Der Historiker Eckard Michels gliedert seine Biographie "Paul von Lettow-Vorbeck" in drei etwa gleich umfangreiche Teile:
Im ersten Teil, "Protektion und Leistung: Stationen einer militärischen Karriere im Kaiserreich 1870-1930", wird der Typus eines wilhelminischen Offiziers mit seiner Erziehung, Bildung und Ausbildung beschrieben. Zwei Kapitel, "Einsatz in China" und "Krieg in Deutsch-Südwestafrika", enthalten kurzweilige, schonungslose Resümees deutscher Militäroperationen in den Kolonien vor dem ersten Weltkrieg. Lettow bleibt in diesem ersten Teil eine Randfigur seiner eigenen Biographie. Immer wieder wird ungerechtfertigt, da nicht belegt, vom Muster des preußischen Offiziers auf die Person Lettows geschlossen. Der Drang des späteren Generals in die Kolonien wird wiederholt mit besseren Karrierechancen nach der Heimkehr erklärt. Träfe dies zu, wären die Kolonien voller aufstrebender, vielversprechender Offiziere gewesen, was nachweislich nicht der Fall war. Lettows wirkliche Motivation bleibt im Dunkeln.
Der zweite Teil, "Der Kommandeur: Ostafrika 1914-1918", ist eine wenig mitreißende Zusammenstellung von Truppenbewegungen, strategischen und taktischen Entscheidungen sowie von Daten zur Personalausstattung, Bewaffnung und Ausrüstung der kriegführenden Parteien. Die Leiden der autochthonen Bevölkerung und der Soldaten aller Seiten werden zwar numerisch erfasst, aber nicht greifbar gemacht. Die Persönlichkeit Lettows bleibt auch in diesem Kapitel blass. Es bleibt unklar, was von einem Offizier in seiner Lage erwartet werden durfte und ob sich Lettow davon abhob. Wenn auch nicht so eklatant wie in vergleichbaren Werken wird der Fehler begangen, eine Person der Geschichte mit den heutigen Maßstäben zu messen. Gebetsmühlenartig wird Lettow als einseitig denkend, engstirnig, borniert dargestellt. Trifft dies, aus gegenwärtiger Sicht, nicht auf die überwiegende Mehrheit der damaligen Bevölkerung zu, der weitere einhundert Jahre Geschichtserfahrung und die heute so wohlfeile Bildung fehlten? Es wäre sinnvoll, lediglich die Maßstäbe der damaligen Zeit anzulegen. Aussagen von Zeitzeugen über Lettow werden in diesem Teil der Biographie jedoch nur sporadisch zitiert, um sogleich als nachträglich "frisiert" und unglaubwürdig abgetan zu werden, sofern sie ein positives Zeugnis ablegen. Allerdings räumt das Buch überzeugend mit der Legende vom gegenüber den einheimischen Völkern Ostafrikas rücksichtsvoll operierenden Feldherrn und wohlmeinenden Kommandeur der schwarzen Askari und Träger auf.
Der dritte Teil, "Der Kolonialheld 1919-1964", zeichnet, wohl auch wegen der besseren Quellenlage, in dieser letzten Lebensphase ein differenzierteres Bild Lettows, das hinreichend detailliert und hinterlegt ist, um dem Leser eine eigene Bewertung zu ermöglichen.
Das Buch ist über lange Strecken unterhaltsam. Indes wird die Lektüre durch eine Vielzahl endlos verschachtelter Sätze, den spärlichen Gebrauch der Interpunktion und nicht zuletzt durch zahlreiche formale Fehler, die dem Verlag anzulasten sind, getrübt.
Empfehlenswert ist das Buch für alle, die sich für die deutsche Militärgeschichte zwischen den Vereinigungskriegen und dem Ende des Ersten Weltkriegs interessieren. Wer sich über die deutsche Kolonialgeschichte informieren möchte, wird manche Lücke füllen können. Auf eine wirklich aussagefähige Biographie Lettow-Vorbecks muss hingegen weiterhin gewartet werden.