Dieses wunderbare Buch ist mittlerweile seit seinem ersten Erscheinen im Jahr 1993 zu einem Klassiker der anspruchsvollen Bilderbuchliteratur geworden. Ähnlich wie bei dem berühmten "Das kleine Ich-bin-Ich" der großen Kinder- und Jugendbuchautorin Mira Lobe geht es hier um die Entwicklung von Selbst-Bewußtsein im wahrsten Sinne des Wortes, um den Aufbau einer Ich-Identität, ohne die ein wirklich sinnvolles Menschenleben nicht möglich ist.
Im Buch von Max Bolliger geht es zusätzlich um ein Phänomen, das jeder kennt, der einmal bewußt darüber nachgedacht hat. Den Vorgang nämlich, daß Selbstausgrenzung die Ausgrenzung durch andere geradezu hervorruft und nur dadurch beendet werden kann, daß der zuvor sich selbst außerhalb der Gemeinschaft Stellende sich wieder mit vollem Bewußtsein seiner selbst in diese Gemeinschaft hineinstellt, und nicht vorsichtig und scheu wartet, bis diese ihn etwa ruft.
Es wir die Geschichte erzählt von einem kleinen Hasen, der himmelblauen Ohren hatte. Das geht so lange gut, bis er sich dieser Tatsache bewusst wird und realisiert, daß die Ohren der anderen Hasen eine andere Farbe haben. Er beginnt sich seiner Ohren zu schämen und damit beginnt der Teufelskreis. Er geht den anderen Hasen aus dem Eeg und spielt mit sich allein. Dieser Rückzug allein löst die Reaktion der anderen Tiere aus, die nun beginnen ihn auszulachen, was bei dem Hasen das Gefühl des Nichtdazugehörens noch verstärkt. Er verlässt sein Dorf und geht in die Welt. Nur der Mond, dem er immer wieder nachts sein Leid klagt, begleitet ihn stumm. Auf seinem Weg findet er die Hüte verschiedener Handwerkszünfte und arbeitet eine Zeit lang in dem jeweiligen beruf, seine Ohren immer unter dem jeweiligen großen Hut versteckend. Doch immer wieder geht sein Hut auf irgendeine Weise verloren , die anderen entdecken seine (versteckten !) himmelblauen Ohren und verlachen ihn. Statt zu kämpfen, geht er wieder fort, um den nächsten Hut zu finden und erneut die gleiche Erfahrung zu machen.
So begegnet er den Schornsteinfegern, den Köchen, den Gärtnern, den Clowns und den Vagabunden und lernt sehr viel von ihnen. Doch nachdem auch die Vagabunden ihn irgendwann ausgelacht haben, hat er die Nase voll, setzt sich an einen Teich und sein Freund der Mond schenkt ihm nachts die Erfahrung eines Spiegelbildes. Er sieht seine Ohren zu ersten Mal selbst, sie gefallen ihm und stolz und aufrecht kehrt er in sein Dorf zurück, begegnet all den Schornsteinfegern etc. und - was nun nicht mehr überraschen mag- keiner lacht ihn aus, alle achten ihn als einen selbstverständlichen Teil ihrer Gemeinschaft. Doch, obwohl sie hart war, die Erfahrung, die er machen musste, der keine Hase schätzt sie wert, denn so vieles hat er gelernt, was ihm keiner mehr nehmen kann ....
Ein wunderschönes Buch, das die Kinder in dem Kindergarten , in dem ich regelmäßig vorlese, so lieben, daß es jetzt für alle angeschafft wurde.