Ich habe "Der Himmel auf Erden" - wie übrigens Edwardsons Erstling Tanz mit dem Engel - in einem Stück durchgelesen. Das will was heißen, für andere Bücher brauche ich Wochen. Aber Edwardson hat einen unglaublich süchtig machenden Stil. Kurze Kapitel, treffende Sätze. Perspektivwechsel. Der Wissensvorsprung des Lesers. Nervenkitzel, der ohne bluttriefende Sätze auskommt. Und dazu ein Spannungsbogen, der es unmöglich macht, sich um irgendetwas anderes zu kümmern, als dieses Buch zu lesen. Zu verschlingen. Die Atmosphäre aufzunehmen. Und zu verstehen.
Denn: Nichts, aber auch gar nichts in "Der Himmel auf Erden" wirkt geschustert, erzwungen, aufgedrängt. Im Gegenteil: Der Titel hängt zusammen mit den im Buch oft zitierten U2-Songs (heaven is a place on earth ), die ihrerseits mit der Hoffnung der Ermittler auf eine bessere Welt, die der Mörder wiederum nur im Himmel zu finden glaubt und wo er schlussendlich auch landet - gar nicht mal ausschließlich symbolisch gemeint.
Sogar die beiden Handlungsstränge der Verbrechen an den Studenten und der Kidnappings, so unterschiedlich und unzusammenhängend sie anfangs auch wirken, verknüpft Edwards zu einem logischen wie tiefdunklen Netz, das kleine Einblicke in die abgrundtiefe Psyche der Menschen bietet.
Natürlich darf in einem skandinavischen Krimi dabei eine gewisse Portion Gesellschaftskritik nicht fehlen. Tatsächlich entdeckt der aufmerksame Leser, dass sich ein Thema parallel zur eigentlichen Handlung über alle gut 460 Seiten erstreckt: Die Beziehung zwischen Vätern und ihren Kindern. Erkennt man dies, bekommt jede Bemerkung Erik Winters, die Randepisode um seinen Kollegen Bertil Ringmar, den sein Sohn jahrelang nicht sprechen wollte, ja sogar die Motive hinter den Verbrechen einen zusätzlichen, nachdenklich stimmenden Sinn.
Dazu gelingt es Edwardson glücklicherweise, seinen in den ersten Romanen noch recht trockenen, fast eindimensional geschilderten Figuren, Leben einzuhauchen. Vom streng analytischen Snob Erik Winter sind nur seine gute Kleidung und die Zigarillos übrig geblieben. Er ist ein sympatischer Familienmensch geworden, der Gefühle zeigt. Der weint. Wenn auch nur mit ordentlich Whisky und hinter der Sonnenbrille. Sein grimmiger Kollege Halders wirkt trotz seiner großen Schnauze verletztlich und dadurch insgesamt schon beinahe liebenswert. Der ansonsten blasse Kollege Bertil Ringmar wird zu Winters bestem Freund. Es menschelt endlich auch bei Edwardson.
Fasst man diese Punkte zusammen, muss man konstatieren, dass es Ake Edwardson geschafft hat, aus dem Schatten Henning Mankells heraus zu treten. Alle Wallander-Fans, die ihren Kommissar vermissen, dürfen aufatmen. Erik Winter ist nun nach seinem 5. Fall ein mehr als würdiger Nachfolger. Keine Frage: "Der Himmel auf Erden" ist Edwardsons bisher bester Roman. Ganz starke Kriminalliteratur.