewisser Ussama Bin Laden sein. Albrecht Metzger hält es trotz allem für falsch, den islamischen Fundamentalismus auf seine terroristischen Komponenten zu reduzieren. Der Islamismus ist keineswegs eine einheitliche Bewegung, die sich über Ländergrenzen hinweg gleichmäßig entfaltet. Er ist eine moderne, zugleich konservative politische Bewegung, die auf Fortschritt setzt. Fortschritt steht für Stärke, und Stärke bedeutet Unabhängigkeit von dem Willen fremder Mächte. "Der Islam steht im Dienste der Menschen", so der jordanische Muslimbruder Bassam Ammoush. "Er sagt nicht: 'Wartet auf den Himmel und vergesst das Leben hier.' Der Himmel ist für Gott, dieser Staat ist für uns, und wenn wir ihn nicht mögen, dann müssen wir ihn verändern." Abdallah Akwa, Mitglied der Jeminitischen Partei für Reform: "Eines unseres Ziele ist es, die Gesellschaft auf ein modernes Niveau zu heben. Wir glauben aber nicht, dass ein Leben im High-Tech-Zeitalter notwendigerweise auch Nachtclubs und sexuelle Freiheiten mit sich bringen muss. Wir glauben, dass fehlendes Vertrauen in die Familie einer Gesellschaft schadet. Ich habe sogar Freunde in Deutschland, die sagen, es gibt bei uns zu viele Freiheiten. Ich möchte eine saubere Gesellschaft haben." Unabhängigkeit, vor allem von westlicher Dominanz, soziale Gerechtigkeit, Gleichheit, Einheit, eine Gesellschaft ohne Laster und Korruption - das sind stichwortartig die Ziele, die die Islamisten verfolgen, und zwar in Ländern, in denen durchweg ein eklatantes Demokratiedefizit herrscht. Die Islamisten stellen dort die wichtigste Oppositionsbewegung dar. Die fünf Länderstudien Metzgers zeigen, dass sich die Islamisten durchaus am politisch Machbaren orientieren. Dieser Pragmatismus kommt auch in ihrem Verhältnis zu außerislamischen Gesellschaften zum Tragen. Denn anders, als man erwarten sollte, sind viele von ihnen an einem Dialog mit dem Westen interessiert. An einen Krieg der Zivilisationen zwischen dem Islam und dem Westen glauben nur wenige. Trotz aller Attacken gegen westliche Arroganz und Dekadenz halten die meisten Islamisten die europäischen und amerikanischen Demokratien für durchaus gerechteSysteme. Was die Islamisten dem Westen jedoch vorwerfen, ist, er praktiziere Demokratie und beachte Menschenrechte nur in seinem eigenen Territorium. Wenn es aber um fremde Länder und Zivilisationen ginge, setze er andere Standards an.

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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Ein Kunde
Format:Taschenbuch
Wenn George Bush den Islamwissenschaftler Bernard Lewis fragt, warum Muslime uns hassen? dann will er Lewis vertretene Ansicht hören: Muslime hassen uns nicht für das, was wir ihnen antun, sondern für das, was wir sind. Und nicht zuletzt für unsere Werte (Demokratie, Freiheit, Menschenrechte). Diese These wird von vielen umstritten diskutiert, in diesem Buch schließt sich Metzger den Kritikern an. Der Orientalist Albrecht Metzger ist der Meinung: "je weniger sich der Westen politisch oder militärisch in die Angelegenheiten eines islamischen Landes einmischt, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass islamische Fundamentalisten die Waffe gegen ihn erheben".( S.15) Er stellt aber ganz klar dar, daß das "keinesweges die Gewalt rechtfertigt".
Mit Informationen aus erster Hand erklärt Metzger plakativ die historischen Grundlagen des Islamismus und stellt seine wichtigsten Ideologen vor.
Außerdem stellte er damals schon im Jahre 2000 eine für die Gegenwart des Islamismus relevante These auf; ein großteil der Islamisten, werden früher oder später einmal an der Macht zu Pragmatikern ( siehe Wahlsieg Hamas) und lassen große Teile ihrer Ideologie hinter sich. D.h sie säkularisieren und schließen sich automatisch der Demokratie an (die aktuell diskutierte charta Änderung der Hamas, die sie zur Anerkennung Israel veranlassen wird und sie zum Dialogpartber statt Erzfeindmacht, ist doch das beste Beispiel für Metzkers Vorhersage!).
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8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Taschenbuch
Albrecht Metzger versteht es, mit grosser Sachkenntnis die vielfaeltigen Ursachen und Facetten des heutigen Islam und seiner politischen Variante des Islamismus lebendig nahezubringen. Er warnt zu Recht vor Vereinfachungen im Sinne von 'clash of civilizations' und Schwarz-Weiss-Blick, was in der Vergangenheit oft fundamentalistische Stroemungen verstaerkt hat. Gerade ade in unserer globalisierten Zeit benoetigen wir mehr denn je sachliche und einfuehlsame Informationen, wie A. Metzger sie bietet, die Verstaendnis für die Bedingungen wecken, unter denen eine im Prinzip friedliebende Religion wie der Islam zum vereinigenden Widerstandssymbol wird. Es waere sinnvoll, wenn dieses Buch auch in englischer Sprache erschiene und von denen gelesen würde, die nicht sehen wollen, dass die fundamentalistische Auspraegung des Islam nicht Aktion aus heiterem Himmel, sondern bereits Reaktion auf jahrzehntelange Erfahrungen westlicher Dominanz und Doppelmoral im Nahen Osten ist. Seit dem 11. September 2001 werden unter dem Motto 'Kampf dem Terrorismus' solche Reaktionen erneut verstaerkt (durch Unkenntnis?) - statt ihre Ursachen zu beheben. Ein aktuelles und wertvolles Buch.
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6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Ein Kunde
Format:Taschenbuch
Dieses Buch thematisiert Ussama Bin Laden, auch wenn es ein Jahr vor den Anschlägen des 11. 9. erschienen ist: Der Autor bezeichnet den Sieg der Mudshahedin über die sowjetischen Truppen in Afghanistan, 1989, als "Katalysator für den militanten Islamismus". Einer der ehemaligen Afghanistan-Kämpfer ist Ussama Bin Laden. Der Kampf der Mudshahedin ist mit 3 Mrd. $ durch die USA wesentlich mitfinanziert worden.

Ägypten, Palästina, Jordanien, Libanon, Jemen: 5 verschiedene Länder, 5 verschiedene Ausprägungen des Islamismus. Albrecht Metzger macht deutlich, dass es DEN monolithischen Islamismus, vor dem sich viele fürchten, nicht gibt. Aus dem Ländervergleich wird deutlich, unter welchen Bedingungen Gewalt entsteht und unter welchen Bedingungen Demokratie. Und es wird deutlich, dass die USA die politischen Bedingungen in Nahost wesentlich mitgestalten.

Dies ist kein Buch, das als Reaktion auf den 11. 9. schnell zusammengeschrieben worden wäre. Vielmehr basiert es auf zahllosen Interviews des Autors mit Journalisten, geistlichen Würdenträgern und anderen wichtigen Multiplikatoren vor Ort. Albrecht Metzger vermittelt dadurch einen authentischen Einblick in die überraschend vielgestaltige politische Landschaft des Nahen Ostens.

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