Wie häufig kommt es vor, dass man als Leser gar nicht weiß, auf was man sich bei einem Buch einlässt und dann vollkommen überrascht wird, positiv nämlich? So ist es mir gegangen bei dieser Familiengeschichte von Edmund de Waal, einem britischen Professor für Keramik mit britisch-niederländisch-österreichisch-russischen Wurzeln, die einen Zeitraum von 1871 bis 2009 umfasst und uns nach Paris und Wien, in die Tschechoslowakei und nach England, nach Odessa und Tokio führt. Und ich wurde nicht nur positiv überrascht, sondern bin restlos begeistert von diesem Werk, aus dem man vieles lernen und viel Wissen auffrischen kann.
Der rote Faden dieser Familienbiographie sind 264 Netsuke, einer japanischen Kunstform kleiner, handgefertigter Gegenstände aus Holz, Elfenbein, Horn oder Bambus. Diese Handschmeichler stellen Götter, Tiere, Blumen oder Szenen aus dem Alltag dar. Ein Urgroßonkel de Waals hatte diese Sammlung 1871 als Ganzes erworben: Charles Baron Ephrussi. Unter diesen 264 Kunstgegenständen, die Charles im Hôtel Ephrussi, dem Familienstammsitz des nach Frankreich ausgewanderten Zweigs der Familie, in einer Glasvitrine ausstellte, ist auch der "Hase mit den Bernsteinaugen".
Charles, als dritter Sohn geboren und damit von vorne herein in der wohlhabenden, nein reichen Familie Ephrussi vom Arbeiten befreit, beschäftigte sich als Kunstsammler und -historiker. Der erste Teil des Buches handelt von Charles, vom Paris im fin de siècle, dem ausgehenden 20. Jahrhundert und von unzähligen, mit Charles und der Familie Ephrussi bekannten und befreundeten Berühmtheiten: Manet, Monet, Renoir, Degas, Proust, Goncourt, der gesamte Pariser Hochadel und viele andere mehr.
Die Ephrussi waren neben den Rothschilds die einflussreichste und vermögendste jüdische Dynastie, deren Reichtum ihren Ursprung in Getreidegeschäften im russischen Odessa am Schwarzen Meer hatte. Ein weiterer Zweig der Familie ließ sich in Wien nieder, wohin die Netsuke gekommen war, als Charles die Vitrine samt Inhalt Viktor und Emmy Ephrussi, dem Urgroßvater und der Urgroßmutter Edmunds, zur Hochzeit geschenkt hatte. Teil 2 und Teil 3 beschreiben die Zeit von der Jahrhundertwende bis zum Anschluss Österreichs an Deutschland im Jahr 1938. Dort treffen wir neben der Familie auf Namen wie Rilke, der eine Brieffreundschaft zur jungen Elisabeth, Edmunds Großmutter, pflegte, Schnitzler, Wassermann, Karl Kraus, Gustav Mahler. Nach der Schilderung der Ausreise Viktors aus der Slowakei und seiner Ankunft bei London schreibt de Waal: "Er ist Emigrant. Sein Land der Dichter und Denker ist zum Land der Richter und Henker geworden."
Wer immer noch glaubt, dass Antisemitismus eine rein deutsche und hier wieder eine ausschließliche Sache der Nationalsozialisten gewesen war, sieht sich eines Besseren belehrt. Auch im Paris des 19. Jahrhunderts wurde Stimmung gemacht gegen Juden. Subtil und ganz offensichtlich. Auch Künstler wie Renoir waren nicht frei von antijüdischen Ressentiments. Ebenso im Wien des beginnenden Jahrhunderts, lange Jahre vor dem Anschluss und der Machtübernahme der Nazis in Wien. Hitler und Schergen nutzten Stimmungen, die lange vorhanden waren, zur Verfolgung ihrer grausamen Ziele und Neigungen. Das ist sicherlich keine neue Erkenntnis, wird hier aber noch einmal behutsam und dennoch eindringlich geschildert.
Der letzte Teil des Buches macht dann einen Sprung nach Japan, schlägt den Bogen also zurück in das Herkunftsland der Netsuke, wo sich Iggie, ein Großonkel Edmunds niederlassen wird und die kleinen Kunstwerke mit den Worten "Japan wird's werden. Ich bringe sie zurück." mitnahm.
Vergleichen möchte ich dieses Buch mit Stefan Zweigs "
Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers". Die inhaltlichen Parallelen liegen auf der Hand, in beiden Büchern geht es um das Sammeln von Kunstgegenständen, um Begegnungen mit großen Persönlichkeiten, die sich teilweise überlappen. "Absolut empfehlenswert!" ist das Mindeste, was ich potenziellen Leserinnen und Lesern zurufen kann. Fünf Sterne, mehr geht leider nicht.