Die Geschichte um Elly, eine Hexe, die zwischen den Fronten der weißen und schwarzen Hexen steht, ist der Debutroman von Susanne Rauchhaus und für mich sehr lesenswert. Ich vergebe vier Sterne, weil:
1) Mir der Schreibstil sehr gut gefallen hat. Susanne Rauchhaus lockert die spannende Geschichte durch Witze der Ich-Erzählerin Elly auf, schreibt gute, glaubhafte Dialoge und beschreibt nicht zu viel und nicht zu wenig. Ich kann mir die Charaktere und die Umgebung vorstellen, werde aber nicht mit unnützen Infos zugeschmissen. Die Orte, wie der Antikschmuckladen, in dem Elly arbeitet, oder der Park werden richtig lebendig. Elly hatte sofort ihr Gesicht, ich konnte mir gleich denken, wie sie aussieht. Das ist nicht immer der Fall und es ist doch sehr störend einen Protagonisten ohne Gesicht herumlaufen zu sehen...
2) Die Geschichte finde ich sehr originell. Elly, die als seltene schwarz-weiße Hexe zwischen den weißen und den schwarzen Hexen steht, wird mit einem Fluch belegt, der sie auf die schwarze Seite ziehen soll. Zusammen mit der weißen Hexe Runa macht sie sich auf um die schwarzen Hexen, die in Spiegeln gefangen sind, zu besiegen. Toll. Und die Umsetzung ist noch besser. Susanne Rauchhaus lässt Runa und Elly hexen was das Zeug hält, ob es nun bloß um schöne Partyoutfits geht oder um den Weg in eine Parallelwelt, in der sich Runa nach einem Überfall ungestört ausruhen kann. Viele mystische Gegenstände wie der Ankh, der am Anfang von den schwarzen Hexen gestohlen wird, oder das Zauberbuch, mit dem Elly lernt, verstärken diesen Eindruck noch.
3) Die Hauptperson Elly finde ich sehr symphatisch. Eigentlich ist sie eine Jugendbuchprotagonistin wie sie im Buche steht: Unauffällig, schüchtern, in einen beliebten Jungen verliebt und mit dessen Freundin, der Oberzicke, verfeindet. Ein bisschen weniger Klischees hätten der Geschichte an dieser Stelle gut getan, doch darüber kann ich gern hinwegsehen, da dies nicht die Haupthandlung ist. Auch schön finde ich, dass Elly nicht wie eine Mary-Sue wirkt, obwohl sie als etwas Besonderes dargestellt wird: Eine schwarz-weiße Hexe, die sehr schnell die Magie erlernt. Elly ist trotzdem nicht perfekt und kommt mit ihren neuen Fähigkeiten zuerst auch gar nicht klar.
Allerdings finde ich den Charakter Runa noch viel interessanter als Elly. Die weiße Hexe, die geschickt wurde um Elly zu zeigen, wie das alles funktioniert, scheint am Anfang zickig und oberflächlich, ist es aber eigentlich nicht wirklich. Sie ist lustig, intelligent und sehr gut ausgearbeitet.
Allerdings gibt es auch Dinge, die mich an dem Roman gestört haben und mich dazu bringen ihm einen Stern weniger zu geben:
1) Diese Naivität, die Elly an den Tag legt, zum einen. Da erzählt Runa ihr, der Morg sei ein böses schwarzes Wesen, dass versucht Elly dazu zu überreden, schwarze Magie anzuwenden, um sie auf die böse Seite zu ziehen. Und was macht sie? Sie hört trotzdem auf den Morg um ihrer Feindin eins auszuwischen. Hätte Runa ihr nicht kurz zuvor alles erklärt, hätte ich das ganz spannend und auch nachvollziehbar gefunden, aber so? Einfach nur naiv und gutgläubig. Nach dem Motto: Ach, soooo etwas Schlimmes tue ich doch gar nicht, wird schon alles gut gehen.
Ähnlich ist es mit dem Amulett. Henrik gibt Elly ein Amulett, das sie vor Magie schützen soll. Und, als sie sich mit ihm streitet, nimmt sie es einfach ab...Dafür ziehe ich allerdings keinen Stern ab, da das wohl zu Ellys Charakter gehört. Fand ich nicht so gelungen, kann ich aber auch nicht wegen meckern. Elly ist eben Elly...
2) Die Hexen werden als schwarze und weiße Hexen dargestellt und genauso ist es auch: Schwarz und weiß. Kein dazwischen, keine Grauzone. Gut und Böse, mehr ist da nicht. Mit Henrik, der glaubt, jede Art von Magie sei schlecht, wird der starke Kontrast ein wenig aufgelockert, was mich doch sehr gefreut hat. Wenigstens etwas. Ein halber Stern muss trotzdem gehen.
3) Halber Stern Nummer 2 geht, weil ich finde, dass hier der Zufall viel zu oft als Mittel zum Zweck verwendet wurde. Zufällig rutschen Tücher von Spiegeln. Zufällig hört Elly ein wichtiges Gespräch zwischen zwei Hexen mit. Und ganz, ganz zufällig arbeitet sie als Hexe natürlich in dem Antikschmuckladen zu dem das Ankh gebracht wird. Die Erklärung: "Es ist ein magischer Ort! Er hat dich angezogen!" fand ich dann doch ein bisschen fadenscheinig. Zufall ist ja schön gut, aber zuviel ist zuviel!
4) Und, was mich sehr gestört hat, war das Ende. Dieses Halloween-Casting wurde viel zu breit gewalzt und hat, wie ich finde, die Atmosphäre zerstört. Zuvor war sie mysthisch und auch mal unheimlich, aufgelockert durch ein wenig Humor, dann kam das Casting: Lang und breit werden Models beschrieben und irgendwelches Rumgezicke, wer wie warum läuft. Mysthik war weg, "typisches Mädchenbuch"-Niveau war da. Schade. Sehr, sehr schade.
Alles in Allem finde ich trotzdem, dass "Der Hexenspiegel" eines der besseren deutschen Jugendbücher ist. Die Geschichte ist gut ausgearbeitet, ebenso die Charaktere und die Phantasie der Autorin macht die kleinen Schwächen auch fast wieder gut. Bis auf das Casting. Ich würde diesen Roman allersdings trotzdem jedem Fan des Genres empfehlen...