Maria, die Tochter des reichen Dechen und Ratsherren in Lemgo, Cordt Rampendahl, wird als Einzige von achtzehn Schülern verschont, als ihr Lehrer als Hexer verbrannt und ihre Mitschüler fortgeschickt werden. Doch seitdem folgt Maria der Ruf als Hexe und die meisten Bewohner des Dorfes meiden sie und ihre Familie.
Zu allem Unglück verliebt sich Maria auch noch in den Henker des Dorfes, David. Dieser ist jedoch um einiges älter als sie, verheiratet, Familienvater und verantwortlich für den Tod zahlreicher unschuldiger Männer und Frauen.
Nachdem Maria für einige Morde in der Dorfgemeinschaft verantwortlich gemacht wird, liegt ihr Schicksal in den Händen des Bürgermeisters und unerbittlichen Hexenverfolger Hermann Cothmann. Dieser bietet ihr an, sie zu verschonen, wenn sie ihm, wann immer er Lust auf sie hat, zu willen ist. Doch Marias weist ihn zurück und verweigert sich ihm. Damit sollte ihr Tod durch den Scheiterhaufen eigentlich feststehen, doch was passiert, wenn der Henker, in Liebe entbrannt, nicht willens ist, seinen Beruf auszuführen? Ein Kampf um Leben und Liebe beginnt...
Mehr möchte ich zum Inhalt des Romans auf keinen Fall sagen, da ich finde, dass der Geschichte dadurch einfach zu viel vorweg genommen werden würde. Daher empfehle ich euch, falls ihr den Roman lesen möchtet, das Personenverzeichnis gleich zu Beginn des Buches nicht zu lesen. Die Beschreibungen, die in diesem Verzeichnis zu den einzelnen Personen verfasst worden sind, geben meiner Meinung nach schon viel zu viel von der Geschichte preis!
Über die Geschichte an sich muss ich allerdings sagen, dass sie mir unglaublich gut gefallen hat. Zum einen überzeugt mich die Recherche, die Bettina Szrama betrieben hat, um diesen Roman zu verfassen, sehr. Als Leser fühlt man sich mitten in das Geschehen hineingezogen und kann sich nur allzu gut vorstellen, dass die Grausamkeiten, die die Autorin schildert, sich genauso zugetragen haben könnten. Aber nicht nur die fortwährenden Ermordungen werden äußerst authentisch beschrieben, sondern auch die Persönlichkeiten der Protagonisten. Man erfährt sehr viel über die Vergangenheit eines Jeden, was ich persönlich immer sehr wichtig finde, um zu verhindern, dass die Charaktere ins Oberflächliche oder Seichte abdriften. Sogar Nebencharaktere wie Marias Mutter oder Maria Vieregge werden sehr detailliert beschrieben, so dass sie vor dem inneren Auge des Leser lebendig werden.
Desweiteren haben mir vorallem die Beschreibungen der Emotionen der einzelnen Charaktere sehr gut gefallen. Ich habe es mir äußerst schwierig vorgestellt, einen Henker, der tagtäglich viele unschuldige Menschenleben beendet, als Sympathieträger darzustellen. Doch Frau Szrama gelingt dies, indem sie David unglaublich menschlich und fehlerhaft erscheinen lässt. In meinen Augen ist David zwar skrupellos und kaltherzig, wenn er Menschen tötet, von denen er weiß, dass sie unschuldig sind, allerdings wird bald deutlich, dass er ebenso zu aufrichtigen und tiefen Gefühlen fähig ist, wie andere Menschen. Er ist genauso in der Lage, Liebe zu empfinden, sich seine Fehler einzugestehen und Reue zu verspüren.
Diese Art und Weise, die einzelnen Charaktere lebendig und vorallem tiefgründig und dadurch authentisch darzustellen, ist eine Kunst, die nicht viele Autoren beherrschen. Bettina Szrama allerdings schon!
Generell wirkte das Werk auf mich sehr echt und real. Dies bewirkte vorallem der Schreibstil. Dieser scheint der damaligen Zeit unglaublich gut zu entsprechen. Die Sprache wirkt tatsächlich altertümlich, ohne den Lesefluss zu beeinträchtigen. Auch die Schilderungen der einzelnen Geschehnisse werden sehr authentisch dargestellt. So wird nicht beschönigt oder nichtig geredet. Außerdem wird die Mächtekonstellation der damaligen Zeit gut hervorgehoben. Wer Geld hat, hat Macht. Teilweise ist es hier sogar egal, ob sich einst eine Hexe oder ein Hexer in der Familie befand.
Sehr gut von der Autorin herausgearbeitet ist auch die Tatsache, dass Menschen damals beinahe willkürlich der Hexerei beschuldigt werden konnten, nur weil jemand anderes eifersüchtig auf sie war oder sie schlichtweg nicht leiden konnte.
Das einzige was mich ein wenig verwirrt hat, ist, dass ich einige Handlungen und Taten der Protagonisten nicht wirklich nachvollziehen konnte. Da ist zum einen die Tatsache, dass Maria sich in den Henker David verliebt. Ich finde es äußerst fragwürdig, dass sich ein junges Mädchen, damals gerade knapp über zehn Jahre alt, in einen viel älteren Mann verliebt, der noch dazu täglich Menschen tötet. Ich denke, dass ein junges Mädchen vor so einem Mann wohl eher Angst hätte, als zu ihm aufzuschauen und ihn anzuhimmeln! Aber gut, wo die Liebe hinfällt...
Im Verlauf der Geschichte gibt es noch einige Taten, die sich mir nicht ganz erschließen, aber auf diese gehe ich jetzt nicht näher ein, da ich so zu viel von dem Roman preisgeben würde.
Teilweise hat der Roman auch einige Längen, in denen nicht wirklich etwas passiert und die in meinen Augen nur aus Lückenfüller dienten, ansonten konnte die Spannung allerdings sehr gut aufrecht erhalten werden.
Alles in allem ist "Der Henker vom Lemgo" mal wieder ein überaus gelungener historischer Roman, der durch Authentizität und tiefgründige Charaktere besticht! Trotz einiger Dinge, die ich ein wenig fragwürdig finde, ist der Roman in meinen Augen dennoch sehr echt und realistisch. Daher vergebe ich an dieser Stelle vier Sterne für einen gut recherchierten Roman, den ich jedem empfehlen kann, der gerne historische Romane liest, die nicht nur der reinen Unterhaltung diesen, sondern auch nachdenklich stimmen, in dem sie den Leser auf die unmöglichen Lebensbedingungen einer anderen Zeit hinweisen.