Was für ein wunderbarer Reiseführer für Tolkien-Liebhaber und Neuseelandreisende! Fotograf und Autor Ian Brodie - als Einheimischer "Herr der Ringe"-Fan ein Kenner von Land und Locations - begleitet zu sämtlichen Schauplätzen auf der Nord- und Südinsel. Dabei ist das Buch gespickt mit Fotos von Dreharbeiten, Cast und Crew sowie überwältigenden Landschaftsaufnahmen.
Ich erinnere mich noch gut an meine Rückkehr aus dem Kino, nachdem ich das erste Mal "Der Herr der Ringe. Die Gefährten" gesehen hatte. Im Vorfeld hatte ich eisern jedwede Berichterstattung gemieden, denn ich wollte das Abenteuer wirklich frei von fremden Gedanken und Eindrücken auf mich wirken lassen. Eine Entscheidung, die ich nicht bereut habe. Noch nie hatte ich so überwältigende Landschaften gesehen. Den Kinosaal verließ ich als letzte, zutiefst bewegt und taumelnd im viel zu hellen Licht. Es war wie die Rückkehr aus einer anderen Welt. Das, genau *das* war Mittelerde, so, wie ich es mir beim Lesen der Bücher immer vorgestellt hatte! Solche Landschaften, eine derart unberührt wirkende, urwüchsige und vielfältige Natur findet man wohl wirklich nur in Neuseeland.
Regisseur und Produzent Peter Jackson hatte diese Vision bereits in Alter von 18 Jahren, wie er im Vorwort des Buches verrät. Da war er mit Tolkiens Buch auf den Knien im Zug von Wellington aus über die Nordinsel unterwegs. Während die ganze, gewaltige Lebendigkeit Mittelerdes in seinem Kopf bebte, zog die überwältigende Schönheit seiner Heimat an ihm vorüber: "Immer wieder hob ich während der zwölfstündigen Fahrt meine Augen vom Buch und blickte in die vertraute Landschaft hinaus - ganz plötzlich sah sie wie Mittelerde aus" (S. 6).
Tiefe, geheimnisvoll anmutende Schluchten, hochaufragende, majestätische Berge, aber auch unfruchtbares, karges Ödland und satte, üppig grüne Täler gehören zur Welt Mittelerdes. Eine Herausforderung für die Location-Scouts. In der landwirtschaftlich geprägten Region Waikato entstand schließlich das idyllisch-gemütliche Hobbingen. Auch die Szenen auf der Wetterspitze wurden in jener Region gedreht. Der felsige Steilhang des Skigebiets Whakapapa - ein begehrter Anziehungspunkt für Wintersportler - wurde zur unwirtlichen und leblosen Gegend Mordors. Auch wenn die Kulissen größtenteils wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurück versetzt worden sind, für Fans der Romane und Filme ist Neuseeland längst ein begehrtes Reiseland geworden.
Wer dieses Abenteuer noch vor sich hat, sollte unbedingt einen Platz für Ian Brodies Reiseführer im Gepäck reservieren. Wie Peter Jackson witzelt: Dieses Buch "hätte uns bei der Suche nach Drehorten unglaublich viel Mühe erspart." Damit findet man sie alle.
In der Randspalte erfährt man außerdem historisch Wissenswertes aus dem "Herrn der Ringe" zu den entsprechenden Orten. Es gibt Hinweise zu Entfernungen für Autofahrer und natürlich Tipps, wo man einkehren, etwas essen oder übernachten kann. (Bei den Entfernungen sollte man sich bewusst sein, dass die neuseeländischen Straßen eng und die Geschwindigkeitsbegrenzungen allgegenwärtig sind. Man braucht also für die genannten Kilometer unter Umständen deutlich länger als in Deutschland.) Kleine Landkarten, in die die maßgeblichen Punkte eingezeichnet sind, erleichtern zudem die Orientierung und das Auffinden der gesuchten Gegenden und Punkte. Trotz allem sollte auch ein herkömmlicher Reiseführer nicht fehlen.
Leider sind nicht alle Drehorte zu besichtigen; manche können ausschließlich mit einem Helikopter erreicht werden oder sind - wie Deer Park Heights - für Touristen nicht zugänglich. Das allerdings nimmt dem Land nichts von seiner magischen Wirkung. Das Betrachten der Bilder gibt einen Vorgeschmack auf das, was einen tatsächlich erwartet. Da wirkt der Blick in die Innenstadt Wellingtons beinahe wie ein Anachronismus.
Es ist unglaublich, wie viele Informationen hier auf kleinstem Raum zusammengeballt sind: Peter Jackson beschreibt die Suche nach den passenden Drehorten, Richard Taylor gibt Einblicke in die anspruchsvolle Kameraarbeit, und auch Alan Lee hat amüsante Erinnerungen auf Lager. "Ständig waren wir auf der Suche nach einem Feuchtgebiet für die Totensümpfe zwischen den Emyn Muil und dem Schwarzen Tor [...]. Schon nach unserer ersten Landung hatten wir begriffen, wie unpraktisch es ist, an einem Ort zu filmen, wo man die Mitarbeiter nach jeder Aufnahme durchzählen muss."
Allein die Bilderflut, die amüsanten Einblicke in die Dreharbeiten und nicht zuletzt die persönlichen Kommentare von Cast und Crew machen das Lesen zu einem Muss für Tolkien-Fans. Als Reiseführer muss das Format notwendigerweise handlich sein, um auch tatsächlich Platz im Gepäck zu finden. Dementsprechend klein sind auch Fotos und Karten. Die Qualität ist jedoch überaus hochwertig, so dass alles gut erkennbar ist, selbst wenn der Fan sich natürlich Postergröße wünschen würde.
Autor Ian Brodie erweist sich als versierter Kenner von Land und Locations. Mit großer Liebe und Enthusiasmus für die Filme begeistert sein durchdacht strukturierter Reiseführer von der ersten bis zur letzten Seite. Da ist egal, ob man tatsächlich, mit dem Finger auf der Landkarte oder auch nur im Herzen reist. Auf nach Mittelerde!