Edmund de Waal ist Keramikkünstler. Täglich ist er mit Dingen beschäftigt, die man mit Händen gestaltet, in den Händen halten und fühlen kann. Eine solche Obsession kann nicht ohne Wirkung bleiben auf den Blick, mit dem jemand in die Welt schaut: Er interessiert sich für die Gegenstände, die vor ihm liegen, in Reichweite seiner Hände. Er ist kurzsichtig im besten Sinne.
Es ist dieser Blick, der über weite Strecken dominiert in "Der Hase mit den Bernsteinaugen", dem ersten Buch von Edmund de Waal. Von Anfang an ist er auf eine Sammlung von 264 japanischen Holz- und Elfenbeinschnitzereien gerichtet, die Charles Ephrussi, ein Vorfahr de Waals, Ende des 19. Jahrhunderts erstand, um damit die Kunstsammlung seines noblen Pariser Salons zu bereichern. Über mehr als 100 Jahre folgt der Autor dem Weg der Netsuke, bis diese schließlich in einer Vitrine seines eigenen Hauses in einem Londoner Vorort landen. Die Geschichte der Netsuke ist eng verwoben mit der Geschichte von de Waals Vorfahren, den Ephrussis, einer im Getreide- und Bankgeschäft reich gewordenen jüdischen Familie mit Wurzeln in Odessa. Und auch wenn de Waal vor allem die Geschichte dieser Familie erzählen will: Man spürt, dass der Autor diese kleinen Dinge wirklich liebt, dass sie für ihn mehr sind als nur ein literarischer Kniff zur Ausschmückung der eigenen Biografie. Geradezu programmatisch schreibt er am Anfang: "Ich möchte wissen, welche Beziehung es gab zu diesem hölzernen Ding, das ich in meinen Fingern wende - hart und knifflig und japanisch -, und wo es gewesen ist. ... Ich möchte in jeden Raum gehen, wo dieses Objekt existiert hat, möchte sein Volumen spüren, wissen welche Bilder an der Wand hingen, wie das Licht aus den Fenstern einfiel. Und ich möchte wissen, in wessen Händen es war, was jemandem daran lag, was er darüber dachte - falls er es tat. Ich möchte wissen, wovon es Zeuge war."
Und so ist de Waal immer wieder "bei den Dingen", beschreibt akribisch einzelne Netsuke, impressionistische Gemälde, japanische Schmuckkästchen, prunkvolle Gebäude, Salons, Möbelstücke, Räume - die ganze dingliche Welt, in der sich seine Vorfahren bewegt haben. Von dort geht sein Blick zu denen, "in deren Händen es war", zu den Besitzern und Bewohnern all dieser Pretiosen: dem Pariser Lebemann Charles, den Wiener Statthaltern Victor und Emmy, seiner Großmutter Elisabeth und seinem Großonkel Iggie. Hier zeigt sich dann eine Eigentümlichkeit dieses Buches, die manchen Leser enttäuschen mag: So innig die Beziehung de Waals zur gestaltenden Kunst, zu den Gegenständen ist, so blass bleiben die Menschen, die er beschreibt. Charakterstudien, literarische Figurengestaltung, Dialoge, episches Erzählen - all das ist seine Sache nicht. Der Erzählstil bleibt stets der eines nüchternen Chronisten.
Fairerweise muss man sagen, dass de Waal selbst betont, er habe gerade keine "sepiagetönte Familiengeschichte" schreiben wollen. De Waal ist mehr Sachbuchautor als Romancier. Die meisten Geschichten handeln von Menschen, die von Dingen umgeben sind. "Der Hase mit den Bernsteinaugen" ist eine Geschichte von Dingen, in der auch Menschen vorkommen.
Und doch kann man dieses Buch mit großem Gewinn lesen. Denn nebenbei wird hier auf eine angenehm zurückhaltende Weise Zeitgeschichte vermittelt, vom irritierenden Müßiggang eines reichen Pariser Connaisseurs im Fin-de-siecle, vom Leben im grandiosen Palais Ephrussi am Wiener Schottenring (der heute ein Casino beherbergt), und, dramatischer Höhepunkt der Geschichte, vom österreichischen Anschluss an den Nationalsozialismus im März 1938. Die abscheuliche, plumpe Gewalt, mit der ganz Wien und das Palais Ephrussi "arisiert" werden, die abstoßende Dummheit der sinnlos euphorischen Masse, die ordinäre Bürokratie, mit der Menschen innerhalb weniger Stunden enteignet und bestohlen werden, all dies schlägt unvermittelt auf den Leser ein, und hier ist de Waals ruhiger, sachlicher Erzählstil genau der richtige: Die primitive Bösartigkeit der Nazis verträgt keine Stilisierung.
Die FAZ-Literaturkritikerin Felicitas v. Lovenberg nannte das Buche "eine unbedingt zu erlesende Kostbarkeit". Auch wenn man immer misstrauisch sein darf gegenüber Zitaten, mit denen die Verlage ihre Bücher zukleben: Die Formulierung "zu erlesen" passt gut auf dieses Buch, weil darin etwas von "erarbeiten" steckt. Man muss sich dieses Buch erarbeiten, muss sich anfangs durch die spröde Gegenständlichkeit, durch die staubtrockenen Detailbeschreibungen kämpfen, um dann mit zunächst kleinen, dann immer größeren und schwungvolleren Schritten in die Geschichte einer faszinierenden Familie einzutreten, die am Ende nicht nur auf unfaufdringliche Art bildet, sondern auch sehr bewegt.